Am 16. März 2026 schreibt ein Senior Fellow des American Enterprise Institute auf, wie Ceuta zu nehmen wäre: Marokkaner sammeln, Bulldozer an die Grenze, unbewaffnet hinein, Flagge hoch. Am 25. April erklärt Israels grösstes Nachrichtenportal in drei nummerierten Punkten, wie Jerusalem dabei helfen könnte. Am 30. Juli laufen und schwimmen Zehntausende unbewaffnet nach Ceuta. Das ist keine Theorie aus dem Hinterzimmer, das sind Texte mit Datum, Autor und Link.
Der Bauplan trägt ein Veröffentlichungsdatum
Michael Rubin, Senior Fellow am American Enterprise Institute, forderte am 16. März beim Middle East Forum einen neuen Grünen Marsch nach Ceuta und Melilla. Vorbild ist 1975, als rund 350’000 unbewaffnete Marokkaner in die Westsahara zogen und Madrid binnen zehn Tagen den Rückzug unterschrieb. Rubins Rezept für heute steht ohne jede Verklausulierung da: Bulldozer an die Grenze schicken, unbewaffnet in die Städte laufen, die Flagge hissen. Spanien werde blöken, aber nichts ausrichten können, die NATO ebenso wenig, weil Artikel 6 des Nordatlantikvertrags afrikanisches Festland ausdrücklich ausklammert. Zum Schluss die Empfehlung, die Behörden in Cádiz mögen sich schon einmal auf die Aufnahme von rund 170’000 vertriebenen spanischen «Siedlern» einstellen. Ein Meinungsstück, gewiss. Eines allerdings, das viereinhalb Monate im Voraus die Choreografie beschreibt.
Drei Kanäle, sauber durchnummeriert
Am 25. April legte Ynet nach. Unter der Frage, wie Israel Marokko helfen könne, seinen Norden zurückzuholen, listete Amine Ayoub, Fellow desselben Middle East Forum, drei Wege auf. Erstens direkte diplomatische Signale. Zweitens Lobbyarbeit über Washingtoner Korridore. Drittens Spaniens Heuchelei blossstellen: Madrid habe 2024 Palästina anerkannt und halte gleichzeitig europäische Enklaven auf afrikanischem Boden, ein Widerspruch, der wiederholt in internationalen Foren vorgetragen gehöre.
Der erklärte Zweck steht im selben Text, es geht darum, einen NATO-Partner zu bestrafen, der Washington die Gefolgschaft verweigert hat. Ayoub verweist dabei auf einen Vorlauf, der die Sache aus dem Meinungsteil heraushebt: Wenige Tage nach Rubins Text erklärte Mario Díaz-Balart, Vorsitzender des zuständigen Unterausschusses im US-Repräsentantenhaus und enger Vertrauter von Marco Rubio, die Enklaven lägen nicht im geografischen Gebiet Spaniens. Den Unterbau liefert der Aufsatz mit: Im Januar 2026 unterzeichneten Israel und Marokko in Tel Aviv einen gemeinsamen Militärarbeitsplan, drittes Treffen des gemeinsamen Militärausschusses, aufgesetzt auf ein Sicherheitsabkommen von 2021.
Kanal drei ging am Freitag auf Sendung
Am 31. Juli, während die Guardia Civil Leichen aus dem Wasser zog, meldete sich Israels UNO-Botschafter Danny Danon: Spanien, das keine Gelegenheit zur Belehrung auslasse, solle der Welt zuerst einmal erklären, warum es in Afrika weiterhin Kolonialenklaven unterhalte. Das ist nicht sinngemäss Ayoubs Punkt drei, das ist Punkt drei. Neu ist die Linie ohnehin nicht. Am 25. Mai 2019 postete Yair Netanyahu, Sohn des Premiers, eine Karte der spanischen Nordafrika-Besitzungen mit der Zeile: Liebe Araber und Muslime, wollt ihr besetzte arabisch-islamische Länder befreien, hier sei ein guter Anfang. Sieben Jahre alt, damals sechstausendfach geteilt, seit Freitag wieder überall.
Und hier reisst die Kette
Kein Dokument, kein Leak, keine Quelle zeigt, dass in Jerusalem irgendjemand den Schlagbaum bei Tarajal geöffnet hätte. Israels Geschäftsträgerin in Madrid, Dana Erlich, dementierte bereits im April, ihre Regierung erwäge Unterstützung für Marokkos Anspruch und rückte am Freitag ausdrücklich von Danon ab. Ein Dementi ist billig, es ist aber ebenso wenig ein Beleg für Beteiligung wie ein Strategiepapier ein Tatnachweis ist. Der Hebel selbst liegt dort, wo er seit Jahrzehnten liegt. Im Mai 2021 setzten in 36 Stunden über 8000 Menschen nach Ceuta über, Madrid sprach von Erpressung und im März 2022 schwenkte Sánchez auf Marokkos Westsahara-Kurs ein. Dieses Mal kamen ein Algerien-Besuch des Premiers dazu und ein Urteil des Obersten Gerichtshofs, das Schwimmern die Einzelfallprüfung garantiert.
Was am Bauplan nicht aufging
Rubins Choreografie sah einen Staatsakt vor: Fahnen, Bulldozer, eine Landnahme mit Ansage. Gekommen ist etwas anderes: Menschen ohne Gepäck, ohne Proviant, ohne Flagge, die sich ins Wasser warfen, weil ein Gerichtsurteil ihnen eine Anhörung versprach. Die spanische Regierung, die allen Grund hätte, mit dem Finger nach Jerusalem zu zeigen, tut es nicht – Pedro Sánchez nennt das Geschehen einen Angriff auf die territoriale Integrität und macht Schleusernetze verantwortlich. Rabat schweigt wie immer. Zwei Thesen bleiben damit im Rennen und sie schliessen einander nicht aus: Ein Königshaus dreht am Ventil, weil ihm der Besuch in Algier missfiel. Und ein Bündnis rundherum hatte längst schriftlich festgehalten, wie nützlich ihm genau dieser Vorgang wäre.
Die Bilanz zahlt niemand, der sie verursacht hat
Geblieben sind Dutzende Tote zwischen Wellenbrecher und Grenzzaun, eine Stadt von 85’000 Einwohnern, in die binnen eines Tages rund 60’000 Menschen drängten und ein Kontinent, der binnen Stunden über den Rauswurf Spaniens aus Schengen debattierte, obwohl Ceuta gar nicht dazugehört. Wer aus alldem nun ein fertiges Urteil giesst, Israel habe die Toten auf dem Konto, verschenkt den einzigen Vorteil, den er besitzt, nämlich die Belegbarkeit. Und er bedient obendrein den Etikettendrucker, mit dem jede Kritik zu Antisemitismus umgestempelt wird. Es benötigt keine Spekulation, das Vorhandene reicht vollkommen: Ein Bauplan liegt öffentlich vor, ein Botschafter arbeitet ihn Punkt für Punkt ab, ein König hält die Hand am Ventil und niemand von ihnen musste je etwas Illegales tun. So funktioniert Aussenpolitik im Jahr 2026, sie beauftragt nicht, sie publiziert. Sie schickt keine Panzer, sie schickt Vorschläge und wartet, wer sie aufhebt. Und wenn die Guardia Civil am Ende die Leichen zählt, sind alle Beteiligten gleichzeitig fassungslos über die Schlepperkriminalität!











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