London rät seinen Bürgern, Konservendosen und Wasserflaschen zu bunkern. Schuld sind der Klimawandel und Moskau, versteht sich. Was in der Regierungsbroschüre fehlt: Dieselbe Regierung hat die Direktzahlungen an ihre Bauern um 98 Prozent gestrichen, das Ersatzprogramm über Nacht dichtgemacht, die Erbschaftssteuer auf Höfe scharfgestellt, ein Flächenkonzept verabschiedet, das rund 760’000 Hektar aus der Landwirtschaft nehmen soll – und sie hält den Vorzeigehof, der seit 2001 Jurten statt Weizen produziert, für das Modell der Zukunft. Dann kam die Dürre. Und jetzt heisst die Ernte-Katastrophe «Wetter».
Der Reihe nach, denn die Reihenfolge ist die Pointe. Im November 2015 spielten in Washington 65 Konzernvertreter, Ex-Politiker und Stiftungsleute ein zweitägiges Planspiel namens Food Chain Reaction, bezahlt von Cargill und Mars, veranstaltet vom WWF und dem Center for American Progress. Das Szenario laut damaligem Bloomberg-Bericht: «Das Jahr ist 2026.» Überschwemmungen, Ernteausfälle, Flüchtlingsströme, Unruhen. Die Schlussrede hielt John Podesta, Clintons Ex-Stabschef und Gründer der veranstaltenden Denkfabrik. Sein Manuskript liegt dank WikiLeaks vor: Extremwetter werde dann verheerend, wenn es auf «schlechte Regierungsführung und schlechte politische Entscheidungen» treffe. Merk dir diesen Satz, er ist die exakte Gebrauchsanweisung für das, was London danach abgearbeitet hat. Man darf das Zufall nennen. Man darf auch fragen, warum die Herrschaften elf Jahre im Voraus wussten, in welchem Jahr die Regale leer werden.
Schritt eins: Den Bauern das Geld abdrehen
Seit der Nachkriegszeit zahlt der britische Staat seinen Bauern Geld dafür, dass sie Nahrung produzieren, die EUdSSR machte daraus eine Flächenprämie. Unter diesem Regime bekam ein englischer Hof im Schnitt 28’400 Pfund im Jahr. Nach dem Brexit wurde die Prämie zur «delinked payment» umgetauft und abgeschmolzen, ursprünglich in sieben Jahresschritten bis Ende 2027. Dann beschloss Labour, den Abschied zu beschleunigen: Für 2026 und 2027 gilt eine Kürzung von 98 Prozent auf die ersten 30’000 Pfund und 100 Prozent auf alles darüber. Maximalbetrag pro Betrieb: 600 Pfund – eine Tankfüllung Diesel, wie ein Landwirt aus Lincolnshire trocken vorrechnete. Der Gesamttopf sank von rund 324 Millionen auf 20 Millionen Pfund. Im Oberhaus verkaufte man das als Umschichtung «in Natur», denn Roboter-Jäter seien schliesslich auch Ernährungssicherheit.
Schritt zwei: Das Ersatzprogramm über Nacht schliessen
Das grüne Ersatzprogramm hiess Sustainable Farming Incentive und sollte das Loch stopfen, das die Direktzahlungen hinterliessen. Am Abend des 11. März 2025 wurde es ohne Vorwarnung für Neuanträge geschlossen, weil der Deckel von 1,06 Milliarden Pfund erreicht war. Der zuständige Minister vor dem Unterhaus: Wenn das Programm fertig sei, sei es eben fertig. Wenige Wochen zuvor hatte das Ministerium der Branche noch minimale Änderungen zugesichert. Wer seinen Antrag gerade fertig hatte, stand mit Beraterrechnung und ohne Vertrag da, von über 100’000 Betrieben in England hatten gerade 37’000 einen Vertrag. Erst im Juni 2026 öffnete das Programm wieder, mit einem Fenster von 60 Millionen Pfund für Kleinbetriebe, drei Viertel davon waren in zwei Wochen weg. Im August legte Premierminister Andy Burnham dann ein 65-Millionen-Dürrepaket vor, das laut Ministerium «durch Umpriorisierung innerhalb des Agrarbudgets» finanziert wird. Man nimmt den Bauern also Geld weg, um ihnen Geld zu geben und nennt das Hilfe.
