Wenn Heuchelei einen Höhepunkt hat, dann sieht er vermutlich so aus: Grüne, SPD und Linke verlassen mit beinahe wortgleichem Statement die Plattform X – und erklären dabei, die Plattform sei im Chaos versunken, fördere Desinformation und sei kein Ort mehr für seriöse politische Kommunikation. Man muss sich das kurz auf der Zunge zergehen lassen. Dieselben Parteien, die jahrelang den politischen Debattenraum vergiftet, eingeengt und mit moralischer Brandmauer versehen haben, verabschieden sich nun mit dem Vorwurf, der Raum sei vergiftet. Man nennt das in Fachkreisen: Projektion.
Fangen wir mit dem Offensichtlichsten an. Koordinierte Abgangserklärungen mit nahezu identischem Wortlaut sind nicht spontane Empörung. Das ist Absprache. Das ist PR. Das ist genau das, was diese Parteien angeblich bekämpfen: Abgestimmte Narrative, die als authentische Meinungsäusserung verkleidet werden. Wer «bunte Vielfalt» predigt und dann im Gleichschritt vom Platz marschiert, hat entweder keinen Spiegel zu Hause oder weiss ganz genau, was er tut – und hofft, dass niemand hinschaut. Koordiniert abtreten und dabei Unabhängigkeit signalisieren – das ist eine Kunstform. Eine sehr durchsichtige. Desinformation, sagen sie. Desinformation.
Dezember 2021. Katharina Dröge, Grüne, erklärt vor laufenden Kameras, gegen Omikron seien wohl nur noch Drittgeimpfte gut geschützt, und für 2G könne das weitere Verschärfungen bedeuten. Kein echter Konjunktiv in der Praxis, keine wissenschaftliche Einschränkung im Ton, kein Raum für Zweifel. Nur: Druck, Angst, Drohung – und das Ganze verpackt als «Folge der Wissenschaft». Das Beispiel steht nicht allein. Es steht stellvertretend für eine politische Kommunikationsstrategie, die über zwei Jahre lang exakt so funktioniert hat: Behauptungen wurden zu Gewissheiten, Gewissheiten zu Pflichten, Pflichten zu Gesetzen – und wer fragte, war ein «Covidiot», ein «Schwurbler», unsolidarisch oder gleich gemeingefährlich.
2G, 3G, Booster-Empfehlung, Impfstoffversprechen, die alle paar Wochen korrigiert werden mussten, Massnahmen, die als «alternativlos» galten und kurz darauf kommentarlos verschwanden – das war keine Wissenschaft. Das war Politik, die sich Wissenschaft als Schutzschild umgehängt hatte. Und jede abweichende Stimme – egal ob Arzt, Ökonom, Jurist oder einfacher Bürger – wurde in den sozialen Medien, in den Leitartikeln und von den Parlamentsrednerpulten als Bedrohung für die öffentliche Gesundheit gebrandmarkt. Wer weiter fragte, war unsolidarisch. Wer lauter fragte, war ein Schwurbler. Wer organisiert fragte, war ein Covidiot. Und wer sich nicht einschüchtern liess – der war am Ende ein Nazi. So funktioniert die Eskalationslogik der betreuten Denke: Die Etiketten werden schärfer, je hartnäckiger der Widerspruch. Das Wort «Solidarität» wurde dabei so lange missbraucht, bis es nur noch als Druckmittel funktionierte.
Nicht X hat das getan
Nicht X hat Millionen Menschen ausgegrenzt, diffamiert und unter Druck gesetzt. Nicht X hat politische Irrtümer zu moralischen Pflichtübungen erklärt. Das kam aus dem Bundestag, aus den Ministerien, aus den Pressestunden und aus genau jenen Parteien, die heute mit theatralischem Pathos den Saal verlassen. Danke übrigens. Für die Fürsorge damals – und für die ausbleibende Selbsterkenntnis heute.
