Es gibt ein Wort, das sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk wie eine Monstranz vor die Brust bindet, sobald es ernst wird: «unsere Demokratie». Nicht die Demokratie. Nicht ein demokratischer Prozess. Unsere. Als hätte man sie irgendwo im Keller des Sendezentrums eingelagert und teile sie portionsweise an jene aus, die brav klatschen. Was am ersten Juliwochenende aus Erfurt gesendet wurde, war die Reinform dieser Anmassung. Und sie kam, wie üblich, im Sonntagslächeln daher.

Bunt, fröhlich, blutüberströmt: Das ZDF und sein Fest der Demokratie

Der Anlass war ein AfD-Bundesparteitag in der Erfurter Messe. Rundherum: Blockaden, Sitzstreiks, Sperren, ein Polizeiaufgebot, das laut Behörden zu den grössten in der Thüringer Landesgeschichte zählte. Und der Sender, der dich Monat für Monat zur Kasse bittet, hatte dafür einen Begriff parat, der jede Zeitungsredaktion vor Neid erblassen lässt. Ein «Fest der Demokratie» sei das gewesen. Bunt. Fröhlich. Weitestgehend friedlich.

Die drei Wörter, die alles verraten
«Weitestgehend friedlich» ist die eleganteste Formulierung, die das deutsche Nachrichtendeutsch je hervorgebracht hat. Sie ist wahr und verlogen zugleich. Wahr, weil die Masse der Demonstranten tatsächlich nur Schilder trug. Verlogen, weil in genau diesem «weitestgehend» ein Reporter verschwindet, den eine Meute über einen Platz jagte, zu Boden brachte und dem sie, als er dort lag, mehrfach gegen den Kopf trat.

Bunt, fröhlich, blutüberströmt: Das ZDF und sein Fest der Demokratie

Der Mann heisst Jonas Aston, er arbeitet für ein Portal, das dem Sender ideologisch nicht in den Kram passt. Fotos zeigen ihn mit blutüberströmtem Gesicht, eine Platzwunde am Kopf, versorgt von Rettungssanitätern. Er war nicht der Einzige. Auch Reporter der Jungen Freiheit wurden angegriffen, ein Journalist musste mit dem Krankenwagen abtransportiert werden, die Polizei zählte am ersten Tag knapp fünfzig Straftaten und nahm Ermittlungen wegen der Übergriffe auf. Selbst FDP-Vize Wolfgang Kubicki hielt fest: Wer Journalisten bei der Arbeit bekämpfe, bekämpfe die Demokratie.

Im «Fest der Demokratie» des ZDF kam davon: Nichts. Kein Satz. Kein Halbsatz. Kein «es kam auch zu». Die Kopftritte gegen einen am Boden liegenden Menschen fielen exakt in jene Lücke, die das Wörtchen «weitestgehend» so grosszügig offenlässt. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Ein Sender, der sein ganzes Selbstverständnis auf die Verteidigung der freien Presse gründet, sendet einen Bericht über einen Tag, an dem freie Presse verprügelt wurde und erwähnt es mit keiner Silbe. Das ist keine Schlamperei mehr. Das ist Kuratieren. Und es folgt einer eisernen Logik: Gewalt hat im Sonntagsbild nur dann einen Platz, wenn sie von der falschen Seite ausgeht. Kommt sie von den Richtigen, verwandelt sie sich per Wortmagie in ein Adverb.

Die historische Keule, sauber montiert
Damit die Botschaft auch beim Letzten ankommt, wer hier die Guten und wer die Wiedergänger sind, wurde die schwerste Kanone aufgefahren. Der Parteitag finde, so hiess es, exakt hundert Jahre nach dem Reichsparteitag der NSDAP statt, der damals ebenfalls in Thüringen abgehalten worden sei. Die Botschaft ist klar wie ein Nasenstüber: Guck genau hin, hier marschiert die Geschichte wieder los.

Bunt, fröhlich, blutüberströmt: Das ZDF und sein Fest der Demokratie

Nur hat die Geschichte einen anderen Wohnort. Der zweite Reichsparteitag der NSDAP fand am 3. und 4. Juli 1926 nicht in Erfurt statt, sondern in Weimar, rund vierzig Kilometer weiter, in jener Stadt, die 1919 der erste deutschen Republik den Namen gab. Dort gründeten die Nazis die Hitlerjugend, dort zeigten sie erstmals den «deutschen Gruss» öffentlichkeitswirksam. Erfurt gehörte damals überhaupt nicht zu Thüringen, sondern war preussisch, während Weimar die Landeshauptstadt stellte. Die Gedenkstätte Buchenwald begeht dieses Jubiläum mit Historikern, Quellen und Sorgfalt, weil hundert Jahre Distanz genau diese Genauigkeit verlangen. Aus einer historischen Präzision wird im Sonntagsbeitrag eine dehnbare Assoziation: «auch in Thüringen». Nah genug, um zu wirken, ungenau genug, um niemanden festnageln zu können. So baut man eine Suggestion, die sich als Information tarnt und lässt den Zuschauer die Rechnung selbst ausfüllen.

