Es gibt einen kleinen, hartnäckigen Schönheitsfehler in der grossen Mobilmachungs-Erzählung: Während ganze Jahrgänge gemustert, erfasst und im Zweifel verlost werden sollen, bleibt der Nachwuchs jener, die am lautesten nach Wehrhaftigkeit rufen, auffällig unbehelligt. Kriegstüchtigkeit ist offenbar eine Tugend, die man am besten anderen Leuten verschreibt.
Seit dem 1. Januar 2026 gilt in Deutschland das neue Wehrdienstgesetz. Alle ab Jahrgang 2008 geborenen Männer bekommen Post, die Beantwortung ist für sie Pflicht, die Musterung kehrt zurück und reichen die Freiwilligen nicht, steht die Bedarfswehrpflicht samt Losverfahren bereit (Wehrdienst-Einigung, LTO; Neuer Wehrdienst, BMVg). In Frankreich kündigte Präsident Emmanuel Macron im November 2025 ein neues «Service National» an, das im Sommer 2026 startet, vorerst freiwillig, im Krisenfall per Parlamentsbeschluss erweiterbar (Service National, Ministère des Armées). Die Botschaft an die Jugend Europas ist klar. Die Frage ist nur, an welche Jugend genau.
Die fruchtbare Frau von der Front
Beginnen wir mit der Vorzeige-Mutter. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat sieben Kinder (Wikipedia) – ein Familienbetrieb, der jeder Geburtenstatistik Ehre macht und in jeder Sonntagsrede als «inspirierendes Beispiel für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie» durchgereicht wird. Sieben potenzielle Uniformträger, sieben mögliche Beiträge zur Verteidigung jener Werte, die ihre Mutter unermüdlich beschwört. Und was machen die? Karriere. Sohn David etwa heuerte bei McKinsey an – ausgerechnet bei jener Beraterfirma, die unter Mutters Ägide als Verteidigungsministerin Millionenaufträge erhielt (NYT zur McKinsey-Affäre). Strategieberatung im klimatisierten Grossraumbüro schlägt eben Schützengraben. Wer wollte es ihm verdenken. Nur fragt sich, warum gerade die Familie mit dem grössten Personalreservoir keinen einzigen Freiwilligen stellt.
Der Obergefreite und die unsichtbaren Töchter
Verteidigungsminister Boris Pistorius, lautester Trommler des neuen Aufwuchspfads, hat selbst einst gedient – als Grundwehrdienstler, ausgeschieden als Obergefreiter (Wikipedia). Das ist ihm hoch anzurechnen, ehrlich. Seine zwei erwachsenen Töchter dagegen (t-online) glänzen in Sachen Landesverteidigung durch Abwesenheit. Und hier wird es interessant, denn jetzt kommt das Lieblingsargument der Bequemen: «Frauen müssen ja nicht.» Stimmt. Müssen nicht. Dürfen aber. Die Bundeswehr steht Frauen seit über zwei Jahrzehnten in allen Laufbahnen offen, von der Mannschaft bis zur Generalität. Wer ein halbes Leben lang Gleichberechtigung als höchstes Gut predigt, kann sich beim Thema Wehrdienst schwerlich hinter dem Röckchen verstecken, das er sonst als Relikt des Patriarchats geisselt. Entweder die Frau kann alles, was der Mann kann – dann auch das. Oder die ganze Emanzipationsrhetorik war Sonntagsgeklingel, das punktgenau dort verstummt, wo es ernst und gefährlich wird.
Genau dieselbe Logik gilt für Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die Grande Dame der Aufrüstung aus dem Europaparlament. Drei erwachsene Kinder (Wikipedia), und keines von ihnen, soweit die Öffentlichkeit weiss, hat je das Bedürfnis verspürt, der Sache zu dienen, für die ihre Mutter seit Jahren mit der Inbrunst einer Erweckungspredigerin Panzer und Marschflugkörper fordert. Söhne wie Töchter – im Flecktarn unsichtbar, überall sonst gut versorgt. Eine Frau, die mit Begeisterung Motorrad fährt und keine Konfrontation scheut, hätte doch das ideale Vorbild abgegeben: Kinder voran, marsch. Stattdessen bleibt es beim Reden. Wie systematisch die Sprache für dieses Reden weichgespült wird, habe ich im Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit seziert.
Der kinderlose Mobilmacher
In Paris regiert mit Emmanuel Macron ein Präsident, der die Jugend zum service national ruft und selbst keine leiblichen Kinder hat (Faktenlage). Seine drei Stiefkinder sind Jahrgang 1975, 1977 und 1984 – nett, aber für die Kaserne von 2026 etwa drei Jahrzehnte zu spät dran. Kommentatoren haben längst notiert, dass ausgerechnet der erste kinderlose Präsident der Fünften Republik so freihändig über die Zukunft fremder Kinder verfügt. Es ist eben leichter, einen Generationenvertrag zu unterschreiben, wenn man selbst keinen Anteil daran einbringt.
