Der Zürcher Neuropathologe Adriano Aguzzi prophezeite der Schweiz im März 2020 runde 60’000 Corona-Tote bis Juli. Es wurden 1735. Der Berner Modellierer Christian Althaus liess sich in der NZZ ein Worst-Case-Szenario von 30’000 Toten bestätigen. Und die Londoner Rechenkünstler des Imperial College, auf die sich die Schweizer beriefen, hatten zuvor bereits bis zu 150’000 BSE-Tote und bis zu 65’000 Schweinegrippe-Tote für Grossbritannien angekündigt – es wurden rund 180 und 457. Mit dieser Trefferquote wäre jeder Wetterfrosch entlassen und jeder Anlageberater verklagt worden. In der Epidemiologie wurde man damit Regierungsberater.

BSE, Schweinegrippe, Ebola, Corona: Modell-Scharlatane irren sich immer in der Prognose des Weltuntergangs

Das Vorstrafenregister aus London
Wer im Februar 2020 wissen wollte, was von Seuchen-Modellen zu halten ist, musste nur ins Archiv steigen. 2001 liess Grossbritannien wegen der Maul- und Klauenseuche rund zehn Millionen Tiere keulen – gestützt auf Modellrechnungen, die laut der Welttiergesundheitsorganisation nie an der Realität überprüft worden waren. Mit dabei: Das Imperial College. 2002 warnte dasselbe Team vor bis zu 150’000 BSE-Toten in Grossbritannien – der Wahrheit am nächsten kam die Untergrenze der eigenen Spanne von 50 Opfern. Bei der Schweinegrippe 2009 prognostizierten die Londoner zwischen 3100 und 65’000 Tote für die Insel. Es wurden 457. Die Sterblichkeit jenes Virus war anfangs auf 10 Prozent geschätzt worden – am Ende starb etwa 1 von 10’000 Erkrankten. Beim Ebola-Ausbruch 2014 sagten Modellierer der US-Gesundheitsbehörden bis zu eine halbe Million Infizierte voraus, geworden sind es weniger als 30’000. Diese Rechnung sei «politisch motiviert» gewesen, urteilte ein Berner Fachmann in der NZZ. Sein Name: Christian Althaus.

Ein Prozent – aber bitte nur den oberen Wert
Derselbe Althaus setzte sich am 25. Februar 2020 vor die NZZ und erklärte, die Sterblichkeit liege bei rund einem Prozent, anstecken könnten sich 30, 40 Prozent oder mehr. Auf die Nachfrage, ob das 30’000 Tote bedeute, antwortete er: Ja, ein solches Worst-Case-Szenario sei nicht ausgeschlossen. «20 Minuten» goss das in die Schlagzeile «Im schlimmsten Fall gibt es bei uns 30’000 Tote» – Angst frei Haus für die Pendlerschweiz.

BSE, Schweinegrippe, Ebola, Corona: Modell-Scharlatane irren sich immer in der Prognose des Weltuntergangs

Gleichentags schickte Althaus mit drei Mitunterzeichnenden einen Warnbrief an den Bundesrat: Die Sterblichkeit liege mindestens um den Faktor 10 über der Grippe, gestützt auf das Imperial College und den WHO-Lagebericht. Nur: Der WHO-Bericht nannte eine Spanne von 0,3 bis 1 Prozent – im Brief tauchte allein der oberste Wert auf. Wer aus einer amtlichen Spanne die untere Hälfte streicht, betreibt keine Wissenschaft, sondern Verkaufsförderung. Wie Zahlen sterben, wenn sie die Schlagzeile stören, zeigte sich später noch oft genug.