Wer hier eigentlich unter Grundgesetz-Schutz steht
Das Beste an der Sache: Es war die eigene Fachredaktion Recht und Justiz desselben Senders, die vor dem Parteitag klarstellte, dass Parteien unter dem besonderen Schutz des Grundgesetzes stehen, weil sie ein zentraler Bestandteil der demokratischen Ordnung sind. Die Blockierer wollten einen genehmigten Parteitag einer zugelassenen Partei mit Gewalt verhindern. Und das Ergebnis dieser Verhinderungsaktion, verprügelte Reporter inklusive, verkauft der Sender als Feier eben jener Ordnung, die er im selben Atemzug juristisch verteidigt.

Bunt, fröhlich, blutüberströmt: Das ZDF und sein Fest der Demokratie

Das ist der Punkt, an dem man das grosse Wort in die Hand nehmen muss, das man eigentlich meiden möchte. Ein Sender, der gesetzlich zu Objektivität, Unparteilichkeit und Ausgewogenheit verpflichtet ist, der wahrheitsgemäss und umfassend zu berichten hat und dies aus Zwangsbeiträgen finanziert, wählt Vokabular, unterschlägt Gewalt und montiert historische Vergleiche wie ein Wahlkampfteam. Wer so arbeitet, betreibt keinen Rundfunk. Er betreibt Gesinnungspflege, wie sie schon der Sender selbst bei anderen Gelegenheiten an der halben Bevölkerung vorführt. Und er reiht sich ein in jene Maschinerie aus Faktencheckern, NGOs und wohlklingenden Etiketten, die «Demokratie» sagt und Deutungshoheit meint.

Denn genau das ist der Trick mit dem Possessivpronomen. «Unsere Demokratie» heisst nie die Demokratie aller. Sie heisst die Demokratie derer, die den Sendemast bedienen und die Rechnung an dich weiterreichen. Wer ausserhalb steht, wird nicht berichtet, sondern eingeordnet und wer geprügelt wird, fällt unter «weitestgehend». Ein Fest der Demokratie feiert, wer die Prügelnden bejubelt und die Geprügelten verschweigt – und nennt das dann «unsere Demokratie»! Ausgewogenheit heisst hier: Sechs Kameras auf die eine Seite, keine einzige auf den Kopf am Boden. Wahrheitsgemäss heisst hier: Was wahr ist, entscheidet die Redaktion und die Rechnung entscheidest nicht du – du bezahlst sie nur!

Bunt, fröhlich, blutüberströmt: Das ZDF und sein Fest der Demokratie
Bunt, fröhlich, blutüberströmt: Das ZDF und sein Fest der Demokratie

Psst, folge uns unauffällig!

Mehr für dich:

Unterstütze Dravens Tales from the Crypt

«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.

Mein Blog war niemals darauf ausgelegt Nachrichten zu verbreiten, geschweige denn politisch zu werden, doch mit dem aktuellen Zeitgeschehen kann ich einfach nicht anders, als Informationen, welche sonst auf allen anderen Kanälen zensiert werden, hier festzuhalten. Mir ist dabei bewusst, dass die Seite mit dem Design auf viele diesbezüglich nicht «seriös» wirkt, ich werde dies aber nicht ändern, um den «Mainstream» zu gefallen. Wer offen ist, für nicht staatskonforme Informationen, sieht den Inhalt und nicht die Verpackung. Ich habe die letzten 2 Jahre genügend versucht, Menschen mit Informationen zu versorgen, dabei jedoch schnell bemerkt, dass es niemals darauf ankommt, wie diese «verpackt» sind, sondern was das Gegenüber für eine Einstellung dazu pflegt. Ich will niemandem Honig ums Maul schmieren, um auf irgendwelche Weise Erwartungen zu erfüllen, daher werde ich dieses Design beibehalten, denn irgendwann werde ich diese politischen Statements hoffentlich auch wieder sein lassen können, denn es ist nicht mein Ziel, ewig so weiterzumachen ;) Ich überlasse es jedem selbst, wie er damit umgeht. Gerne dürfen die Inhalte aber auch einfach kopiert und weiterverbreitet werden, mein Blog stand schon immer unter der WTFPL-Lizenz.

Es fällt mir schwer zu beschreiben, was ich hier eigentlich tue, DravensTales wurde im Laufe der Jahre Kulturblog, Musikblog, Schockblog, Techblog, Horrorblog, Funblog, ein Blog über Netzfundstücke, über Internet-Skurrilitäten, Trashblog, Kunstblog, Durchlauferhitzer, Zeitgeist-Blog, Schrottblog und Wundertütenblog genannt. Was alles etwas stimmt… – und doch nicht. Der Schwerpunkt des Blogs ist zeitgenössische Kunst, im weitesten Sinne des Wortes.

Um den Betrieb der Seite zu gewährleisten könnt ihr gerne eine Spende per Kreditkarte, Paypal, Google Pay, Apple Pay oder Lastschriftverfahren/Bankkonto zukommen lassen. Vielen Dank an alle Leser und Unterstützer dieses Blogs!


Wir werden zensiert!

Unsere Inhalte werden inzwischen vollumfänglich zensiert. Die grössten Suchmaschinen wurden aufgefordert, unsere Artikel aus den Ergebnissen zu löschen. Bleib mit uns über Telegram in Verbindung, spende, um unsere Unabhängigkeit zu unterstützen oder abonniere unseren Newsletter.

Newsletter

Nein danke!