Bleibt der britische Premierminister Keir Starmer. Der hat zwei Kinder, der Sohn Jahrgang 2008 (Wikipedia) und damit inzwischen alt genug, um sich der Armee anzuschliessen, der sein Vater die grösste Soldgehaltserhöhung seit zwanzig Jahren spendiert und die er bei jeder Gelegenheit als Heldentruppe feiert (Starmer auf X). In Grossbritannien gibt es keine Wehrpflicht, der Dienst ist freiwillig – der Junge könnte also, wenn er denn wollte. Er will offenkundig nicht. Bei einem Vater, der den Konflikt mit Russland herbeiredet und die Insel auf Kriegsbereitschaft trimmt, wäre genau diese Konsequenz allerdings das Mindeste: Wer die Truppe lobpreist und die Bedrohung beschwört, sollte den eigenen Nachwuchs vorangehen lassen, statt ihn im sicheren Camden Karriere planen zu lassen. Just jener Jahrgang 2008 obendrein, der, wäre das Kind deutsch, gerade die erste Musterungswelle des neuen Gesetzes abbekäme. Die Familie schützt ihre Privatsphäre, heisst es stets. Vor der Öffentlichkeit. Vor dem Wehrgesetz schützt sie ohnehin der richtige Pass. Dass die Bearbeitung der Jüngsten nicht erst bei den Volljährigen beginnt, habe ich am Beispiel von Merz und den kriegstüchtigen Kindern gezeigt.
Der Bürgermeister mit den Söhnen im Ausland
Damit niemand glaubt, dieses Muster ende an der NATO-Aussengrenze: In Kiew fordert Bürgermeister Vitali Klitschko, ein ehemaliger Schwergewichtsweltmeister, das Mobilisierungsalter zu senken, und räumt im Gespräch mit Politico offen ein, sein Land habe gewaltige Personalprobleme (RFE/RL zur Wehralter-Debatte). Seine beiden Söhne, 20 und 25 Jahre alt und damit im besten wehrfähigen Alter, leben Berichten zufolge in den USA und Grossbritannien. Während also Zehntausende junge Ukrainer das Land verlassen, um genau jener Einberufung zu entgehen, der ihr Bürgermeister gern noch mehr Leute zuführen würde, sitzt sein eigener Nachwuchs sicher im Westen. Das Drehbuch ist dasselbe wie in Berlin, Paris und London – nur die Kulisse wechselt. Wer das Senken der Altersgrenze fordert, sollte mit gutem Beispiel vorangehen. Tut er aber nicht.
Die Front ist für die anderen
Man muss kein Pazifist sein, um das Muster zu erkennen. Es ist die älteste Choreografie der Geschichte: Wer den Krieg bestellt, sitzt selten an der Tafel, an der die Rechnung serviert wird. Die Kinder der Eliten haben schon immer Beraterverträge unterschrieben oder Wohnsitze im Ausland gemeldet, während die Kinder der Anderen Marschbefehle bekamen. Neu ist nur die Dreistigkeit, mit der das Ganze als gesamtgesellschaftliche Anstrengung verkauft wird, während die Gesamtgesellschaft an den entscheidenden Stellen seltsame Lücken aufweist – genau dort, wo die eigene Verwandtschaft steht.
Und neu ist die feministische Volte, die das Schlupfloch zementiert. Jahrzehntelang wurde uns erklärt, das Geschlecht dürfe kein Hindernis mehr sein, keine Bastion bleibe Männern vorbehalten, die Frau gehöre in jeden Cockpitsitz, jeden Vorstand, jedes Amt. Wunderbar. Dann gehört sie auch in jede Grundausbildung, sobald sie etwas für ihr Land tun will. Wer Gleichheit nur dort einfordert, wo sie Prestige bringt, und sie verschämt vergisst, wo sie Schweiss, Schlamm und Lebensgefahr bedeutet, hat nie Gleichheit gemeint, sondern Privileg.
Es wäre, rein logisch betrachtet, nur konsequent: Wer die Wehrtüchtigkeit eines Landes zur obersten Bürgerpflicht erklärt, sollte den eigenen Nachwuchs voranschicken – Söhne wie Töchter, ganz im Sinne der gepredigten Gleichberechtigung. Als Beweis der Ernsthaftigkeit, als Geste der Glaubwürdigkeit, als kleine Bürgschaft dafür, dass man selbst glaubt, was man predigt. Stattdessen erleben wir das Gegenteil: Die Lautesten halten ihre Kinder am sorgfältigsten aus der Schusslinie. Das Vaterland braucht Soldaten, gewiss – nur nicht aus den eigenen vier Wänden.
Vielleicht ist das die ehrlichste Definition von Kriegstüchtigkeit, die dieser Kontinent zu bieten hat: Die Fähigkeit, andere Menschen für eine Sache sterben zu lassen, die man selbst nur vom Rednerpult aus kennt. Solange die Kinder der Mächtigen im Homeoffice von London bis Kalifornien sitzen und Karriere machen, ist der Krieg genau das, was er für die Herrschenden immer schon war: ein Geschäft, das andere mit ihrem Leben bezahlen!









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