Schritt drei: Den Hof beim Erben besteuern
Im Oktober 2024 kündigte Labour an, die jahrzehntealte Erbschaftssteuer-Befreiung für Höfe zu kappen. Im November standen Tausende Bauern vor dem Parlament, im Januar 2025 überreichten die vier Bauernverbände eine Petition mit 270’000 Unterschriften, im Februar rollten über tausend Traktoren nach Westminster. Die Regierung behauptete, es treffe rund 500 Höfe im Jahr, der Landbesitzerverband rechnete mit 70’000 Betrieben über der Schwelle. Das Zugeständnis: Die Schwelle wurde von einer auf 2,5 Millionen Pfund angehoben. Seit dem 6. April 2026 gilt die volle Befreiung nur noch bis zu diesem Betrag, alles darüber wird effektiv mit 20 Prozent besteuert. Wer glaubt, 2,5 Millionen seien viel Geld, hat noch nie einen Mähdrescher gekauft: Ein mittlerer Familienhof ist auf dem Papier Millionär und auf dem Konto pleite. Die Steuer wird deshalb nicht bezahlt, sie wird abgetreten, hektarweise. Das ist genau der Mechanismus, mit dem man Land aus Familien in Fonds verschiebt, ohne je das Wort «Enteignung» aussprechen zu müssen.
Schritt vier: Die Fläche gleich ganz umwidmen
Parallel legte die Regierung ihren Landnutzungsrahmen vor. Die Konsultation rechnete vor, dass bis 2050 rund 760’000 Hektar oder 9 Prozent der englischen Agrarfläche komplett aus der Landwirtschaft fallen sollen, weitere 5 Prozent nur noch mit «eingeschränkter Nahrungsproduktion». Die im März 2026 verabschiedete Endfassung versichert, es gehe überwiegend um «Multifunktionalität», nicht um Stilllegung. Die Zahlen darin sind dieselben geblieben. Der Treiber dahinter ist eine internationale Verpflichtung: Boris Johnson versprach 2020, 30 Prozent der Landesfläche bis 2030 der Natur zu überlassen, beim UNO-Artenschutzgipfel 2022 wurde das unterschrieben, im Juli 2026 lieferte Defra den Umsetzungsplan. Nach eigenen Kriterien gelten bislang 2,8 Prozent als wirksam geschützt, die fehlenden 27 Prozent müssen also irgendwoher kommen und in einem Land, dessen Fläche zum grössten Teil Agrarland ist, gibt es dafür nur eine Adresse.
Wie das aussieht, zeigt das Vorzeigeprojekt der Bewegung, das Anwesen Knepp in West Sussex, das die Regierung in ihrem 25-Jahres-Umweltplan als Modell zitierte. 1400 Hektar, bis 2001 Milchvieh und Ackerbau, heute Safari-Touren im Geländewagen, Jurten, Baumhäuser und Schäferhütten für zahlende Städter, 800’000 Pfund Umsatz im Jahr, plus Naturschutzprämien vom Staat. Die Gutsherrin hat einen Bestseller darüber geschrieben, der Film dazu war 2024 der erfolgreichste britische Dokumentarfilm. Ein Betrieb, der auf 1400 Hektar keine Kalorie mehr erntet, ist damit die amtliche Erfolgsgeschichte britischer Landwirtschaft. Ein Land, dessen Selbstversorgungsgrad seit den 1980er-Jahren von über 80 auf 65 Prozent gefallen ist, beschliesst also amtlich noch weniger Erzeugung und bezahlt die Musterschüler dafür, dass sie es vormachen.
