Es gibt Männer, die entdecken den Feminismus und ab diesem Tag funktioniert ihr Leben wie ein Werbespot für Nahrungsergänzungsmittel. Vorher: Kurzsichtiger Kümmerling mit Bierbauch und schütterem Haar. Nachher: Wassergänger, Regenwaldretter, Vierlingsvater ohne Frau, sechsstelliges Sekundeneinkommen und die reinste Haut diesseits der Photoshop-Grenze.
Man muss es einmal in seiner ganzen Wucht auf sich wirken lassen. Seit der Erleuchtung stemmt unser Held mit der Linken einen Autobus und strickt mit der Rechten zwei Pullover. Er singt sämtliche Taylor-Swift-Texte rückwärts, zieht die Quadratwurzel aus 798 in einer Sekunde und hält nebenbei den Klimawandel auf, während er seinem Schatz beide Füsse massiert. Er befreit Tibet, erlöst die Weltwirtschaft und rettet zwölf Quadratmeter Regenwald, bevor der Kaffee durchgelaufen ist. Vierzig Kilo Muskelmasse rauf, zweihundert Kilo Fett runter, Kurzsichtigkeit weg, Haar füllig, Frau will ihn täglich neu heiraten. Und das Beste: Er hat es nicht sich selbst zu verdanken. Nein. Beigebracht haben ihm das die Power-Frauen auf TikTok.
Man kennt diesen Typ. Er lackiert die Fingernägel, trägt ein Septum-Piercing, hat sich einen Buddha auf den Rücken tätowieren lassen und färbt sich demnächst das Haar himmelblau. Er zahlt alle Rechnungen, mault nie zurück und überweist sogar Unterhalt für die Kinder seiner Nachbarin, weil das irgendwie solidarisch ist. Er ist der lebende Beweis, dass man einem Mann jede Selbstachtung austreiben kann, solange man ihm dabei versichert, er sei jetzt endlich einer der Guten. Der männliche Feminist ist kein Verbündeter. Er ist ein dressierter Pudel, der bellt, wenn die App es verlangt und sich für die Leine bedankt.
Das Patriarchat war zu nichts gut – ausser zu allem
Die schönste Pointe liefert er selbst, ganz ohne es zu merken. Feminismus, verkündet er, sei die Lösung für sämtliche Probleme der Menschheit. Endlich habe man begriffen, dass das Patriarchat nur für eine einzige Sache gut gewesen sei: Für jeden technologischen, wirtschaftlichen, kulturellen, philosophischen und medizinischen Fortschritt der Weltgeschichte. Also für praktisch alles, was ihm erlaubt, seine TikTok-Weisheiten auf einem Gerät zu tippen, das Männer erfunden, gebaut und verkabelt haben. Aber gut. Widerspruch ist toxisch und toxisch will er ja gerade nicht mehr sein.
Also arbeitet er an sich. Als frisch entdeckte Transfrau verdient er jetzt rund zwanzig Prozent weniger als Männer, was er tapfer als strukturelle Diskriminierung verbucht, statt zu bemerken, dass er zwölf Stunden pro Woche weniger arbeitet und die Schwer- und Drecksarbeit den bösen Hodenträgern überlässt. Dafür besucht er einen Selbstverteidigungskurs, nach dessen dritter Stunde er weiss, dass er stärker ist als jeder Mann. Zumindest gleich stark. Genau genommen brauche er Männer ohnehin nicht, denn gezeugt wurde er nicht von einem Vater, sondern aus einer Spende, die seine Mutter im Krankenhaus bezog. Veganes Sperma, versteht sich.
Franz, Tom, Ali und Bert – die Männer, die es nicht gibt
Er benötigt wirklich keine Männer. Nur schnell zum Ölwechsel, mit dem Twingo, zu Franz. Franz ist super. Und am Nachmittag kommt Tom, der die Klospülung repariert. Blöd nur, dass auf dem Weg zur Werkstatt so viele Baustellen sind, weil Ali und Bert bei sengender Hitze die Strasse aufgerissen haben, um den Wasserrohrbruch zu beheben. Peter und Fritz von der Müllabfuhr sollten auch mal wieder die Container leeren. Die Welt, in der die neue Frau so herrlich unabhängig lebt, wird zu hundert Prozent von schwitzenden Männern zusammengehalten, deren Namen sie kennt, ohne den Zusammenhang je zu bemerken. Es ist die grösste ungewollte Komödie unserer Zeit: Der Feminismus predigt die Überflüssigkeit des Mannes aus einer Wohnung, deren Rohre, Strom, Strassen und Müllabfuhr ohne ihn binnen einer Woche kollabieren würden.
Und dann ist da noch die dünne Stelle, an der die Ironie kurz nachgibt. Er ist froh, sagt er, dass kein Krieg herrscht, sonst müssten seine Brüder Achim und Paul im Schützengraben liegen, mit heraushängenden Gedärmen und nach der Mutter schreien, während sie sein Leben und das seiner Kinder verteidigen. Genau hier wird die Gleichberechtigung wieder ziemlich biologisch. Denn wer Gleichheit predigt, kann sich beim Wehrdienst schlecht aufs Schlupfloch berufen, dass Sterben irgendwie Männersache sei. Wie diese Rechnung real aufgeht, steht ohnehin längst fest: Wer den Krieg bestellt, schickt fremde Kinder – und selten die eigenen.
Am Abend trifft er Susanne, um über ihre Freiheit zu reden, die sie beide so wunderbar ohne Männer geniessen. Susanne hat sich einen neuen Dildo gekauft, der aussieht wie ein echter Penis, sich so anfühlt und mit dem sie heftig kommt. Nur wenn es dunkel wird, weint sie manchmal, weil sie sich emotionalen Rückhalt wünscht. Aber das ist bestimmt auch nur ein Konstrukt des Patriarchats. Wie schon das ZDF wusste: Du bist krank, weil Du ein Mann bist – und Heilung gibt es nur gegen Abgabe sämtlicher Rückgratreste.
Der männliche Feminist hat alles verstanden. Er hat begriffen, dass Selbstverachtung sich wie Tugend anfühlt, wenn man sie nur oft genug applaudiert bekommt. Er ist glücklich, blau im Haar und leer im Blick. Und wenn ihn nachts doch einmal der Verdacht streift, dass er sich nicht befreit, sondern kastriert hat, dann pinkelt er einfach im Sitzen und lässt den Gedanken vorüberziehen. Denn eines weiss er ganz sicher: Ohne den Feminismus wäre sein Leben echt im Arsch!










«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