Das Paradox der Freiheit
Aber warum passiert das eigentlich? Warum gleitet ein ganzes politisches Milieu so tief ins Sektierertum ab, ohne dass irgendjemand aus diesem Milieu selbst die Reissleine zieht? Die Antwort ist so einfach wie unangenehm: Weil es sich niemand mehr leisten muss.
Es gibt ein Phänomen, das man das «Paradox der Freiheit» nennen könnte. Es besagt, dass ein Mehr an Freiheit ab einem bestimmten Punkt nicht zu mehr Austausch, Erkenntnis und Pluralität führt – sondern im Gegenteil zu Segmentierung und geistiger Verarmung. Die Logik dahinter ist erschreckend simpel: Wer viele Optionen hat, wählt die, die am wenigsten kostet und am meisten Bestätigung verspricht. Niemand verbringt freiwillig Zeit mit Leuten, die andere Ansichten und andere Werte vertreten. Wer nicht beruflich oder durch sozialen Druck dazu gezwungen wird, setzt sich nicht mit unbequemen Meinungen auseinander.
Das gilt umso mehr, wenn man sich in einem postmaterialistischen Umfeld bewegt – also dort, wo Sprechakte und Symbolhandlungen die Wirklichkeit ersetzen. Seeking pleasure, avoiding pain. Das gilt nicht nur für das Handeln, sondern auch für die Wahrnehmung, für das Informationsverhalten, für die Wahl der Gesprächspartner. Und wenn sich dieses Prinzip hochaggregiert, hat es massive systemische Konsequenzen.
Genau das passiert in der linksgrünen Bubble, die in einer umfassenden Bestätigungsspirale gefangen ist. Das Allensbach-Institut hat es schwarz auf weiss dokumentiert: Anhänger der Grünen bekunden die grössten Schwierigkeiten mit abweichenden Meinungen. Nur jeder Zehnte gibt sich mit Menschen ab, die einer anderen Partei zuneigen. Einer von zehn. Das ist keine politische Überzeugung mehr. Das ist eine Sekte mit Bundestagsfraktion.
Konditioniert bis zur Realitätsverweigerung
Um das vollständig zu verstehen, muss man sich die Biografie dieses Milieus vor Augen führen. Diese Menschen wurden so erzogen. In der Schule so bestätigt. An der Universität so geformt. In den Leitmedien täglich so gefüttert. Im Arbeitsumfeld – irgendeine Behörde, irgendein öffentlich finanzierter Träger, irgendein NGO-Apparat – so gespiegelt. Die Welt richtete sich immer nach ihren Wünschen. Und wenn etwas störte, meldete man sich krank – gerne auch mal für mehrere Monate. Der Widerspruch der Realität wurde schlicht nie trainiert.
Das Ergebnis ist eine tiefe Konditionierung: Viele in diesem Milieu haben nie gelernt – wurden nie gezwungen zu akzeptieren – dass die Realität unabhängig von den eigenen Vorstellungen existiert. Dass es eine Wahrheit geben kann, die von der eigenen abweicht. Wahr ist, was sich gut anfühlt. Wahr ist, was die eigenen Überzeugungen bestätigt. Dass es anders sein könnte, liegt jenseits ihrer Vorstellungsfähigkeit. Und weil die Wirklichkeit aufgehört hat, als gemeinsamer Massstab zu funktionieren, ist auch kein gemeinsames Gespräch mehr möglich. Wozu auch – «ist doch sowieso alles konstruiert».
Diese Konditionierung macht diese Menschen nicht nur unangenehm. Sie macht sie unerreichbar. Mit Fakten ist da nichts mehr auszurichten. Fakten werden selektiert, ignoriert oder moralisch abgeblockt. Fake News. Rassismus. Rechts. Springerpresse. Lobbys. Konzerne. Und wenn auch das nicht mehr hilft – dann setzt man beleidigt seinen Haufen hin und verlässt die Plattform. Per Textbaustein, versteht sich.
