Dover meldet seit rund drei Jahrzehnten Temperaturen auf zwei Kommastellen genau. Kleiner Schönheitsfehler: Die vom Wetteramt selbst angegebenen Koordinaten liegen am Strand, im Bereich, den die Flut zuverlässig unter Wasser setzt. Nach einer Serie von Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz musste das britische Met Office einräumen, dass 103 von 302 gelisteten Klimastandorten schlicht nicht existieren – und trotzdem brav ihre Monatswerte abliefern. Willkommen im Zeitalter der Geistermessung, wo das Thermometer nicht mehr benötigt wird, weil das Rechenmodell die Zahl ohnehin besser weiss.
Karteileichen mit Meldepflicht
Wie kommen Werte aus einem Gerät, das seit Jahrzehnten im Schrott liegt? Das Amt erklärt es auf seiner eigenen Seite mit erfrischender Beiläufigkeit: Wo Stationen geschlossen sind, würden gut korrelierte Beobachtungen benachbarter Stationen herangezogen, um die Langzeitmittel weiterzuführen. Übersetzt aus dem Behördendeutsch: Man rechnet sich die Vergangenheit einer Station zusammen, die es nicht gibt, aus Werten von Stationen, die woanders stehen. Bei Dover ist die nächstgelegene Referenz ausgerechnet Folkestone – ebenfalls eine Phantomadresse, elf Kilometer weiter. Zwei Geister korrelieren gut miteinander, das ist immerhin konsequent.
Lowestoft lieferte Aufzeichnungen bis ins Jahr 1914 zurück, wurde 2010 dichtgemacht und meldet seither weiter. Nairn Druim, Paisley und Newton Rigg: Geschlossen, melden weiter. Und wer nachfragt, wie genau diese Zahlen zustande kommen, bekommt zur Antwort, dass es sich dabei nicht um aufgezeichnete Informationen handle. Man produziert also Daten, deren Entstehung nicht dokumentiert ist und nennt das Ergebnis Klimastatistik.
Drüben läuft dasselbe Programm
Die US-Wetterbehörde macht es ähnlich, nur ordentlicher beschriftet. Wo im historischen Stationsnetz kein Messwert vorliegt, setzt ein Algorithmus einen Schätzwert ein und markiert ihn mit einem «E». Steht so in der amtlichen Dateibeschreibung, jederzeit nachlesbar, kein Geheimnis. Genau das ist der Punkt, an dem die schärfere Erzählung von der grossen Fälschung auseinanderfällt – und an dem die unbequemere Wahrheit anfängt.
Was die Empörung nicht überlebt
Wer behauptet, die gesamte Erwärmung sei aus Phantomstationen zusammengelogen, hat die eigenen Unterlagen nicht gelesen. Das alte US-Netz ist seit 2014 gar nicht mehr der offizielle Datensatz, abgelöst durch ein Verfahren mit über 10’000 Stationen. Rechnet man die geschätzten Werte heraus, verändert sich der Trend für die USA praktisch nicht. Und ein 2016 in den Geophysical Research Letters veröffentlichter Abgleich zeigt, dass die viel gescholtenen Korrekturen die alten Stationen näher an das neue Referenznetz heranführen, nicht weiter weg. Dieses Referenznetz wurde eigens sauber platziert, fernab von Asphalt und Abluft – und es zeigt bei den Höchstwerten sogar einen etwas steileren Anstieg als die angeblich frisierten Altdaten.
Wer also den Klimazirkus mit dem Ruf «alles erfunden» erledigen will, liefert der Gegenseite die Munition gleich mit. Der Skandal liegt anderswo und er ist unangenehmer, weil er sich nicht wegdiskutieren lässt.
Präzisionstheater über einer Schrotthalde
Dieselben Recherchen förderten zutage, dass fast acht von zehn britischen Standorten in den internationalen Güteklassen vier und fünf landen. Dahinter stehen eingeräumte Messunsicherheiten von zwei bis fünf Grad. Ganze 13,7 Prozent erreichen die Klassen eins und zwei. Und die Voreinstellung für neue Standorte lautet «Klasse eins», solange niemand von Hand nachbessert – eine Station in Hastings wurde erst heruntergestuft, nachdem ein Bürgerrechercheur vor Ort stand. Aus diesem Netz werden anschliessend Rekorde auf ein Hundertstel Grad gemeldet.
Jenseits des Atlantiks kommt eine Begehung von 128 Stationen auf 96 Prozent mit Wärmeverzerrung durch Parkplätze, Klimaanlagen und Rollbahnen. Die Zahl stammt von einem industrienahen Institut und ruht auf einer kleinen Stichprobe – das sollte dazugesagt werden. Nur ändert die Herkunft nichts daran, dass eine Wetterhütte neben einem Klärbecken keine Landluft misst. In Kent standen vor fünfzig Jahren 32 Stationen, heute sind es sieben. Weggefallen sind die ländlichen, kühlen, unbequemen – weil sie Strom und Datenleitung benötigten. Übrig blieb die aufgeheizte Stadt. Diese Auslese wurde nie beschlossen, sie ergab sich aus der Technik und sie sitzt seither in jeder Kurve.
Wenn die Wortwahl den Rückzug antritt
Nachdem die Sache Wellen schlug, verschwand die alte Bezeichnung «UK climate averages» und wurde durch «ortsspezifische Langzeitmittel» ersetzt. Dazu der neue Hinweis, die Seite bilde nicht jede Station ab, die je bestanden habe und diene nicht der formalen Klimaüberwachung. Angekündigt wurde das nicht. Ein Amt, das seine Zahlen für sauber hält, benennt keine Seite um. Es verweist auf die Methodik und geht Kaffee trinken.
Genau hier liegt der Ertrag der ganzen Übung und er ist grösser als jeder Aufreger über eine erfundene Station: Ein System, das Schätzwerte, Karteileichen und Parkplatzhitze zu einer Zahl mit zwei Kommastellen verdichtet, verkauft dir Modellrechnung als Beobachtung. Auf dieser Kommastelle ruht dann eine Politik, die deine Heizung, dein Auto und deinen Kontostand umbaut – wie das bei erfundenen Klimaprojekten schon einmal vorexerziert wurde. Und wer sich fragt, wer davon lebt, findet die Antwort dort, wo aus Hitzepanik Zertifikate und Gebühren werden.
Man hat die Landstationen abgeschaltet, die Stadtstationen behalten und nennt das Ergebnis Messreihe. Man schätzt Werte für Orte, an denen nie jemand ein Thermometer abgelesen hat, deklariert die Schätzung im Kleingedruckten und verkauft sie in der Schlagzeile als Rekord. Man verweigert die Auskunft über das eigene Verfahren, benennt die Seite um und nennt dies Transparenz. Ehrlich wäre eine Fehlerspanne von zwei Grad neben jeder Zahl – aber damit lässt sich kein Notstand ausrufen und keine Abgabe rechtfertigen und deshalb wird das Hundertstelgrad weiter gemeldet, als hätte es jemand gemessen!










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