Sechs Wochen. Sechs Wochen ist die Strasse von Hormus bereits blockiert, und wer glaubt, es gehe dabei nur um Öl, Geopolitik und das übliche Säbelrasseln zwischen Washington und Teheran, hat den eigentlichen Film verpasst. Der läuft nämlich im Hintergrund – leise, effizient, hochprofitabel – und sein Drehbuch wurde nicht in einem Kriegsministerium geschrieben, sondern in den Vorstandsetagen von BlackRock, Microsoft und Amazon.
Beginnen wir mit den nackten Zahlen, denn die sind bereits verheerend genug. Durch die Strasse von Hormus fliessen rund 20 Prozent des weltweit benötigten Erdöls und Erdgases. Sechs Wochen Blockade bedeuten sechs Wochen massiv eingeschränkte Energieversorgung, steigende Produktionskosten, kollabierte Lieferketten und eine Inflation, die sich mit jeder weiteren Woche tiefer in die Kaufkraft der arbeitenden Bevölkerung frisst. Das ist schmerzhaft, aber beherrschbar – für reiche Länder. Für arme Länder beginnt hier bereits die Katastrophe.
Doch der eigentliche Brandbeschleuniger trägt einen unscheinbaren Namen: Düngemittel. 35 Prozent der weltweiten Düngemittel-Rohstoffe passieren die Strasse von Hormus – ausgerechnet jetzt, in der Pflanzsaison der nördlichen Hemisphäre, wenn Landwirte von Nigeria bis Bangladesh die Äcker bestellen müssen. Ohne Dünger keine Ernte. Ohne Ernte kein Essen. Das ist keine Theorie, keine Prognose mit Unsicherheitskorridor – das ist Agronomie. Und die Katastrophe, das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, ist bereits unabwendbar. Selbst wenn die Blockade morgen früh aufgehoben würde, käme der Dünger zu spät. Die Ernte 2026 in weiten Teilen der Welt ist bereits verloren.
Nigeria, Kenia, Äthiopien, Bangladesh — vier Länder, 600 Millionen Menschen, mehr als die Hälfte davon unterhalb der Armutsgrenze. Für diese Menschen bedeutet «Lebensmittelknappheit» nicht teurere Brötchen beim Bäcker. Es bedeutet Hunger. Realer, tödlicher, massenhafter Hunger. Während europäische Verbraucher die Supermarktpreise verfluchen und Politiker Entlastungspakete ankündigen, sterben anderswo Menschen – leise, weit weg, ohne Hashtag.
Nun stellt sich die Frage, die jeder stellen sollte und kaum einer laut stellt: Wer hat ein Interesse daran? Hunger ist kein Zufall. Hunger ist, historisch betrachtet, immer auch ein Instrument – ein Hebel, mit dem Abhängigkeiten geschaffen, Märkte neu geordnet und Bevölkerungen gefügig gemacht werden. Und in diesem Fall gibt es eine Antwort, die so offensichtlich ist, dass sie fast schon dreist wirkt.
Wir befinden uns mitten in der vierten industriellen Revolution. Nach dem Personal Computer und dem Internet hat die KI die Bühne betreten — und sie denkt nicht biologisch, sie denkt effizient. Technologisch optimiert. Und ihre Analyse der traditionellen Landwirtschaft fällt vernichtend aus: Ineffizient, personalintensiv, flächenfressend, unkontrollierbar. Das Urteil der Algorithmen: Ersetzen.
Die Lösung heisst Vertical Farming. Obst und Gemüse nicht mehr unter freiem Himmel, nicht mehr von Bauern auf Feldern, nicht mehr abhängig von Wetter, Boden und Saatgut — sondern in Fabriken. In Containern. Unter künstlichem Licht, mit künstlicher Bewässerung, mit minimalem Personaleinsatz und maximalem Kontrollgrad. Wer die Fabrik besitzt, besitzt das Essen. So einfach ist die neue Landwirtschaft.
Und wer investiert in diese neue Landwirtschaft? Bill Gates. Jeff Bezos. SoftBank. Google Ventures. IKEA. Walmart. Die übliche Gästeliste jener Dinnerpartys, zu denen niemand eingeladen wird, der von seiner Arbeit lebt.
Die Viehzucht soll ebenfalls verschwinden — zu teuer, zu personalintensiv, zu kompliziert. Ersetzt wird sie durch Laborfleisch, das heute bereits industriell im 3D-Drucker produziert werden kann und preislich mit konventionellem Fleisch konkurriert. Wer investiert? Gates, Elon Musks Bruder Kimbal, Richard Branson. Und — das ist der Teil, der besonders zynisch ist — ausgerechnet Tyson Foods und Cargill, die beiden amerikanischen Fleischgiganten, die jahrzehntelang die Massentierhaltung perfektioniert haben und nun behaupten, Laborfleisch diene der Verringerung von Tierleid. Die Konzerne, die Millionen von Tieren industriell schlachten, positionieren sich als Tierschützer der Zukunft. Man muss diese Dreistigkeit fast bewundern.
Und wer sitzt als institutioneller Grossaktionär hinter all diesen Unternehmungen — sowohl Vertical Farming als auch Laborfleisch? BlackRock und Vanguard. Die beiden Vermögensverwalter, die zusammen Anteile an praktisch jedem bedeutenden Konzern der Welt halten und deren Einfluss auf globale Wirtschaftsentscheidungen so gross ist, dass Regierungen dagegen wie Hobbyvereine wirken.
Das Muster ist nicht schwer zu erkennen, wenn man bereit ist, hinzuschauen. Eine globale Krise, die die traditionelle Landwirtschaft destabilisiert. Düngemittelknappheit, Ernteausfälle, Preissteigerungen — Bedingungen, unter denen kleine Bauernbetriebe zuerst aufgeben, während Grosskonzerne günstig Marktanteile kaufen. Hungersnöte in armen Ländern schaffen politischen Druck für «innovative Lösungen» — und die innovativen Lösungen sind zufällig bereits fertig, bereits patentiert, bereits investiert.
Wer kontrolliert das Saatgut, kontrolliert die Ernte. Wer kontrolliert die Fabrik, kontrolliert das Essen. Wer das Essen kontrolliert, kontrolliert die Menschen. Das ist keine Paranoia — das ist Machtlogik, so alt wie die Zivilisation, nur diesmal mit KI-Optimierung, ESG-Rating und einer hübschen Nachhaltigkeitsstory für das Jahresbericht-Cover.
Die Strasse von Hormus ist blockiert. Die Ernte fällt aus. 600 Millionen Menschen in vier Ländern stehen am Rand einer Hungerkatastrophe. Und irgendwo tagt ein Board of Directors, das auf die Quartalszahlen des Vertical-Farming-Portfolios schaut und nickend feststellt: Der Plan läuft nach Zeitplan. Guten Appetit!



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