Es gab da diese paar Jahre, in denen die Welt ihren Verstand an der Garderobe abgab – freiwillig, mit Nummer und Dankeschön. Und während die Mehrheit brav in der Schlange stand, geschah etwas, das keine Taskforce angeordnet und kein Expertengremium vorhergesagt hatte: Die Menschheit sortierte sich von selbst.
Kein Fragebogen war nötig, kein Persönlichkeitstest, keine Beratung zum Stundensatz eines Anwalts. Hinsehen genügte. Die Ausnahmesituation erledigte in wenigen Monaten, wofür Philosophen sonst Jahrzehnte benötigen: Sie legte offen, wer ein Innenleben besitzt und wer bloss ein Betriebssystem fährt.
Die grosse Durchleuchtung
Plötzlich trug jeder ein unsichtbares Etikett. Nicht das Stück Stoff im Gesicht war die eigentliche Auskunft, sondern das, was dahinter vorging – oder eben nicht vorging. Da waren jene, die Fragen stellten, obwohl Fragen über Nacht zur Majestätsbeleidigung erklärt worden waren. Die den Beruf riskierten, die Einladung zum Familienfest, den Platz am Stammtisch, weil sie sich weigerten, das eigene Denken an der Türschwelle abzugeben. Und da waren die anderen: Menschen, die jede Anweisung schluckten wie ein dressiertes Haustier sein Leckerli und die ihre Unterwerfung allen Ernstes für Nächstenliebe hielten.
Du kennst beide Sorten. Du hast sie nebeneinanderstehen sehen, im selben Treppenhaus, in derselben Verwandtschaft, im selben Büro. Der Unterschied war nie Bildung, nie Einkommen, nie Parteibuch. Der Unterschied war eine einzige Frage: Steht da jemand, der sich selbst gehört – oder jemand, der nur gemietet ist? Wovor Politik und Presse bis heute zittern, ist genau diese Erinnerung: Dass Millionen Menschen einander in jenen Jahren beim Charakter zugesehen haben und nichts davon vergessen werden.
Rückgrat ist keine Verhandlungsmasse
Und hier liegt die Erkenntnis, die kein Krisenstab je begreifen wird, weil sie in keiner Excel-Tabelle auftaucht: Es gibt Werte, die nicht korrumpierbar sind. Würde lässt sich nicht subventionieren. Aufrichtigkeit kennt keinen Mengenrabatt. Selbstachtung liegt in keinem Hilfspaket und Rückgrat wird an keiner Börse gehandelt. Man kann einem Menschen den Job nehmen, den Zutritt, den Ruf – aber man kann ihm nicht nehmen, dass er sich morgens im Spiegel ansehen kann. Genau das macht diese Werte so unerträglich für jeden Apparat: Sie sind das Einzige, was sich weder kaufen noch verordnen noch wegverwalten lässt.
Wer seine Würde behielt, tat das übrigens nicht, weil es sich rechnete. Es rechnete sich exakt gar nicht. Es kostete Freundschaften, Aufträge, Nerven und manchen die Existenz. Und trotzdem war es alternativlos – um dieses geschundene Wort einmal in seiner ehrlichen Bedeutung zu verwenden. Denn wer seine Selbstachtung gegen ein wenig Ruhe eintauscht, verliert am Ende beides: Die Ruhe sowieso und sich selbst gleich mit.
Man behauptet gern, aus finsteren Kapiteln liesse sich nichts Brauchbares ziehen. Falsch. Das finstere Kapitel hat immerhin flächendeckend geliefert, was keine Umfrage und kein Wahlzettel je hergeben: Klarheit darüber, wer zu sich selbst steht, wenn es unbequem wird – und wer schon beim Anblick eines laminierten Aushangs die eigene Meinung räumt wie eine Wohnung nach der Kündigung. Diese Klarheit ist unbezahlbar. Sie erspart einem Jahrzehnte der Fehleinschätzung und sie kam gratis, während alles andere in jener Zeit unverschämt teuer war. Wer sie einmal besitzt, gibt sie nicht mehr her.
Der ausgedünnte Wald
Der Bekanntenkreis lichtete sich in jener Zeit wie ein Fichtenbestand nach dem Borkenkäfer. Viele verabschiedeten sich ganz von allein, lautlos, mit gesenktem Blick und dem Hinweis, man wolle keinen Ärger. Was übrig blieb, war kleiner, dafür aus Eichenholz. Und es kamen Menschen hinzu, aufrechte, wache, unbeugsame, denen man ohne den grossen Stresstest nie begegnet wäre. Das ist die bittere Ironie der ganzen Veranstaltung: Ausgerechnet die dunkelste Nummer seit Jahrzehnten hat die hellsten Köpfe sichtbar gemacht.
Die Gesellschaft als Ganzes hingegen? Zu träge, um für den eigenen Nachwuchs geradezustehen. Zu satt, um auch nur eine unbequeme Frage zu stellen. Zu verliebt in die eigene Leine, um sie auch nur anzuschauen, geschweige denn daran zu zerren. Wer damals aussprach, was heute selbst Regierungsberichte kleinlaut einräumen, galt als Gefahr für den sozialen Frieden. Nicht die Massnahme war das Problem, sondern der, der sie infrage stellte. Diese Logik hat Tradition und sie hat einen Preis: Milliardenschäden werden heute allen Ernstes als gelungenes Krisenmanagement verbucht – Hauptsache, niemand muss sich für irgendetwas verantworten.
Unbestechlich bis zum Schluss
Was von jenen Jahren bleibt, ist keine Statistik und keine Pressekonferenz, sondern eine Gewissheit: Der Mensch zeigt sein wahres Gesicht nicht in guten Zeiten, sondern in dem Moment, in dem Haltung etwas kostet. Die Opportunisten von damals sind längst weitergezogen, zur nächsten Mode, zum nächsten Konsens, zur nächsten Gelegenheit, auf der vermeintlich richtigen Seite zu parkieren. Sollen sie. Wer hingegen damals standhielt, benötigt keine Rehabilitierung durch jene, die ihn ausgrenzten – er war nie im Unrecht, nur in der Unterzahl. Und Unterzahl ist kein Argument, sondern bloss eine Momentaufnahme.
Die Dienstbeflissenen werden auch die nächste Direktive schlucken und das Ganze Verantwortung nennen. Die Architekten des Spektakels werden weiter Bilanzen schönen und darauf setzen, dass das Vergessen ihre Drecksarbeit erledigt. Die grosse Herde wird beim nächsten Alarm wieder brav Aufstellung nehmen und jeden verbellen, der aus der Reihe tanzt. Doch Würde hat keinen Kurswert, Aufrichtigkeit kennt keinen Besitzerwechsel und Selbstachtung lässt sich weder beschlagnahmen noch enteignen – und an genau diesen unbestechlichen Restbeständen wird sich jedes System die Zähne ausbeissen, das den Menschen lieber gehorsam als aufrecht hätte!










«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







