Felix Straumann hat den Dokumentarfilm «Der Hype» gesehen – und prompt setzt die Schnappatmung ein. Der stellvertretende Ressortleiter Wissenschaft und Medizin bei der TX Group liefert keine Filmkritik, sondern ein klinisch reines Anschauungsstück dafür, wie Presse und Politik auf das eine Wort reagieren, das sie mehr fürchten als jede neue Corona-Variante – Aufarbeitung.
Das ist die eigentliche Pointe seines Textes. Wer derart gereizt, dünnhäutig und hyperventilierend auf einen kritischen Dokumentarfilm reagiert, beweist nicht, dass der Film schlecht ist. Er beweist, dass der Film einen wunden Punkt getroffen hat. Und der wunde Punkt heisst nicht Faktenlage. Er heisst Verantwortung.
Die üblichen Verdächtigen genügen nie
Straumann listet brav die bekannten Kritiker auf – Beda Stadler, Pietro Vernazza, Konstantin Beck, Wolfgang Wodarg, John Ioannidis – und schiebt sie mit einer einzigen Handbewegung in die Ecke des Unseriösen. Widersprüchliche Maskenempfehlungen, systematisch falsch-positive PCR-Tests, dramatisch danebenliegende Prognosen, peinliche Falschaussagen einzelner Akteure: Alles angeblich tendenziös und verkürzt. Dass es exakt dieselben Punkte sind, die kritische Stimmen während der ganzen Pandemie vorbrachten – nur um damals als Verschwörungsdenken abgestempelt zu werden – fällt ihm nicht auf. Oder soll nicht auffallen. Für Straumann existiert nur eine korrekte Aufarbeitung der Pandemie – nämlich gar keine. Aufarbeitung erkennt er nur an, wenn sie zum selben Ergebnis kommt wie das Dogma, das aufgearbeitet werden soll. Wie eine Auseinandersetzung mit dem Film aussieht, die seinen Inhalt ernst nimmt, habe ich im Beitrag zum Film bereits beschrieben.
Der heilige akademische Segen
Besonders genüsslich zieht er über die Journalistinnen Catherine Riva und Serena Tinari her. Skurril findet er es, dass eine Sprachwissenschaftlerin und eine Frau ohne abgeschlossenes Studium es wagen, Modellrechnungen und Epidemiologen zu kritisieren. Als wäre ein Medizindiplom die einzige Eintrittskarte für kritisches Denken. Ob jemand recht hat, hängt nicht vom Studienabschluss ab, sondern vom Argument – das begreift jeder Erstsemestrige, nur ein Wissenschaftsjournalist offenbar nicht. Offenbar zählt ein Titel mehr als ein Argument, jedenfalls für jene, denen die Argumente ausgegangen sind. Die Bigotterie ist atemberaubend: Derselbe Autor, der seit Jahren mit der Moralkeule über andere richtet, echauffiert sich nun darüber, dass jemand ohne heiligen akademischen Segen eine fundierte Haltung einnimmt. Wer hier skurril argumentiert, klärt sich von selbst.
Eine Kritik ohne einen einzigen Beleg
Das eigentlich Bemerkenswerte ist, was in Straumanns Verdikt fehlt. Er erklärt den Film für nicht faktenbasiert – und führt dafür praktisch keinen einzigen Fakt an. Er zeigt nicht, welche Aussage im Film nachweislich falsch ist. Er nennt keine Quelle, die ihr widerspricht. Er benennt keine unterschlagene Information. Stattdessen kritisiert er die Auswahl der Protagonisten und die Perspektive – also exakt das, was der Regisseur erklärtermassen wollte: Jenen Stimmen Raum geben, die während der Pandemie zu wenig Gehör fanden. Den schweren Vorwurf, die Epidemiologen Christian Althaus und Richard Neher würden «regelrecht diffamiert», lässt er gänzlich unbelegt im Raum stehen. Ein konkretes Beispiel dafür? Fehlanzeige.
Und die Kernfrage, um die es eigentlich geht, rührt er mit keinem Wort an: War die gesellschaftliche, mediale und politische Reaktion auf Covid-19 übersteigert? Übersterblichkeit, Hospitalisierungen, Risikogruppen, Kollateralschäden der Massnahmen, das Kosten-Nutzen-Verhältnis einzelner Eingriffe, internationale Vergleiche – nichts davon kommt vor. Wer die Bilanz der Modell-Propheten noch einmal nachrechnen will, findet sie an anderer Stelle. Bei Straumann findet er nichts davon. Er belegt, dass er den Film für einseitig hält. Dass dessen zentrale Thesen falsch wären, belegt er nirgends. Das ist keine Filmkritik. Das ist eine Beweisaufnahme – gegen den Kritiker.
Die Aufarbeitung, die niemand will
Genau hier liegt der Kern, den Straumanns Schnappatmung so schön freilegt. Eine echte Aufarbeitung würde nicht bei ein paar fehlgeleiteten Modellrechnungen haltmachen. Sie würde fragen, warum Kritiker pauschal als Spinner abgestempelt wurden, warum abweichende Studien verschwanden, warum Maskenpflicht, Schulschliessungen und Impfdruck nie ergebnisoffen evaluiert wurden. Sie würde die Redaktionen treffen, die jeden Zweifel als Gefahr für die öffentliche Gesundheit brandmarkten. Und sie würde jene Politiker treffen, die Grundrechte mit dem Federstrich kassierten und sich heute lieber an gar nichts erinnern. Kein Wunder also, dass ausgerechnet ein Wissenschaftsredaktor in Schnappatmung verfällt, sobald jemand die Kamera auf diese Jahre richtet. Wer mitgespielt hat, will kein Endspiel. Er will Vergessen.
Warum die Schnappatmung
Der ganze Text folgt dem altbekannten Muster: Statt sich mit den Inhalten auseinanderzusetzen, soll süffisante Herabsetzung den Film und seine Protagonisten lächerlich machen. Keine Gegenargumente, keine neue Erkenntnis, keine Tiefe – nur die abgedroschenen Phrasen von damals, dieses Mal als mediale Panikmache von jemandem, der eben diese Panikmache anderen vorwirft. Der Grund dafür ist banal. Eine ehrliche Aufarbeitung wäre das Einzige, was Presse und Politik nicht überleben, denn sie sassen nicht daneben, sie sassen mittendrin. Wer das Narrativ jahrelang mitgetragen hat, kann unmöglich eine Untersuchung wollen, die fragt, wer wann was wusste und warum niemand widersprach. Also wird nicht der Film widerlegt, sondern der Bote entsorgt.
Was bleibt, ist ein aufrichtiger Dank an Felix Straumann für die beste Gratis-Werbung, die «Der Hype» bekommen konnte – sein dünnhäutiger Bericht macht mehr Menschen neugierig auf den Film als jedes Plakat. Was wir daraus lernen? Dass eine Filmkritik ohne einen einzigen widerlegten Fakt mehr über die Angst ihres Autors verrät als über den Film. Dass die Aufarbeitung der Pandemie für Presse und Politik kein offenes Kapitel ist, sondern ein zugenagelter Sarg. Dass man unbequeme Stimmen nicht mehr widerlegt, sondern entsorgt – und dies «seriösen Journalismus» nennt! Wer einen Dokumentarfilm derart fürchtet, hat das Urteil über sich selbst längst gesprochen!








«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