Der Lauffeuer-Professor
Am 13. März 2020 forderten 25 Wissenschaftler in einem offenen Brief die ausserordentliche Lage. Unterzeichner Adriano Aguzzi warnte, das Virus verbreite sich wie ein Lauffeuer, und liess sich von der Weltwoche mit dem Satz zitieren: «Wir erwarten 60’000 Todesfälle bis Juli.» Bis Juli starben in der Schweiz rund 1735 Menschen an oder mit Covid – Faktor 34 daneben. Pikant: Im Jahr 2000 hatte Aguzzi bereits von 10’000 möglichen BSE-Toten in der Schweiz gesprochen und behauptet, 100 Millionen Europäer seien mit dem Erreger in Kontakt gekommen. Gestorben ist hierzulande niemand. Seine Verteidigung heute: Es wurden keine 10’000, weil der Bundesrat auf die Wissenschaft gehört habe. Der Prophet, dessen Weltuntergang ausbleibt, hat die Welt eben gerettet – nach dieser Logik hat noch nie ein Alarmist geirrt. Die Weltwoche taufte ihn treffend «Professor Panik».

Der stille Rückzug um die Hälfte
Was die Medien nicht meldeten: Kurz nach seinem grossen Auftritt halbierte Althaus die eigene Zahl. In einer Modellierung, die er mit seinem Team im März 2020 bei Plos Medicine einreichte, lag die Infektionssterblichkeit für die Schweiz noch bei rund 0,5 Prozent. Das eine Prozent hatte jede Titelseite geziert, die Halbierung schaffte es in keine. Panik ist eben eine Einbahnstrasse: Aufwärts fährt die Standseilbahn im Minutentakt, abwärts läuft man zu Fuss – und zwar allein.

BSE, Schweinegrippe, Ebola, Corona: Modell-Scharlatane irren sich immer in der Prognose des Weltuntergangs

Scheitern als Geschäftsmodell
Der Stanford-Epidemiologe John Ioannidis zog im Sommer 2020 im International Journal of Forecasting eine dürre Bilanz: Die Epidemievorhersage bei Covid-19 sei gescheitert. Sein Katalog: 100 Millionen infizierte US-Amerikaner binnen vier Wochen, die nie kamen. Für Georgia nach der Öffnung prognostizierte 23’000 Tote – es wurden 896. Kaliforniens angeblich benötigte 500’000 Zusatzbetten – belegt wurden nicht einmal 5 Prozent der vorhandenen. Als Gründe nannte er fehlende Daten, Scheuklappen-Modelle, Herdentrieb unter Kollegen – und Medien, die das extremste Szenario mit der grössten Schlagzeile belohnen. Konsequenzen hatten die Fehlschläge nie, weshalb das Gewerbe prächtig gedieh. Die Schweizer Taskforce lieferte den Beweis gleich doppelt: Im September 2020 verkündete Marcel Salathé, man könne es managen – dann rollte die zweite Welle. Im April 2021 warnte Taskforce-Chef Martin Ackermann eindringlich vor Öffnungsschritten – dann sanken die Zahlen. Zweimal falsch, in beide Richtungen: Ein Münzwurf hätte dieselbe Trefferquote geliefert, aber keine Sitzungsgelder gekostet. Karrieren beflügelte das trotzdem – wer die Pandemie-Klaviatur beherrscht, spielt heute auf anderen Bühnen weiter.

Die Szenario-Ausrede
Vier Jahre danach erklärten Althaus und Kollegen in Health Affairs, Szenariomodelle dienten gar nicht dazu, das wahrscheinlichste Ergebnis vorherzusagen – manche Szenarien würden möglicherweise niemals eintreten. Und man räumte ein: Wirtschaftliche, bildungspolitische und psychische Folgen seien in den Modellen selten berücksichtigt worden. Genau das hatte Ioannidis von Anfang an moniert. Während der Pandemie hiess es, die Modelle verlangen den Lockdown jetzt – nach der Pandemie heisst es, es waren ja nur Szenarien! Wer 60’000 ansagt und 1735 erhält, hat sich nicht in einem Detail geirrt, sondern eine Nation in Geiselhaft gerechnet! Kein einziger dieser Herren verlor Lehrstuhl, Titel oder Sendeplatz – die Rechnung zahlten Schulkinder, Heimbewohner und Konkursverwalter! Und wenn die nächste Panikwelle anrollt, stehen dieselben Rechenkünstler wieder bereit – man nennt dies «Expertise»!

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