Ein britischer Mathematiker projiziert apokalyptische Zahlen auf PowerPoint-Folien, Regierungen auf drei Kontinenten trampeln Grundrechte in den Boden – und fünf Jahre später stellt sich heraus, was jeder wissen durfte, der den Taschenrechner nicht aus dem Fenster geworfen hatte: Die Modelle lagen um Faktor 10 bis 100 daneben. Willkommen in der teuersten Wissenschafts-Performance-Show der Neuzeit.
Der Berner Filmemacher Mike Wyniger hat sich eineinhalb Jahre und grossteils Eigenmittel gegönnt, um das erste Pandemiejahr 2020 kritisch aufzurollen – das Resultat heisst «Der Hype» und feierte gestern in Bern Premiere. Infosperber liefert dazu eine Bestandsaufnahme, die sich gewaschen hat. Die zentrale Frage lautet nicht, ob der Hype existierte, sondern warum er so problemlos funktionierte.
30’000 Tote – oder doch nicht
Ende Februar 2020 erklärte der Berner Epidemiologe Christian Althaus gegenüber der NZZ, die Sterblichkeit liege bei rund einem Prozent – und ohne Gegenmassnahmen könnten in der Schweiz rund 30’000 Menschen in wenigen Monaten sterben. «Ein solches Worst-Case-Szenario ist nicht ausgeschlossen», so Althaus. Der Präventivmediziner Felix Gutzwiller bezeichnete das damals als «verantwortungslos». Althaus schrieb mit drei Kollegen direkt an Gesundheitsminister Alain Berset und drei der vier Briefschreiber wurden kurz darauf zu Regierungsberatern. Das System belohnte die lauteste Alarmglocke, nicht die präziseste Analyse.
Die Berechnungsgrundlage lieferte der britische Wissenschaftler Neil Ferguson vom Imperial College London. Seine Modellierungsstudie schätzte, dass ein Prozent aller Infizierten – inklusive jener ohne jegliche Symptome – sterben würde. Das Problem: Ferguson hatte diese Gleichung schon einmal aufgeführt. Anno 2009 prophezeite er, dass ein Drittel der Menschheit innerhalb von neun Monaten die Schweinegrippe bekommen würde. Eingetreten ist davon: Nichts. «Man hätte eigentlich wissen können: Die liegen systematisch um den Faktor 10 oder 100 daneben», sagt der Luzerner Gesundheitsökonom Konstantin Beck. Dass man Fergusons Berechnungen trotzdem so grosses Gewicht gab, fand er «sehr komisch». Komisch. Das Wort klingt fast niedlich für das, was folgte.
Schweden hatte recht, durfte es aber nicht sagen
Anders Tegnell, Schwedens früherer Staatsepidemiologe und in westeuropäischen Leitmedien zeitweise als fahrlässiger Hinterwäldler porträtiert, erklärte in Wynigers Film: «Wir schauten uns das Modell an und hielten es für nicht sehr realistisch. Gemäss dem Modell hätten wir im ersten Frühling fast 100’000 Erkrankungsfälle haben sollen. Nach diesem Frühling hatten wir etwa 3000 Fälle.» Was die Übersterblichkeit betrifft, kam das anfangs massiv gescholtene Schweden besser durch die Pandemie als Länder mit weitaus strengeren Massnahmen.
Gleichzeitig stellte Stanford-Epidemiologe John Ioannidis – der dafür von Wissenschaftskollegen massiv angefeindet wurde – ein nüchternes Rechenbeispiel an: Das Risiko, unter 65 Jahren in der Schweiz an Covid zu sterben, entsprach in etwa dem Risiko, täglich rund 37 Kilometer Auto zu fahren und dabei tödlich zu verunfallen. Das ist kein Argument für Sorglosigkeit – aber es ist eine Zahl, die man der Bevölkerung schlicht geschuldet hätte.
WHO: 3,4 Prozent aus dem Blauen
Die WHO lieferte unterdessen ihr Bestes: WHO-Direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus verkündete im März 2020, dass 3,4 Prozent aller Corona-Kranken weltweit sterben würden – einer von 30 Infizierten. Die Heinsberg-Studie des Bonner Virologen Hendrik Streeck, erschienen im Mai 2020, kam auf rund 0,35 Prozent – unter Einbezug der oft fünfmal so häufigen unerkannten Infektionen. Ein Zehntel der WHO-Zahl. Eine spätere österreichische Studie unter Beteiligung von Ioannidis bezifferte die Infektionssterberate zu Pandemiebeginn auf rund 0,61 Prozent – und sie fiel während der Omikron-Phase auf 0,04 Prozent. Nur ein einziges Mal, kurz vor dem Impfstart, lag sie vorübergehend bei etwa einem Prozent.
Österreich: 100’000 prophezeit, 2000 eingetreten
Franz Allerberger, früherer Leiter des Bereichs Öffentliche Gesundheit der österreichischen Gesundheitsagentur AGES, erinnerte sich gegenüber Infosperber: Mathematiker hätten dem Kanzler zu Pandemiebeginn eingeredet, in wenigen Monaten würden 100’000 Menschen sterben. «Tatsächlich sind in der ersten Welle rund 2000 Menschen mehr gestorben als im Winter 2016/2017.» Sein Fazit: «Angstmache zum Quadrat.» Der Vergleich schmerzt zusätzlich: Vier Jahre vor der Pandemie hatte Österreich im Winter eine Übersterblichkeit von rund 4000 Menschen – und kein Hahn hatte danach gekräht.
Lockdown – obwohl die Kurve schon fiel
Das Absurdeste steckt mitten im Ablauf. Die damalige ETH-Taskforce-Leiterin Tanja Stadler ermittelte im April 2020, dass die Schweizer Erkrankungszahlen bereits einige Tage vor dem ersten Lockdown im März 2020 zurückgegangen waren. Der Lockdown kam also, als die Kurve längst nach unten zeigte. WHO-Mitarbeiter Bruce Aylward kehrte derweil begeistert aus China zurück und lobte die dortigen Massnahmen in den höchsten Tönen – was den Weg zu «Lockdown auch im Westen» pflasterte. Investigativ-Journalistin Serena Tinari, die 2010 für die SRF-Rundschau das «Geschäft mit der Schweinegrippe» recherchiert hatte, bringt es auf den Punkt: «Niemand schien sich daran zu erinnern», dass Ferguson bei der Schweinegrippe schon einmal spektakulär danebengelegen hatte.
2025 gestand die deutsche Gesellschaft für Virologie ein, es habe «teilweise voreilige Bewertungen» der Gefahrenlage gegeben. «Teilweise voreilig» – das ist das Einzige, was fünf Jahre später aus dem akademischen Apparat kommt, und das nennen sie Aufarbeitung! Wynigers Film ist ab dem 21. Mai 2026 kostenlos unter www.der-hype.ch abrufbar – wer Antworten will, die Bundesrat und Taskforce schuldig geblieben sind, weiss jetzt, wo er suchen muss! Das geplante neue Epidemiengesetz gibt dem Bundesrat künftig weitreichende Sondervollmachten – auf Basis derselben Modelle, derselben Institutionen und derselben Berater, die 2020 schon einmal glorreich danebenlagen, die Grundrechte mitnahmen und es «teilweise voreilig» nennen!









«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








