Ein Präsident greift zum Telefon, ruft beim Verbandschef an und wenige Stunden später darf ein gesperrter Spieler doch auflaufen. Die Fussballwelt kocht: «beispiellos», «unverständlich», «eine rote Linie überschritten». Und ausgerechnet jene, die vor fünf Jahren Millionen Menschen mit einem Klick vom öffentlichen Leben ausschlossen, entdecken plötzlich ihre Zuneigung zur Regel.

Das Mass der Bequemlichkeit: Warum die grösste rote Karte dem Gedächtnis gebührt

Der Vorgang selbst ist schnell erzählt. US-Stürmer Folarin Balogun stieg im Sechzehntelfinale einem Gegner auf den Knöchel, sah glatt Rot und wäre damit im nächsten Spiel gesperrt gewesen. Donald Trump hielt das für eine Ungerechtigkeit, rief bei FIFA-Boss Gianni Infantino an und bat um «Überprüfung». Die Disziplinarkommission setzte die Sperre daraufhin zur Bewährung aus – ein bei einer Ein-Spiel-Strafe unüblicher Vorgang. Belgiens Einspruch wurde als unzulässig abgewiesen, die UEFA sah eine rote Linie überschritten. Kann man kritisieren. Das sollte man sogar.

Der Aufschrei kommt fünf Jahre zu spät
Nur: Wer jetzt die reine Lehre von Fairness, Regelbindung und rechtsstaatlicher Gleichbehandlung predigt, sollte kurz in den eigenen Kalender schauen. Im Winter 2021/22 galt in Deutschland flächendeckend die 2G-Regel. Wer nicht geimpft oder genesen war, kam nicht mehr rein: Nicht ins Restaurant, nicht ins Fitnessstudio, nicht ins Konzert, in vielen Bundesländern nicht einmal in den Einzelhandel jenseits der Grundversorgung. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags hielt selbst fest, dass es Ungeimpften damit «in erheblichem Masse erschwert» werde, am sozialen und kulturellen Leben teilzunehmen. Man muss das würdigen: Ein amtliches Papier beschreibt den Ausschluss – und der Ausschluss läuft trotzdem weiter.

Der Ausschluss traf nicht ein Häuflein Randständiger. Der Einzelhandel meldete vor Weihnachten 2021 Umsatzeinbrüche von durchschnittlich rund einem Drittel, in Mecklenburg-Vorpommern bis zu 70 Prozent. Ganze Kaufhausketten klagten, Gerichte kippten die Regel reihenweise wieder ein. Das war kein Randphänomen, das war der Alltag von Millionen – verordnet, kontrolliert, durchgesetzt.

Das Mass der Bequemlichkeit: Warum die grösste rote Karte dem Gedächtnis gebührt

Fremdschutz war das Zauberwort – bis es keiner mehr war
Und hier wird es hübsch. 2G wurde als Fremdschutz verkauft: Wer geimpft ist, steckt niemanden an, also darf nur rein, wer geimpft ist. Das Problem: Die Übertragungswirkung war nie das, was das Etikett versprach. Anfangs senkte die Impfung die Weitergabe messbar – doch mit der Delta-Variante und über die Zeit brach dieser Effekt weg. Britische Haushaltsdaten zeigten Sekundär-Ansteckungsraten von 25 Prozent bei geimpften gegenüber 23 Prozent bei ungeimpften Indexfällen – praktisch identisch. Das renommierte New England Journal of Medicine dokumentierte, dass der Übertragungsschutz nach der zweiten Dosis rasch nachliess. Wer also geimpft am Türsteher vorbeiging, konnte das Virus munter weitertragen – während der getestete Ungeimpfte draussen blieb.

Genau darin liegt der Witz: 2G sortierte nicht nach Ansteckungsgefahr, sondern nach Papierstatus. Ein negativer Test wies nach, dass jemand gerade nicht infektiös war. Er half nichts. Zwei Impfungen bewiesen gar nichts über die aktuelle Ansteckung. Sie öffneten jede Tür. Ein System, das den nachweislich Negativen aussperrt und den womöglich Positiven einlässt, ist vieles, nur nicht das, was auf der Packung stand. Wie diese Logik zur Panik-Maschine wurde, habe ich im Goldenen Zeitalter der Panik ausführlicher seziert.

Die Gerichte sahen die Willkür deutlicher als das Publikum
Es waren nicht wilde Aluhüte, die 2G kassierten, sondern Verwaltungsgerichte. Das Oberverwaltungsgericht Niedersachsen entschied im Dezember 2021, die Regel verstosse gegen den Gleichheitsgrundsatz und dürfe im Einzelhandel nicht mehr angewandt werden. Das Saarland setzte 2G im Januar 2022 komplett ausser Vollzug, Bayern kippte sie für den Einzelhandel wegen Unbestimmtheit. Ein ungeimpfter Pharmaziestudent klagte sich in Baden-Württemberg den Zugang zur eigenen Universität frei. Die Justiz erkannte den Konstruktionsfehler, während das breite Publikum noch applaudierte – und genau dieses Publikum spielt heute den Hüter der Regeltreue.

Das Mass der Bequemlichkeit: Warum die grösste rote Karte dem Gedächtnis gebührt

Wer damals klatschte, empört sich heute
Der eigentliche Skandal ist nicht die FIFA. Der eigentliche Skandal ist das Personal. Dieselbe Öffentlichkeit, die den Ausschluss von Millionen für vernünftig, notwendig, ja moralisch geboten hielt, findet jetzt eine ausgesetzte Ein-Spiel-Sperre für einen Fussballer unerträglich. Wer damals «draussen bleiben» rief, ruft heute «Regelbruch». Wer damals jeden Zweifel mit «Covidiot» und «Schwurbler» niederbrüllte, hat plötzlich die Rechtsstaatlichkeit für sich entdeckt. Meine Verbeugung vor denen, die den Preis dafür zahlten, steht im Tribut zu Ehren der Ungeimpften – die klatschen heute nicht mit.

Bleibt der entscheidende Unterschied, den die Empörten geflissentlich überspringen. Den FIFA-Zirkus muss niemand ansehen. Kein Mensch wird gezwungen, Eintritt zu zahlen, den Fernseher einzuschalten oder diesem Verband auch nur eine Sekunde Aufmerksamkeit zu schenken. Die FIFA macht ihre Regeln und wer sie ekelhaft findet, schaltet ab. Fertig. Der Ausschluss von 2021 dagegen war keine Option, die man wegklicken konnte. Er griff direkt in Arbeit, Alltag und gesellschaftliche Teilhabe ein. Man konnte nicht einfach «umschalten», wenn das eigene Land beschloss, dass man ins Kaufhaus nicht mehr gehörte.

Man muss die FIFA nicht mögen, um zu sehen, was hier passiert. Ein aufgehobener Platzverweis bringt die Wächter der Fairness auf die Barrikaden – der Ausschluss von Millionen brachte ihnen Applaus. Wer den einen Fall «beispiellos» nennt und den anderen bejubelt hat, misst nicht mit zweierlei Mass, er misst mit dem Mass der Bequemlichkeit. Empörung war noch nie eine Frage des Prinzips, sondern immer eine Frage der Betroffenheit. Und die grösste Rote Karte in dieser Geschichte gebührt nicht Balogun, sondern einem Gedächtnis, das exakt so lang ist, wie es gerade in den Kram passt!

Das Mass der Bequemlichkeit: Warum die grösste rote Karte dem Gedächtnis gebührt

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