«Deutschland ist gut durch die Krise gekommen.» Dieser Satz wird seit fünf Jahren mantraartig heruntergebetet, von denselben Leuten, die darauf zählen, dass niemand nachrechnet. Vor der Enquete-Kommission des Bundestags hat jemand nachgerechnet – Ergebnis: Drittschlechtester Platz von über 40 Ländern, ein Gesamtschaden von bis zu 2,6 Billionen Euro und eine Billion davon schlicht durch Inflation aus den Taschen der Sparer enteignet.

2,6 Billionen Schaden und man nennt es "gut durch die Krise gekommen"

Es war eine dieser Sitzungen, die es eigentlich gar nicht geben dürfte. Der Bundestag hat tatsächlich eine Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der Corona-Pandemie eingerichtet und am 9. Juli tagte sie öffentlich zu den wirtschaftlichen Folgen. Geladen waren Sachverständige – und einer präsentierte die Bilanz nicht als Erfolgsgeschichte, sondern als Rechnung.

Die Perspektive, die niemand einnehmen soll
Gefragt, ob Deutschland erfolgreich herausgekommen sei, gab er die einzig ehrliche Antwort: Es hängt von der Perspektive ab. Auf der Mikroebene, Massnahme für Massnahme, lässt sich manches als Erfolg verbuchen – hat diese Anordnung ihr definiertes Ziel erreicht? Oft ja. Genau aus dieser Bonsai-Betrachtung wird die frohe Botschaft gebastelt: Man definiert das Ziel klein genug und feiert dann, dass man es getroffen hat.

Nur zoomt man einmal heraus und fragt, wie das Land insgesamt abschnitt gegenüber jenen mit denselben Problemen, kippt das schöne Bild. In seiner Stellungnahme lag die Liste aller EU- und OECD-Länder mit ihrer Wachstumsperformanz seit 2020 auf dem Tisch. Deutschland belegt darin weltweit den drittschlechtesten Platz. Nicht Mittelfeld, nicht «solide», nicht «ordentlich» – drittletzter.

Wenn selbst die Statistiker nicht mehr schönreden können
Man muss das nicht einem einzelnen Sachverständigen glauben, den man je nach Geschmack als Crash-Propheten abtun kann. Die OECD hat Deutschland selbst zum Schlusslicht unter den westlichen Industriestaaten erklärt, mit mageren 0,7 Prozent Wachstum, während Spanien bei 2,3, die USA bei 2,4 und selbst Argentinien bei 3,6 landeten. Und laut IWF-Daten waren Deutschland und Japan 2024 die einzigen unter den grossen Industrieländern, deren Wirtschaft überhaupt geschrumpft ist. Zwei Jahre Rezession in Folge, in der drittgrössten Volkswirtschaft der Welt. Aber ja, gut durch die Krise gekommen.

2,6 Billionen Schaden und man nennt es "gut durch die Krise gekommen"

Natürlich kann eingewandt werden, es spielten noch andere Faktoren mit – Energie, Ukraine, Iran, die ganze bekannte Litanei. Nur waren dieselben Faktoren allen anderen Ländern ebenso zugemutet. Wenn alle im selben Sturm segelten und ausgerechnet Deutschland fast als Letztes im Hafen ankam, dann war es nicht eine einzelne Massnahme, sondern die Gesamtheit aller. Und wer sich mit «multifaktoriell» herausredet, muss sich fragen lassen, was denn mit den Faktoren war, die man selbst hätte beeinflussen können.

Eine Billion, einfach weggerechnet
Dann die Zahl, nach der eigens noch einmal gefragt wurde, weil man sie kaum glauben wollte. Der Produktionsausfall, hochgerechnet auf die Dauer des Lockdowns anhand der ifo-Zahlen: Zwei bis 2,6 Billionen Euro. Davon rund eine Billion reiner Inflationsschaden. In dem fraglichen Zeitraum lief eine kumulierte Teuerung von 22 Prozent auf – ein Wert, den das Statistische Bundesamt mit gut 22 Prozent kumulierter Preissteigerung seit 2020 sauber bestätigt. Bei einem nominal angelegten Vermögen der Deutschen von über fünf Billionen Euro heisst das: Die Kaufkraft einer ganzen Billion wurde stillschweigend enteignet. Keine Steuer, kein Gesetz, kein Federstrich mit Namen darunter – einfach weginflationiert. Der eleganteste Diebstahl ist immer der, den das Opfer für Wetter hält.

