Die beliebteste Frage in jedem Wutbürger-Stammtisch lautet: Wer zerstört Deutschland? Erhofft wird ein Name, ein Gesicht, ein finsterer Schaltraum mit Ledersesseln und rotem Telefon. Die unbequeme Wahrheit ist banaler und darum schlimmer: Es steckt niemand dahinter und genau das ist das Problem.

Deutschland stirbt und keiner war's

Es gibt keine Kommandozentrale, in der ein einziger Bösewicht die Deindustrialisierung eines G7-Landes per Knopfdruck befiehlt. Es gibt etwas viel Zuverlässigeres: Eine Gesellschaft, die sich selbst stillegt. Beamte, die abends die Tagesschau schauen und morgens brav weitermachen. Redakteure, die aus voller Überzeugung dieselbe Zeile schreiben, weil das Gegenteil beruflich unangenehm wird. Wissenschaftler, die den Forschungsantrag lieber gar nicht erst stellen, weil sie ja ihre Doktoranden bezahlen müssen. Kein Befehl nötig, wo jeder von selbst weiss, wie der Hase läuft.

Der Konformitätsapparat läuft von allein
Das nennt man Selbststeuerung und sie funktioniert nach dem ältesten Erziehungsprinzip der Welt: Bestrafe einen, erziehe tausend. Man muss niemanden zwingen, wenn ein abschreckendes Beispiel genügt. Wer laut wird, verliert den Lehrstuhl, die Sendezeit, das Renommee. Der Rest hat verstanden und schweigt vorsorglich. Die Zahlen bestätigen den Effekt: Rund die Hälfte der Deutschen gibt in Umfragen an, ihre Meinung nicht mehr frei sagen zu können. Für eine Ordnung, die sich Demokratie nennt und Meinungsfreiheit, Gewaltenteilung, unabhängige Gerichte und Minderheitenschutz zu ihren tragenden Säulen zählt, ist das keine Petitesse, sondern ein Alarmsignal.

Das Land verglüht, während man vom Wetter redet
Während die Republik über Dönerpreise diskutiert, verschwindet leise ihr Fundament. Die energieintensive Industrie hat von Februar 2022 bis März 2026 ihre Produktion um 15,2 Prozent zurückgefahren, die Gesamtindustrie um 9,5 Prozent. Bei Beton und Zement liegt der Einbruch bei knapp mehr als 29 Prozent, in der Chemie bei rund 18 Prozent. Rund 53’000 Arbeitsplätze allein in diesen Branchen sind weg. Und das ist kein Corona-Nachbeben: Die Industrieproduktion schrumpft seit 2018, längst bevor irgendein Virus das Alibi lieferte. Wer das noch Strukturwandel nennt, nennt einen Herzstillstand einen Ruhepuls.

Deutschland stirbt und keiner war's

Wer profitiert vom Selbstmord auf Raten
Die Ursache ist kein Naturgesetz, sondern eine Rechnung, die jemand bezahlt und jemand kassiert. Billiges Pipelinegas wurde durch teures Flüssiggas ersetzt und dieses US-Flüssiggas kostet die EU nach einer Eurostat-Auswertung rund doppelt so viel wie russisches Gas. Selbst der Deutsche Bundestag hält in einer Drucksache nüchtern fest, dass die europäischen Länder inzwischen die Schlüsselabnehmer eines Rohstoffs sind, der teurer ist als das, was durch die Röhre kam. Deutschland zahlt also freiwillig den Aufpreis für die eigene Verteuerung und die Gewinner sitzen woanders. Das ist keine Verschwörung, das ist eine Bilanz.

