Victor Frankenstein benötigte noch Blitze, Leichenteile und ein Gewissen, das ihn nachts heimsuchte. Seine Erben sitzen in klimatisierten Büros in North Carolina, nennen die Schöpfung eine Plattform und verkaufen das Gott-Spielen im Abo: Eine Lizenz, moderate Grundgebühr, Tantiemen auf jede vermarktete Kreatur. Die Genschere ist vom Laborwunder zum Katalogartikel geworden und die Politik hält dem Doktor artig die Labortür auf.
Das US-Unternehmen Pairwise vermeldet stolz 25 Lizenznehmer in den vergangenen 12 bis 18 Monaten, die an über 30 Arten herumschnippeln – Gemüse, Zierpflanzen, Mikroben, Insekten, Nutztiere, Fische. Was einst als Präzisionswerkzeug für Mais- und Sojafelder begann, frisst sich jetzt durch den kompletten Speisezettel. Und weil das Ganze angeblich keine Gentechnik mehr ist, sondern bloss «beschleunigte Züchtung», darf es demnächst unmarkiert auf deinem Teller landen.
Die Schöpfung als Textverarbeitung
Der operative Chef des Unternehmens erklärt seine Editier-Plattform allen Ernstes wie ein Schreibprogramm: Strg F sucht die Stelle im Erbgut, die Entfernen-Taste schaltet ein unerwünschtes Gen aus und «Suchen und Ersetzen» schreibt ganze DNA-Abschnitte nach Vorlage um. Bis zu 17 Eingriffe gleichzeitig hat man intern schon durchgezogen. Vier Milliarden Jahre Evolution, degradiert zum Word-Dokument mit Änderungsmodus. Dass ein Tippfehler in einem Genom etwas andere Folgen hat als einer in einem Quartalsbericht, geht im Verkaufsprospekt unter. Dafür lockt das Rundum-sorglos-Paket: Ein einziger Lizenzstapel statt mühsamer Einzelverträge, damit wirklich jeder Hinterhof-Prometheus sofort loslegen kann. Hinter den 25 Abschlüssen warten laut Firmenleitung mindestens ebenso viele Interessenten in der Pipeline, darunter ein ungenannter Lebensmittel-Multi. Schöpfung als Dienstleistung, Support inklusive.
Gelernt ist gelernt: Die Monsanto-Schule
Wer den Doktor ausgebildet hat, überrascht wenig. Firmengründer Tom Adams diente 18 Jahre bei Monsanto, zuletzt als Vizepräsident für globale Biotechnologie, bevor der Glyphosat-Konzern seine Neugründung 2018 gleich selbst anschob: Die hauseigene Wagniskapital-Tochter führte die 25-Millionen-Dollar-Startrunde mit an, dazu flossen 100 Millionen für den exklusiven Zugriff auf die Technik bei Ackerkulturen. Nach der Übernahme durch Bayer pumpte der Leverkusener Nachlassverwalter weitere fünf Jahre lang je 20 Millionen jährlich in den Aufbau. Dieselben Konzerne, die der Welt Roundup und patentiertes Saatgut bescherten, finanzieren also das freundliche Start-up, das uns jetzt erklärt, seine Eingriffe seien praktisch Natur. Wie die Gen-Ingenieurszunft tickt, wenn niemand hinschaut, dokumentierte schon eine Doku aus den Neunzigern – die Pläne von damals laufen heute unter Produktroadmap.
Die Menagerie des Doktors
Und was kriecht so aus dem Labor? Brombeeren ohne Kerne, ohne Dornen und mit gestauchtem Wuchs, damit dreimal mehr Pflanzen pro Hektar stehen – kommerziell bereits in Kolumbien im Anbau. Eine Kirsche ohne Stein steht im Feldversuch. Dazu sterile Insekten als lebende Schädlingsbekämpfung, editierte Mikroben, Kakao für einen Süsswaren-Multi und über die australische Staatsforschung gleich noch Vieh und Aquakultur. Selbst Grundnahrungsmittel des globalen Südens wie die Jamswurzel stehen inzwischen auf dem Schneidbrett – verkauft wird das selbstverständlich als Entwicklungshilfe. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Früchte, denen die Fortpflanzung wegoperiert wurde, Insekten, die eigens zur Unfruchtbarkeit erschaffen werden – Leben, designt als Sackgasse. Frankensteins Monster wollte wenigstens noch eine Gefährtin. Die neuen Kreaturen bekommen nicht einmal mehr Samen, dafür eine Patentnummer. Genau das ist das Geschäftsmodell: Was sich nicht selbst vermehrt, muss jedes Jahr neu gekauft werden.
Brüssel erteilt die Absolution
Passgenau dazu hat die EUdSSR den Beichtstuhl geöffnet. Mit der im Juni 2026 beschlossenen Verordnung über neue genomische Techniken gelten editierte Pflanzen der Kategorie 1 als gleichwertig mit konventioneller Züchtung: Keine Risikoprüfung, keine Zulassung und keine Kennzeichnung im Supermarktregal. Bis zu 20 Veränderungen im Genom zählen dabei noch als «hätte die Natur auch hinbekommen». Nur das Saatgut trägt künftig ein Etikett, der Bauer darf also wissen, was er sät – du hingegen sollst nicht wissen, was du isst. Im Ökolandbau bleiben die editierten Sorten zwar verboten und eine öffentliche Datenbank soll sie wenigstens auflisten, doch was nützt dir das Register, wenn das Endprodukt anonym im Regal steht? Die wesentlichen Regeln greifen ab Mitte 2028. Dass Brüssel gleichzeitig eine Expertengruppe zu den Patentfolgen einsetzen musste, sagt alles: Man weiss genau, wem man die Ernährungsgrundlage gerade überschreibt. Der Bioverband Bioland spricht von einem trojanischen Pferd, mit dem Konzerninteressen auf Feld und Teller geschleust werden. Wer die Nahrungskette kontrollieren will, braucht keine schwarzen Hubschrauber – ein paar Patente und wohlwollende Behörden genügen völlig.
Der Blitzableiter steht noch in Bern
Die Schweiz hält ihr Anbau-Moratorium vorerst bis Ende 2030 aufrecht, während der Bundesrat parallel an einem Spezialgesetz für die neuen Verfahren bastelt und die im Februar 2026 eingereichte Lebensmittelschutz-Initiative wenigstens eine Kennzeichnung erzwingen will. Ein Aufschub ist das, kein Bollwerk – der Druck aus Industrie und EUdSSR-Anpassungsreflex wächst mit jedem Quartal. Die eigentliche Anmassung liegt derweil längst offen: Eine Handvoll Konzerne mit Monsanto-Stammbaum erklärt sich zum Lektor des Lebens, streicht der Schöpfung die Kerne, die Steine und die Fruchtbarkeit heraus und lässt sich jede Korrektur patentieren, während der Konsument per Gesetz zum Blindverkoster degradiert wird. Mary Shelley schrieb eine Warnung und Brüssel las eine Betriebsanleitung. Der Doktor braucht kein Gewitter mehr, nur noch eine Lizenznummer. Das Monster trägt heute keine Schrauben im Hals, sondern ein NGT-1-Etikett am Saatgutsack – und auf deinem Teller nicht einmal mehr das. Man entkernt die Natur, entrechtet den Esser, kassiert Tantiemen auf das Leben selbst – und nennt dies «beschleunigte Züchtung»!









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