Der Gleichschritt, den keiner bestellt haben will
Was ihn selbst irritierte, war nicht die deutsche Bilanz allein, sondern die globale Choreografie. Fast alle Regierungen der Erde reagierten nahezu identisch und richteten ähnlich schwere Schäden an. Seine Erklärung fiel nüchtern aus: Eine gewisse Koordination, gruppendynamische Prozesse und Institutionen im Gesundheitsbereich, Stichwort WHO, auf die offensichtlich alle hören. Wie brav dieselben Modell-Propheten die Welt dann in den Abgrund rechneten, hat dieser Blog an anderer Stelle bereits auseinandergenommen.

2,6 Billionen Schaden und man nennt es "gut durch die Krise gekommen"

Verwunderlich blieb für ihn der Gleichschritt, mit dem ganze Regierungen ihre Argumentation über Nacht wechselten. Dieselben Personen, die uns erst erklärten, dies sei das Schlimmste seit dem Zweiten Weltkrieg, sagten kurz darauf, es sei harmlos – und dann schwenkte alles unisono wieder um. Wer es genauer wissen wolle, dürfe ihn allerdings nicht fragen, denn hinter die Kulissen schaue er nicht. Man muss auch nicht ins Hinterzimmer sehen, um den Gleichschritt zu hören.

Damit die Übung sich lohnt
Fairerweise teilten nicht alle im Saal die Rechnung. Ein Ökonom des Leibniz-Zentrums für Wirtschaftsforschung hielt die Hilfsmassnahmen für «hochgradig wirksam», sie hätten 140’000 Unternehmen und 200’000 Arbeitsplätze erreicht – und ein SPD-Abgeordneter bestand darauf, der Schaden wäre ohne Massnahmen grösser gewesen. Man vergleicht die reale Bilanz also nicht mit anderen Ländern, sondern mit einer erfundenen Apokalypse. Gegen ein Gespenst gewinnt jede Politik.

Nur hilft dieser Trost dem Rentner nicht, dessen Erspartes um ein Fünftel schrumpfte. Die Kommissionsfrage bleibt offen: Wären wir besser herausgekommen? Dafür müsste Deutschland wenigstens im Mittelfeld dieser über 40 Länder liegen. Es liegt am unteren Rand. Und das Entlarvendste ist gar nicht die Rezession selbst, sondern der Reflex, mit dem dieselbe Aufarbeitung, die man dieser Kommission verweigern wollte, nun in ganz Europa geräuschlos ins Dauerrecht überführt wird, statt aus ihr zu lernen – wie man das an der Schweiz besonders schön beobachten kann.

Wer eine ganze Billion Kaufkraft verbrennt und das Ergebnis «gut durch die Krise gekommen» nennt, hat entweder nicht gerechnet oder hofft, dass niemand sonst es tut. Man kann sich jede einzelne Massnahme schönreden und in der Gesamtbilanz trotzdem drittletzter werden – und nennt dies dann «Erfolg»! Man kann Regierungen im Gleichschritt marschieren sehen, ihre Argumente über Nacht tauschen sehen und trotzdem beteuern, es habe keine Absprache gegeben. Und am Ende bleibt die bitterste Pointe: Die Rechnung liegt längst auf dem Tisch, nachprüfbar, amtlich, dreifach belegt – und das Einzige, was man daraus lernt, ist die Kunst, sie beim nächsten Mal noch überzeugender zu leugnen!

2,6 Billionen Schaden und man nennt es "gut durch die Krise gekommen"
2,6 Billionen Schaden und man nennt es "gut durch die Krise gekommen"

(via Dr. Christina Baum)

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