Eine ETH-Professorin rechnet dir vor, dass der Klimawandel bis Ende des Jahrhunderts fünf Prozent der Weltwirtschaft kostet – jedes Jahr, mehr als eine Coronapandemie. Zwanzig Zeilen weiter fragt Watson, ob es nicht klüger sei, das CO2 hier auszustossen und dafür im Ausland Zertifikate zu kaufen. Ihre Antwort: «Ja.» Die Apokalypse kostet jährlich eine Pandemie und die Lösung ist ein Kassenbon aus Bangkok. Wer so redet, verkauft kein Klima, sondern einen Handel.
Lint Barrage modelliert an der ETH Zürich die Kosten des Klimawandels. Ihr Werkzeug ist das DICE-Modell, das sie 2024 gemeinsam mit dem Nobelpreisträger William Nordhaus neu aufgelegt hat. Genau diese Herkunft macht das Interview so lehrreich, denn dasselbe Modell hat vor wenigen Jahren noch das Gegenteil gepredigt.
Das Orakel, das seine Zahlen jährlich nachjustiert
Nordhaus erklärte in seiner Nobelvorlesung 2018 eine Erwärmung von rund drei Grad bis 2100 und vier Grad bis 2150 zum wirtschaftlichen Optimum, mit Schäden von gut zwei Prozent der Weltproduktion bei drei Grad. Die Neuauflage mit Barrage senkt das Optimum deutlich, bleibt aber weit über jedem Pariser Ziel. Und jetzt, im Hitzesommer, kündigt sie bereits das nächste «Update» an: Die Kosten dürften noch höher ausfallen. Ein Modell, dessen Ergebnis in sechs Jahren von «vier Grad sind okay» zu «eine Pandemie pro Jahr» wandert, misst nicht das Klima. Es misst den politischen Bedarf. Wie diese Rechnerei im Ernstfall endet, hat die Welt schon einmal erlebt, als Modell-Propheten die Welt in den Abgrund rechneten.
Die Pandemie als Masseinheit – ausgerechnet
Die drei Prozent Weltwirtschaft, die Barrage als Vergleichsgrösse nimmt, hat nicht das Virus gefressen. Der Internationale Währungsfonds nannte seinen Bericht damals schlicht «The Great Lockdown» und hielt im Oktober 2020 fest, dass die Lockdowns ein wesentlicher Faktor des Einbruchs waren. Schweden, das nicht abriegelte, kam laut einer begutachteten Vergleichsstudie mit tiefer Übersterblichkeit und vergleichsweise geringen wirtschaftlichen Kosten davon.
Und die freigeklagten Protokolle des RKI-Krisenstabs zeigen, dass die Hochstufung der Risikobewertung von «mässig» auf «hoch» im März 2020, Grundlage sämtlicher Grundrechtseingriffe, auf ein «Signal» wartete statt auf eine Datenlage. Das Signal kam, wie sich nach der Entschwärzung zeigte, vom eigenen Vizepräsidenten – was die Sache nicht besser macht. Ein Ausnahmezustand hing an einem Namen, nicht an einer Evidenz. Barrage benutzt also einen politisch erzeugten Schaden als Masseinheit für einen modellierten Schaden und nennt das Vergleich. Man könnte es auch Geständnis nennen.
Der Kassenbon aus Bangkok
Jetzt zur eigentlichen Pointe. Dieselbe Frau, die eine jährliche Pandemie prophezeit, sagt «Ja» zum Weiterverschmutzen gegen Bezahlung im Ausland. Die Schweiz will bis 2030 ihre Emissionen gegenüber 1990 halbieren und einen Teil davon über Klimaschutzprojekte im Ausland erbringen, über Staatsverträge unter Artikel 6 des Pariser Abkommens. Die erste je übertragene Tranche waren rund 2000 Tonnen aus Elektrobussen in Bangkok, entwickelt vom Zürcher Zertifikatehändler South Pole für einen thailändischen Konzern, der zu einem Viertel der UBS Singapur gehört. Die Analyse der Hilfswerke kommt zum Schluss, die Busse wären auch ohne Schweizer Geld gekommen. Das ist der Markt, den Barrage für effizient hält: Wir zahlen für etwas, das ohnehin geschieht und buchen es als Rettung.
Die Forschung dazu liefert ausgerechnet ihre eigene Hochschule. Eine Meta-Studie mit ETH-Beteiligung in Nature Communications prüfte fast eine Milliarde Tonnen gehandelter Gutschriften und fand, dass weniger als 16 Prozent echte Emissionsminderungen darstellen, bei Waldschutz ein Viertel, bei Windkraft statistisch null. Eine Studie in Science belegte, dass die meisten Regenwald-Projekte die Abholzung kaum senkten und trotzdem Millionen Zertifikate ausstellten.
Wer trotz dieser Befunde «Ja» zum Zertifikatekauf sagt, hält nicht die Reduktion für effizient, sondern den Ablasshandel. Dass das Geschäftsmodell im Inland identisch funktioniert, zeigen die frei erfundenen Klimaprojekte, die du an der Zapfsäule bezahlt hast und die Mechanik, mit der Hitzepanik Zertifikate und Wassercent verkauft.
Was am Sommer echt ist – und was verkauft wird
Ausgewogenheit verlangt, die Gegenseite ernst zu nehmen, also nehmen wir sie ernst. Der Sommer 2026 ist real. MeteoSchweiz misst von April bis Juni nur 56 Prozent des üblichen Niederschlags, gleichauf mit 1976 der tiefste Wert seit 1901 und vergleicht ihn mit einer Drei-Grad-Welt. Barrage hat recht, dass Hitze Menschen tötet, Ernten drückt und Leistung senkt – 2003 hat das niemand wegdiskutiert. Nur steht im selben MeteoSchweiz-Blog auch der Satz, den kein Interview zitiert: Die Erwärmung verstärkte die Trockenheit vorwiegend über die Verdunstung, das Regendefizit selbst wurde durch den Klimawandel nicht erheblich verstärkt. 1947, 1976, 2003, 2018, 2026 – die Dürre ist ein alter Gast, die Verdunstung ist das Neue. Das ist ein Befund, kein Ablass.
Und genau da trennt sich Physik von Politik. Wer die Verdunstung bremsen will, baut Speicher, Schatten und Wasserhaushalt. Wer eine «jährliche Pandemie» verkündet und im nächsten Atemzug Gutschriften aus Bangkok empfiehlt, will keine Hitze verhindern, sondern einen Preis durchsetzen. Die Pandemie hat gezeigt, wie ein Modell zum Gesetz wird und ein Signal zum Ausnahmezustand und der Klimahandel folgt derselben Choreografie mit besserem Wetter. Das Thermometer liefert die Bilder, das Modell liefert die Prozente und die Börse liefert die Rechnung. Eine Professorin, die den Untergang auf die Nachkommastelle berechnet und die Rettung an den Meistbietenden verkauft. Ein Bund, der seine Reduktion in Thailand einkauft und zu Hause den Sommer besteuert. Eine Wissenschaft, die ihr eigenes Orakel alle sechs Jahre umschreibt und es Erkenntnis nennt – und alle nennen dies «Klimaschutz»!










«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







