Während in den Redaktionsstuben, Gender-Lehrstühlen und Empörungs-Kollektiven dieses Landes unermüdlich das Patriarchat beschworen, die toxische Männlichkeit skandiert und das männliche Privileg rezitiert wird, sterben die angeblichen Privilegierten leise vor sich hin. Nicht metaphorisch. Statistisch. In der Schweiz gehen laut Todesursachenstatistik des Bundes rund 72 Prozent aller Suizide auf das Konto von Männern, die Suizidrate der Männer liegt fast dreimal so hoch wie jene der Frauen. Das ist keine Randnotiz. Das ist ein Massengrab mit Ansage – und niemand im grossen Betroffenheitszirkus hält auch nur eine Schweigeminute ab.
Denn der Zirkus hat Wichtigeres zu tun. Er analysiert männliches Sitzverhalten in der S-Bahn, dekonstruiert das Kompliment als Mikroaggression und erklärt jedem Buben ab der ersten Klasse, dass in ihm ein kleiner Unterdrücker schlummert, den es rechtzeitig zu entschärfen gilt. Laut offizieller Lesart: Ein mutiger, intersektionaler, herrschaftskritischer Befreiungskampf gegen jahrtausendealte Strukturen. Laut Realität: Ein Berufszweig, der vom Feindbild lebt und deshalb gar kein Interesse daran haben kann, dass es dem Feind gut geht.
Die unsichtbaren Toten
Die Zahlen sind seit Jahrzehnten bekannt und seit Jahrzehnten egal. Männer nehmen sich in praktisch allen westlichen Ländern drei- bis viermal häufiger das Leben als Frauen. Sie saufen sich häufiger zu Tode, verunfallen häufiger, verrecken früher. Sie stellen die überwältigende Mehrheit der Obdachlosen, der Arbeitstoten und der Gefängnisinsassen. Wäre irgendeine andere Gruppe derart überrepräsentiert in sämtlichen Elendsstatistiken, gäbe es Sondersendungen, Aktionspläne, Beauftragte, Lichterketten und mindestens einen nationalen Gedenktag. Bei Männern gibt es ein Schulterzucken und den wohlfeilen Hinweis, sie sollten halt öfter über Gefühle reden.
Genau das ist der Treppenwitz: Dieselbe Bewegung, die Männern jahrzehntelang vorwarf, ihre Gefühle zu verdrängen, hat ein Klima geschaffen, in dem männliche Gefühle nur noch in zwei Sorten vorkommen – als Schuldbekenntnis oder als Beweisstück. Der Mann, der weint, ist ein Fortschritt fürs Sammelalbum. Der Mann, der sagt, dass ihn der Dauerbeschuss auf sein Geschlecht zermürbt, ist ein fragiler weisser Jammerlappen, der seine Privilegien nicht abgeben will. Deine Trauer ist willkommen, solange sie das Weltbild bestätigt. Deine Not ist Hassrede, sobald sie es stört.
Sortiert wird ab der ersten Klasse
Der Nachschub fürs Massengrab wird früh herangezogen. Ein OECD-Bericht über mehr als 60 Länder kam zum Befund, dass Buben bei gleichen Fähigkeiten schlechtere Noten erhalten als Mädchen – ein Muster, das nationale Schulstudien seit den Neunzigern immer wieder bestätigen. Buben wiederholen häufiger Klassen, landen häufiger in Sonderprogrammen und seltener an Hochschulen. Man stelle sich die Schlagzeilen vor, wären die Vorzeichen umgekehrt: Krisengipfel, Quoten, Sofortmassnahmen. So aber gilt das Scheitern der Buben als verdiente Quittung für viertausend Jahre Patriarchat, abgebucht vom Konto eines Achtjährigen, der noch nicht einmal weiss, wie man Patriarchat schreibt.
