Es gibt Mantras, die man versteht. «Weniger ist mehr.» Klar. «Carpe Diem.» Gut. «Früher war alles besser.» Diskutierbar, aber nachvollziehbar. Und dann gibt es jenes Mantra aus den vedischen Schriften, das Andreas Thiel zu seinem Lieblingsmantra erklärt hat und das auf den ersten Blick klingt wie die philosophische Kapitulationserklärung eines Menschen, dem mitten im Satz das Argument ausgegangen ist: Alles ist alles. Moment. Nochmal. Alles. Ist. Alles.
Wer jetzt denkt, das sei eine Tautologie, die jeder Erstklässler produzieren könnte – der hat die vedische Philosophie unterschätzt. Und vermutlich auch Andreas Thiel. Denn «Alles» ist in den vedischen Schriften kein Mengenausdruck. Es ist ein Name. Ein Synonym für Brahma, den Schöpfer, das Göttliche, das Unendliche – so wie andere Kulturen «Licht» oder «Liebe» sagen, wo sie «Gott» meinen. Alles ist alles bedeutet also: Alles ist göttlich. Jedes Ding, jeder Mensch, jeder Gedanke, jeder Moment. Göttlichen Ursprungs. Göttlicher Natur. Rückhaltlos.
Und jetzt kommt die Frage, die man stellen muss, weil man sie immer stellen muss: Was ist mit dem Schlechten? Mit dem Bösen? Mit dem, was sich dieser kosmischen Umarmung sperrt?
Die vedische Antwort ist so elegant wie irritierend: Das Böse ist kein eigenständiges Ding. Es ist ein Mangel. Ungeduld ist kein Ding für sich – sie ist schlicht ein Mangel an Geduld. Unverständnis kein eigenständiges Wesen – nur Verständnis, dem etwas fehlt. Das Böse existiert nicht als Substanz, es existiert als Abwesenheit. Als Entfernung vom Göttlichen. Als Abstand zur Quelle.
Das bedeutet konsequent weitergedacht: Es gibt keine schlechten Menschen. Nur gute Menschen in schlechten Zuständen. Menschen, die sich vom Göttlichen entfernt haben – temporär, reversibel, behebbar. Das ist entweder die mitfühlendste Anthropologie, die je formuliert wurde, oder die beste Ausrede für alles, was der Mensch je angestellt hat. Wahrscheinlich beides.
Und dann der letzte Satz, der eigentlich der stärkste ist: Wenn man von Allem alles wegnimmt, bleibt Alles. Subtrahiere die gesamte Schöpfung – die materielle, die geistige, alles Sichtbare und Denkbare – von Gott, und Gott wird nicht kleiner. Er bleibt, was er ist: Unversiegbare Quelle von Leben, Licht und Liebe. Die Schöpfung ist kein Verlust für den Schöpfer. Sie ist ein Geschenk, das er sich selbst gegeben hat und das jederzeit zurückgenommen werden kann, ohne dass irgendetwas fehlt.
Für Menschen, die gerne besitzen, kontrollieren und festhalten – und das sind erschreckend viele – ist das ein unerträglicher Gedanke. Der Staat, der Lamborghini, die Macht, das Schloss: Alles Abstände vom Göttlichen, verkleidet als Errungenschaften. Alles ist alles. Und wer daran hängt – der hat immer noch nichts verstanden…






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