Dann kam das Wetter
Ja, die Dürre ist echt. Der Juli war der trockenste seit Messbeginn, für über die Hälfte Englands wurde Ende Juli Dürre ausgerufen, die Ernte ist die schlechteste seit 1984, dazu wütet die Blauzungenkrankheit im Viehbestand, jene Seuche, für die anderswo schon die Massengräber ausgehoben werden. Nur: Dürren gab es schon immer, Burnham selbst nennt es die dritte in fünf Jahren. Was es früher nicht gab, ist ein Bauernstand ohne jede Reserve. Der Präsident des Bauernverbands NFU formuliert es selbst: Englands Landwirte seien «ohne den Atemraum, den die Direktzahlungen einst boten» und viele hätten das Geld nicht mehr, um im Herbst überhaupt auszusäen. Kein Geld für Saatgut heisst keine Ernte 2027, egal wie viel es regnet. Die Politik hat den Puffer entfernt, das Wetter hat zugeschlagen und die Schlagzeile nennt nur den zweiten Teil. Genau das hatte Podesta 2015 beschrieben, bloss meinte er es als Warnung und nicht als Rezept.
Und wer profitiert vom leeren Teller?
Seit dem 13. November 2025 dürfen in England genomeditierte Pflanzen über ein verkürztes Zulassungsverfahren auf den Acker und ins Regal, ausdrücklich begründet mit Ernährungssicherheit und Dürreresistenz. Die frei gewordenen Subventionsmillionen fliessen in ein 200-Millionen-Innovationsprogramm für Feldroboter und Datenlandwirtschaft, also in genau jene Überwachungstechnik, die wir in Wärmebilddrohnen, Digitalchips und staatliche Impftrupps auf unseren Weiden bereits beschrieben haben. Erst die Reserven schleifen, dann die Notlage ausrufen, dann die Lösung verkaufen, die man vorher schon in der Schublade hatte – das Geschäftsmodell haben wir in Dr. Frankenstein hat jetzt ein Geschäftsmodell seziert. Und England ist nur der Musterschüler: Die Niederlande haben 1,81 Milliarden Euro ausgegeben, um 723 Viehbetriebe zu schliessen, Ertrag: Acht Prozent weniger Stickstoffüberschuss. Selbst diese Zahlen musste ein Gericht der Ministerin erst abringen. Im Juni folgte ein 20-Milliarden-Paket mit Obergrenze von 2,6 Kühen pro Hektar, die Vorgeschichte mit Traktorblockaden und Polizeischüssen steht in Proteste in den Niederlanden: Polizei schiesst auf unbewaffnete Bauern. Der Deutsche Bauernverband meldet 7 Prozent weniger Getreide, 20 Prozent weniger Raps und Betriebe, die ohne Zwischenkredit die nächste Aussaat nicht finanzieren können, während der Sprit zum Luxusgut wird, wie in Dieselkrise: Warum die Welternte 2026 an der Zapfsäule stirbt und Hunger by Design beschrieben. Dass das alles pünktlich zur Agenda 2030 passiert und sich nahtlos in die zweite Phase des Great Reset fügt, ist selbstverständlich ebenfalls Wetter.
Ob im Hinterzimmer jemand «Hungersnot» auf die Tagesordnung geschrieben hat, kann nicht bewiesen werden und muss es auch nicht. Es reicht, dass jeder einzelne Schritt beschlossen, protokolliert und trotz Warnung durchgezogen wurde. Man hat den Bauern die Stütze weggetreten, ihnen beim Fallen die Hand gereicht und die Rechnung dafür aus ihrer eigenen Tasche bezahlt. Man nimmt einem Land das Brot, plant es in einer Konsultation, unterschreibt es im Parlament und nennt dies «Resilienz». Und wenn die Dosen im Keller leer sind, wird man dir erklären, du hättest nun mal nicht genug gebunkert!










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