Es gibt eine Feigheit, die im Sonntagsanzug daherkommt. Sie trägt die Maske der Höflichkeit, gibt sich als Anstand aus und hält am Familientisch brav den Mund, weil bloss niemand der Spielverderber sein will, der die gemütliche Runde stört. Genau diese parfümierte Mutlosigkeit bringt uns langsamer und gründlicher um als jeder Tyrann mit Knüppel.
Der Apparat, der uns verwaltet, überwacht und nach Strich und Faden belügt, benötigt keine Armee von Schlägern. Er benötigt etwas weit Billigeres: Zuschauer. Menschen, die wegsehen, während der Nachbar unter die Räder kommt, die zustimmend nicken, wo sie aufschreien müssten, die genau wissen, dass der Bericht frisiert ist – und ihn trotzdem abzeichnen. Die Maschine der Kontrolle läuft nicht auf Gewalt. Sie läuft auf Schweigen. Und davon liefern wir frei Haus, gratis und in Bestform.
Schweigen ist nie neutral
Es kursiert diese tröstliche Lüge, das Stillhalten sei eine Art Nullposition, ein Sich-Heraushalten ohne Folgen. Schöner Unsinn. Jedes Mal, wenn jemand die Wahrheit kennt und sie hinunterschluckt, reicht er den Lügnern ein weiteres Stück Macht über den Tisch. Jedes Mal, wenn jemand etwas Verkommenes geschehen sieht und den Blick abwendet, sorgt er dafür, dass es beim nächsten Mal noch reibungsloser läuft. Die Deutschen hatten nach 1945 ein präzises Wort für diese Spezies: Mitläufer – der, der von der Ideologie gar nicht überzeugt war, sondern bloss aus Bequemlichkeit oder Opportunismus keinen Widerstand leistete. Das Schöne an dieser Vokabel ist, dass sie nie aus der Mode kommt. Sie wartet geduldig auf jede neue Generation, die sie sich wieder redlich verdient.
Die Spirale, in der die Wahrheit verstummt
Dass Menschen verstummen, ist keine Charakterschwäche einzelner Hasenfüsse, sondern ein sauber erforschter Mechanismus. Elisabeth Noelle-Neumann hat ihn Schweigespirale getauft: Wer glaubt, mit seiner Meinung in der Minderheit zu stehen, hält den Mund – aus blanker Isolationsfurcht, der angeborenen Angst, ausgestossen zu werden. Je mehr schweigen, desto erdrückender wirkt die vermeintliche Mehrheit, desto vollständiger verstummt der Rest. Eine Abwärtsspirale, an deren Grund nur noch ein einziger Satz übrig bleibt, mit dem sich jede Feigheit veredeln lässt: Es gibt ja ohnehin keine objektive Wahrheit. Wer das murmelt, fühlt sich aufgeklärt, komplex, postmodern. In Wahrheit hat er nichts weiter gelernt, als sein Wegsehen philosophisch zu lackieren – die gefährlichste Lüge unserer Zeit, hübsch verpackt als Demut.
Ein Folksong als Beipackzettel
Zwei amerikanische Liedermacher haben das Elend bereits 1964 vertont, lange bevor Trusted Flagger und Faktenchecker-Industrie auch nur erfunden waren. Ihr «The Sound of Silence» beschreibt eine Gesellschaft, die so verliebt ist in Komfort und Spektakel, dass sie das Reden verlernt hat – das echte Reden, nicht das Posten, Signalisieren und Daumendrücken. Der Songwriter vergleicht das wuchernde Schweigen mit einem Tumor, der sich lautlos durch den Körper frisst. Damals ein Ladenhüter, der erst Jahre später die Charts stürmte. 2015 hat ihn eine Metal-Band noch einmal ausgegraben und in eine grabesschwere Hymne verwandelt, die seither hartnäckig in den Bestenlisten klebt. Sechzig Jahre alt und jede Zeile sitzt heute genauer als am Erscheinungstag. Man könnte das beeindruckend nennen. Eigentlich ist es ein Armutszeugnis mit Refrain.
Wer zensiert, zählt auf deine Bequemlichkeit
Die wirklich elegante Maschinerie benötigt keine Bücherverbrennung mehr. Sie hat den Digital Services Act, eine blühende Faktenchecker-Industrie und das schöne Etikett «Moderation», unter dem Ärzte, Journalisten und ganz gewöhnliche Querulanten stillgestellt werden – alles im Tonfall des Wohlwollens, alles mit dem Effekt der Zensur. Wer Belege liefert, ist plötzlich «Threat Actor», wer im offiziellen Kanal Alarm schlägt, ein «fragwürdiger Whistleblower». Das Beste daran: Der Apparat müsste gar nicht so festdrücken. Die meisten zensieren sich vorsorglich selbst, weil der Streit unbequem ist und Bequemlichkeit süchtig macht. Man muss niemanden mundtot machen, der freiwillig den Mund hält.
Mut kostet, Schweigen scheinbar nichts
Der eigentliche Grund für die grosse Stille ist keine Bosheit, sondern eine simple Rechnung. Wer aufsteht, zahlt sofort: Den Job, die Einladung zum Grillfest, den freundlichen Gruss der Nachbarn, manchmal die ganze soziale Existenz. Wer schweigt, zahlt erst später – dafür mit Zins und Zinseszins und die Rechnung wird grosszügig auf die Kinder überschrieben. Genau diese zeitliche Verschiebung macht die Feigheit so unwiderstehlich: Die Belohnung fürs Wegsehen ist sofort spürbar, die Quittung kommt verzögert und anonym. So züchtet man ein Volk von Buchhaltern, die ihre eigene Entrechtung tadellos abheften und sich abends einreden, sie hätten ja nur ihre Ruhe gewollt. Bequemlichkeit ist eben kein Charakterzug, sondern eine Zahlungsweise – Ratenkredit auf die eigene Freiheit, mit einem Effektivzins, den niemand vorher liest.
Gebraucht würden jetzt Leute, die unbequem sein wollen. Der Kollege, der den gefälschten Bericht nicht abzeichnet. Der Arzt, der nicht verschreibt, was er für schädlich hält. Der Mensch, der die Mail trotzdem abschickt, obwohl die halbe Adressliste zurückbeisst. Lauter kleine, glanzlose Mutproben, für die es keinen Orden gibt, kein Lob, kein Schulterklopfen, sondern bestenfalls Ärger. Stattdessen herrscht andächtige Stille – und die ist, anders als ihr Ruf, alles andere als gratis.
Schweigen ist eine Entscheidung und jeden einzelnen Tag, den es andauert, verzinst es sich zugunsten genau jener, die uns belügen. Wer wegsieht, unterschreibt blanko, ob er es so meint oder nicht. Wer auf den grossen Moment des Aufbegehrens wartet, wird feststellen, dass er längst verstrichen ist, während man höflich nickte und sich für klug hielt. Am Ende schweigt sich diese Gesellschaft durch die eigene Beerdigung – und meisselt sich «Wir sind immer anständig geblieben» auf den Grabstein!








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