Jahrzehnte lang war es die Mutter aller Drohkulissen: Bis zu sechs Grad Erderwärmung bis 2100, Zivilisationskollaps inklusive, die Erde als Schlachtfeld menschlicher Gier. Politiker zitierten es, Richter stützten Urteile darauf, Redaktionen hängten ihre Titelseiten daran auf. Das Szenario hiess RCP8.5 – und es war, wie jetzt offiziell bestätigt wurde, schlicht nicht wahr. Das Komitee, das die Szenarien für den nächsten IPCC-Sachstandsbericht (AR7) festlegt, hat soeben seinen neuen Rahmen veröffentlicht. RCP8.5, SSP5-8.5 und SSP3-7.0 verschwinden darin sang- und klanglos. Die Begründung ist so nüchtern wie vernichtend: Die Szenarien seien «implausibel» – sie beschreiben Zukunftsbilder, die nicht eintreten können.
Kohle im Überfluss – in einer Welt ohne genug Kohle
Das Extremszenario RCP8.5 setzte voraus, dass die Menschheit bis 2100 ihren Kohleverbrauch verfünffacht. Nicht verdoppelt. Verfünffacht. Als «Business as usual»-Szenario verkauft, als wahrscheinlichste Zukunft in Zehntausenden von Studien behandelt – und dabei auf Annahmen gebaut, die selbst nach konservativen Schätzungen die förderbaren Kohlereserven der Erde um ein Vielfaches überschreiten. SSP3-7.0, das nun ebenfalls gestrichen wird, ging von einer Weltbevölkerung von fast 13 Milliarden und einer Fünffach-Expansion des globalen Kohleverbrauchs aus – Zahlen, die kein seriöser Demograf und kein Energieökonom heute noch vertritt. Schon 2020 bezeichnete das Fachblatt Nature das Szenario öffentlich als «irreführend» und forderte, es nicht länger als wahrscheinlichstes Ergebnis zu kommunizieren. Die Konsequenz: Keine. Dass diese Grundannahmen jahrelang ungehindert durch die Maschinerie aus Forschung, Medien und Politik rauschten, ist kein Versehen. Es ist Methode.
Was bleibt: Der neue obere Rand der IPCC-Szenarien liegt bei rund 3,5 Grad – fast zwei Grad unterhalb dessen, womit die Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren systematisch erschreckt wurde. Gleichzeitig verabschiedet sich der IPCC still auch vom optimistischen Ende der Skala: Das 1,5-Grad-Ziel verschwindet als realistische Zielmarke. Die Politik, die jahrelang auf diesen beiden Extremen ihre gesamte Kommunikation aufbaute, steht nun zwischen zwei gestrichenen Wahrheiten.
Zehntausende Studien auf tönernen Füssen
Der eigentliche Skandal liegt nicht in der Korrektur selbst – Modelle werden überarbeitet, das ist wissenschaftlicher Alltag. Der Skandal liegt in dem, was diese Korrektur über die vergangenen zwei IPCC-Zyklen aussagt. Zehntausende Forschungsartikel wurden auf Basis dieser Szenarien verfasst, eine ähnliche Anzahl Medienschlagzeilen davon befeuert und Regierungen sowie internationale Organisationen haben Gesetze und Regulierungen darauf aufgebaut – ein Fundament aus Sand, wie sich nun herausstellt. Jegliches Verbot, jedwede Sonderabgabe, jedes Titelblatt, welches mit brennenden Kontinenten oder sinkenden Küstenstädten warb, basierte auf einem Szenario, das nunmehr offiziell als nicht eintretend eingestuft wird.
Klimaklagen, die vor Gerichten auf der ganzen Welt landeten – von Den Haag bis Lausanne –, stützten sich auf Prognosen, die RCP8.5 als wahrscheinlichen Referenzrahmen behandelten. Behördliche Risikoabschätzungen in der Schweiz, in Deutschland und Österreich taten dasselbe. Infrastrukturplanungen, Versicherungsmodelle, Schulcurricula. Der gesamte Apparat der institutionalisierten Klimaangst speiste sich jahrelang aus einem Szenario, das, wie nun zugegeben wird, nie als wahrscheinlicher Ausblick hätte präsentiert werden dürfen.
Die Stille nach dem Knall
Wo bleibt die Meldung? In den gleichen Redaktionen, die das Sechs-Grad-Horrorszenario Jahr für Jahr pflichtbewusst durch die Mangel drehten, ist das Schweigen nach dieser Korrektur ohrenbetäubend. Die reflexartige Empörung, die bei jeder neuen Katastrophenprojektion automatisch einsetzte, fehlt vollständig, wenn die Projektion selbst beerdigt wird. Wer fragt die Parteien, Umweltorganisationen und Ministerien, die ihre gesamte Kommunikation auf dieses Szenario stützten, nach ihrer Quellengrundlage? Wer entschuldigt sich bei all jenen, denen Energiepreisexplosionen, Verbrennerverbote und grüne Sonderabgaben mit dem sechsgradigen Klimainferno begründet wurden?
Detlef van Vuuren, einer der massgebenden Forscher hinter den neuen CMIP7-Szenarien, betont, dass auch 3,5 Grad gravierende Folgen hätten. Das stimmt. Doch dieser Hinweis ändert nichts daran, dass das Extrembild, auf das sich jahrelang Klageschriften, Katastrophengrafiken und politische Weichenstellungen stützten, offiziell aus dem Verkehr gezogen wurde. Die Frage, warum all das so lange gebraucht hat, wird in den Hauptnachrichten nicht gestellt.
Die Antwort kennt jeder, der schon einmal ernsthaft nachgefragt hat: Weil das System nicht gebaut wurde, um Wahrheit zu finden, sondern um Druck zu erzeugen. Weil RCP8.5 nicht als wissenschaftliches Werkzeug funktionierte, sondern als politischer Rammbock. Weil milliardenschwere Regulierungsarchitektur und die Delegitimierung jeder abweichenden Stimme auf dieser Zahlenkonstruktion aufgebaut wurden. Und weil ein Rammbock, der seinen Dienst getan hat, leise entsorgt wird – ohne Pressemitteilung, ohne Entschuldigung und ohne jede Konsequenz für jene, die ihn jahrelang schwangen.
Der grösste wissenschaftliche Glaubwürdigkeitsschaden des 21. Jahrhunderts wurde nicht von Klimaleugnern angerichtet, sondern von einem Apparat, der seine eigenen Modelle als unumstössliche Tatsachen verkaufte und Kritiker als gefährliche Ketzer behandelte – bis er die Modelle selbst still begrub.
Nachdem das Fundament aus Sand bestand und das Gebäude infolgedessen einstürzte, akquirieren die Architekten bereits Fördermittel für das nächste, auf Täuschung basierende Projekt, von dem sie sich einen Milliardengewinn versprechen.









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