Butter fürs Militär, Steine fürs Volk
Und wofür wird das Geld frei, das der Industrie und den Haushalten fehlt? Für Munition. Der Bundestag beriet einen Verteidigungshaushalt, der 2026 auf rund 108 Milliarden Euro steigt, dazu Sondervermögen und Ukraine-Hilfen. Deutschland belegte laut SIPRI erstmals seit 1990 den Spitzenplatz bei den Militärausgaben in West- und Mitteleuropa. Der Kanzler will die konventionell stärkste Armee Europas, der Verteidigungsminister das Land bis 2029 kriegstüchtig. Zeitgleich wurde das Bürgergeld zum 1. Juni 2026 zur Grundsicherung verschärft: Schonvermögen eingeschränkt, Sanktionen schneller, Schutzregeln gestrichen. Für Panzer ist die Kasse randvoll, für den Rentner mit Grundsicherung wird der Gürtel enger geschnallt. Wer den Krieg bestellt, zahlt ihn selten selbst. Wer die Prioritäten eines Staates verstehen will, muss nicht seine Sonntagsreden lesen, sondern seinen Haushaltsplan.

Die Schuldgemeinschaft der Wegschauer
Das eigentlich Perfide ist der Mechanismus, der das alles zusammenhält. Zunächst durften alle ein wenig mitverdienen, dann wurde weggeschaut und wer selbst ein wenig Dreck am Stecken hat, benennt das Unrecht des Nachbarn lieber nicht, weil sonst das eigene ans Licht käme. So wächst eine Gemeinschaft heran, die nur noch in der Verdrängung existieren kann, weil das Aufmachen des Deckels für alle unangenehm wäre. Der Beamte in Rente rechnet vor: Noch zwei, drei Jahre, dann komme ich durch. Dieses «Ich komme noch durch» ist der Grabgesang einer Gesellschaft. Denn hängen bleibt es am Ende immer bei denen, die sich nicht wehren können, während die Satten und Sauberen erklären, sie könnten das Thema leider gerade nicht anfassen, weil sie ja vom selben Apparat leben, den sie kritisieren müssten.

Deutschland stirbt und keiner war's

Vom Wehret-den-Anfängen zum Macht-doch
Eine Generation wurde mit «Nie wieder» und «Wehret den Anfängen» grossgezogen und erlebt nun eine Gesellschaft, die sich den Anfängen nicht nur nicht mehr wehrt, sondern sie achselzuckend durchwinkt. Man ahnt, dass etwas nicht mehr fair läuft, man sieht die schleichende Aushöhlung und trotzdem gibt es kein Zurückrudern, nur eine Ehrenlosigkeit, die sagt: Es ist nun mal jetzt so. Ergänzt wird das durch handfeste Kontrollmechanik, vom Digital Services Act bis zur geplanten Chatnachrichten-Überwachung, damit möglichst genau erfasst wird, wer aus der Reihe tanzt. Nicht jede beklagte Ursache hält der Prüfung stand. Wo aus wirtschaftlichem Niedergang gern jede beliebige Kausalkette gezimmert wird, ist Skepsis Pflicht. Doch die Zahlen zur Industrie, zum Gaspreis und zum Wehretat benötigen keine Verschwörung, sie stehen in amtlichen Dokumenten.

Also, wer zerstört Deutschland? Nicht der eine Bösewicht im Hinterzimmer, sondern das Kollektiv der Mitmachenden, das seinen eigenen Untergang verwaltet und ihn Verantwortung nennt. Es ist die Gesellschaft, die alles ahnt und nichts sagt, die alles sieht und wegguckt, die den Rechtsstaat feiert und ihn beim ersten Gegenwind im Stich lässt. Es ist der Apparat, der Rekordsummen in Munition schaufelt und den Grundsicherungsempfänger fragt, ob er es nicht doch mit weniger versucht! Und wenn der Korken dieser obergärigen Flasche irgendwann platzt, wird niemand schuld gewesen sein, weil ja alle nur durchkommen wollten, bis der Deckel von der Eiterblase fliegt und das ganze Land in dem Gestank steht, den es sich in Jahren des Wegschauens selbst herangezüchtet hat!

Warum wird Deutschland zerstört? Ich weiß es: Dr. Ulrike Guérot
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