Und wer die Schule überstanden hat, darf sich im Erwachsenenleben gleich weiter abmelden. Das deutsche Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung meldet, dass in sämtlichen Altersgruppen Männer häufiger ohne feste Partnerschaft leben – und mit ihrem Alleinsein unzufriedener sind als Frauen. Dieselbe Behörde dokumentiert, dass sich fast jeder zweite junge Erwachsene zumindest teilweise einsam fühlt und Männer besonders häufig sozial vereinsamen. Einsame, aussortierte, pathologisierte junge Männer in Serie – was könnte da schon schiefgehen? Aber klar, das eigentliche Problem unserer Zeit ist der Mann, der im Zug die Beine zu weit öffnet.
Vom Kampf für Gleichheit zum Geschäft mit der Verachtung
Man muss es so deutlich sagen: Was sich heute lautstark Feminismus nennt, hat mit dem historischen Original ungefähr so viel gemein wie ein Regenbogen-Konzern im Juni mit Nächstenliebe. Die Frauen, die einst für Stimmrecht, Bildung und Selbstbestimmung kämpften, wollten Gleichheit vor dem Gesetz. Ihre selbsternannten Erbinnen wollen Deutungshoheit über das andere Geschlecht. Aus einer Bürgerrechtsbewegung wurde eine Verachtungsindustrie mit Lehrstühlen, Fördertöpfen und Hashtag-Liturgie, die jede männliche Eigenschaft – Schutzinstinkt, Wettbewerb, Härte gegen sich selbst – zum Krankheitsbild umetikettiert. Du bist krank, weil du ein Mann bist – auf diesen Nenner lässt sich die therapeutische Grosswetterlage bringen.
Dabei wäre die Rechnung so simpel, dass sie sogar in ein Gender-Seminar passen würde: Eine Gesellschaft, die ihre Männer systematisch entwertet, beschädigt am Ende auch ihre Frauen. Die Söhne, die man in der Schule aussortiert, sind die Partner, Väter und Kollegen von morgen. Die Männer, die man in die innere Emigration mobbt, fehlen später als Ernährer, Beschützer und schlicht als funktionierende Menschen. Wer den halben Bestand einer Gesellschaft zum Problemfall erklärt, bekommt keine gerechtere Gesellschaft. Er bekommt eine kaputte – und zwar für alle. Dass ausgerechnet jene Bewegung, die einst antrat, Geschlechterklischees zu zerschlagen, heute das plumpste aller Klischees bewirtschaftet, nämlich den Mann als geborenen Täter, ist die bitterste Pointe dieser Geschichte. Der letzte Feind, den dieser Feminismus besiegen will, ist der Mensch selbst.
Und nein: Wer das ausspricht, ist kein Antifeminist. Wer das ausspricht, nimmt den Feminismus beim Wort, das er selbst gewählt hat – Gleichberechtigung. Gemessen an diesem eigenen Anspruch ist die heutige Ausgabe kein Feminismus mehr, sondern sein Nachlassverwalter mit Alleinvertretungsanspruch und Abrissbirne.
Bilanz eines Rachefeldzugs
Es bleibt eine Bewegung, die Gleichheit predigt und Überlegenheit meint, die Empathie beansprucht und Verachtung liefert, die gegen Rollenbilder wettert und selbst das starrste aller Rollenbilder zementiert. Drei von vier Suizidtoten sind Männer und der Empörungsbetrieb diskutiert derweil über männliches Sitzverhalten. Ganze Bubenjahrgänge werden schulisch abgehängt und der Betrieb feiert es als Fortschritt. Eine Generation junger Männer vereinsamt vor den Augen der Statistiker und der Betrieb nennt sie zur Belohnung noch fragil. Man hat aus dem Kampf für die Hälfte der Menschheit einen Feldzug gegen die andere Hälfte gemacht – und nennt dies «Gerechtigkeit»! Eine Ideologie, die ihre Toten nicht einmal mehr zählt, hat jedes Recht verwirkt, sich Fortschritt zu nennen! Und wenn diese Gesellschaft erst gemerkt hat, was sie ihren Söhnen angetan hat, wird niemand mehr da sein, der sie beschützt – am wenigsten jene, die heute am lautesten schreien!










«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