Wenn Institutionen zur Bestätigungsmaschine werden
Das eigentlich Gefährliche ist, dass diese Dynamik längst nicht mehr nur ein Problem von Stammtischen und Filterblasen ist. Weite Teile der Medien, der Academia und sogar der Justiz funktionieren inzwischen nach demselben Prinzip der Bestätigung. Was wahr ist und wer schuldig ist – das weiss man schon vorher. Forschung, Recherche und Beweisführung dienen dann nur noch der Suche nach bestätigenden Sachverhalten. Das Prinzip der Falsifikation wird umgekehrt: Selektive Befunde werden als Beweis für die Unumstösslichkeit der eigenen Überzeugungen präsentiert. Gegenläufige Sachverhalte werden ignoriert – oder, wenn das nicht möglich ist, moralisch abgeblockt und der Quelle als solcher die Legitimität abgesprochen.
«Follow the science» war nie eine Einladung zum Denken. Es war ein Befehl zum Schweigen.
Jetzt also X. Die Plattform, auf der Dissens sichtbar ist, auf der nicht moderiert, gefiltert und kuratiert wird, bis die erwünschte Meinung als einzige übrig bleibt – die soll der Grund für den Rückzug sein. Das Chaos dort. Der Hass. Die Desinformation. Interessant ist dabei, was nicht gesagt wird: Dass auf X auch jene Gegenstimmen zu finden sind, die man andernorts systematisch unsichtbar gemacht hatte. Dass dort Fragen gestellt werden, die in anderen Medien keine Antwort mehr finden. Dass der «vergiftete Debattenraum» manchmal schlicht der Raum ist, in dem die eigene Version der Realität nicht unwidersprochen bleibt.
Das ist das eigentliche Problem. Nicht Chaos. Nicht Hass. Kontrolle – oder genauer, der Verlust davon. Denn Kontrolle hatten diese Parteien. Über die Narrative in den öffentlich-rechtlichen Medien, über die Deutungshoheit in Talkshows, über die Sprache der Pandemie. Dass ausgerechnet eine soziale Plattform diese Kontrolle nicht mitspielt – das ist der eigentliche Skandal, der hinter dem frommen Abgang steckt. Wer jahrelang Debattenkultur als Instrument zur Durchsetzung einer Agenda genutzt hat, erkennt echte Debatte nicht – er erschrickt vor ihr. Und erschreckte Leute verlassen den Raum. Aber sie tun es mit Würde: Koordiniert, abgesprochen, per Textbaustein. Vielfalt eben. Die Art von Vielfalt, bei der alle dasselbe denken und es nur unterschiedlich klingen lassen.
Das politische Chaos, das diese Kreise heute beklagen, ist nicht vom Himmel gefallen. Es wurde miterzeugt – durch Jahre des moralischen Überdrucks, der epistemischen Anmassung, der institutionellen Arroganz. Durch eine Politik, die Fragen als Angriffe deutete, Zweifel als Gefahr und Widerspruch als Beweis für schlechten Charakter. Wer dieses Erbe jetzt auf X ablädt, hat entweder ein sehr kurzes Gedächtnis – oder ein sehr langes.
Wenn es einer Gesellschaft nicht mehr gelingt, die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit einzufordern und institutionell zu verankern, dann driftet sie auseinander – in Gruppen, die sich ihre eigene Wirklichkeit schaffen. Das passiert besonders dort, wo Bestätigungsschleifen durch Selbstselektion entstehen, in besonders freien und mobilen Gesellschaften. Insofern ist das, was sich da im linksgrünen Milieu abspielt, kein kurioses Randphänomen. Es ist ein alarmierendes Zeichen des Niedergangs.
Das Problem sitzt nicht auf einer Plattform.
Es sitzt deutlich näher am Bundestag…
Und es hat soeben seinen Abgang erklärt – per Textbaustein, versteht sich!









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