Es gibt einen Satz, den man heute in akademischen Kreisen, Redaktionsstuben und Politikbüros mit schöner Regelmässigkeit hört, formuliert mit jenem selbstgefälligen Lächeln, das Intellektualität signalisieren soll: «Es gibt keine objektive Wahrheit.» Wer das sagt, gilt als aufgeklärt, komplex, postmodern. Wer widerspricht, gilt als naiv, gefährlich, verdächtig simpel. Und genau darin liegt die grösste Lüge unserer Zeit – nicht in einer konkreten Falschmeldung, nicht in einem einzelnen Propagandasatz, sondern in der systematischen Zerstörung des Fundaments, auf dem jede Lüge überhaupt erst als Lüge erkannt werden könnte.
Raphael Bonelli, Psychiater, Autor und frischgebackener Träger des Jürgen-Moll-Preises für verständliche Wissenschaft, hat bei der Leipziger Buchmesse eine schlichte, aber explosive These formuliert: Wahrheit ist die Übereinstimmung einer Idee mit der Wirklichkeit. Das ist keine Neuigkeit – Aristoteles hat das bereits vor zweieinhalb Jahrtausenden auf den Punkt gebracht. Aber es ist heute eine politische Aussage. Eine kontroverse. Fast schon eine rebellische.
Denn die Frankfurter Schule – jenes intellektuelle Projekt, das die deutschsprachige Geisteswissenschaft der Nachkriegszeit massgeblich geprägt hat – hat genau dieses Fundament systematisch untergraben. Die Kernthese: Vielleicht gibt es gar keine objektive Wahrheit. Vielleicht konstruieren wir Wirklichkeit immer nur in dem Moment, in dem wir uns ihr nähern. Was praktisch klingt und nach tiefer Reflexion aussieht, ist in seiner gesellschaftlichen Wirkung ein Desaster – denn wer die Existenz objektiver Wahrheit leugnet, nimmt jedem die Werkzeuge aus der Hand, mit denen er Lüge von Wahrheit unterscheiden könnte. Kein Fundament, keine Prüfung möglich. Alles gleich gültig. Alles gleich wahr. Alles gleich falsch. Beliebigkeit als Erkenntnistheorie.
Bonelli stellt dem drei Denker gegenüber: Platon, Freud – und sich selbst, was er mit der ihm eigenen österreichischen Lakonie so formuliert, als wäre es die bescheidenste Selbsteinordnung der Welt. Bei Platon sitzt der Mensch in der Höhle und sieht nur Schatten – er kann gar nicht anders, die Hardware lässt keine tiefere Erkenntnis zu. Bei Freud könnte der Mensch die Wahrheit erkennen, entscheidet sich aber unbewusst dagegen, weil etwas in ihm nicht will, dass sie ans Licht kommt. Und bei Bonelli – das ist der entscheidende Unterschied – organisieren wir uns kollektiv gegen die Wahrheit. Wir haben die Wahlfreiheit. Wir haben die Kapazität. Aber wir schaffen Strukturen, die verhindern, dass sie genutzt wird.
Das ist keine akademische Spitzfindigkeit. Das ist eine präzise Diagnose des Zustands, in dem sich westliche Gesellschaften gerade befinden. Die Denkverbote sind nicht mehr autoritär von oben erlassen – sie werden demokratisch von unten reproduziert. Wer die falsche Meinung hat, wird nicht verhaftet. Er wird gecancelt, demonetisiert, aus Diskussionen ausgeschlossen, als Verschwörungstheoretiker abgestempelt. Das Ergebnis ist dasselbe: Die unerwünschte Wahrheit erreicht nicht die kritische Masse, die nötig wäre, um Wirkung zu entfalten. Der Mechanismus ist eleganter als Zensur – und deshalb viel schwerer zu bekämpfen.
Bonellis Laudator, der Spieltheoretiker Christian Rieck, bringt einen weiteren entscheidenden Aspekt: Wir wollen die Wahrheit nur dann erkennen, wenn wir materiell davon abhängig sind. Wer unabhängig davon gleich gut lebt, ob seine Weltsicht richtig oder falsch ist, hat keinen Anreiz zur Korrektur. Das erklärt mit erschreckender Präzision, warum sich Wissenschaftler, Journalisten und Politiker so hartnäckig an Narrative klammern, die längst falsifiziert sind: Weil das Gehalt weiterläuft. Weil die Fördergelder fliessen. Weil der Status erhalten bleibt. Die materielle Abhängigkeit vom Irrtum ist mächtiger als jede kognitive Dissonanz.
Drei Patienten aus Bonellis Praxis illustrieren das Prinzip mit der Treffsicherheit eines Skalpells. Der Mann, der noch nie mit jemandem gesprochen hat, der anderer Meinung ist – weil er weiss, wie die Fakten liegen. Die Frau, deren Mann «nie eine Affäre hatte» — während er wöchentlich Bordelle besuchte. Der Mensch, der 60’000 Euro an einen angeblichen Hollywood-Star überwiesen hat, den er nie getroffen hat. In allen drei Fällen dasselbe Muster: Die Wirklichkeit war vorhanden. Die Hardware funktionierte. Aber etwas – Eitelkeit, Bequemlichkeit, Angst vor der Konsequenz der Erkenntnis – hat verhindert, dass die Übereinstimmung zwischen Idee und Wirklichkeit hergestellt wurde.
Was für den Einzelnen im Therapiezimmer gilt, gilt für Gesellschaften im grossen Massstab. Die digitale Demenz, die Bonelli diagnostiziert – jene wachsende Unfähigkeit, länger als dreissig Sekunden konzentriert zu denken, kombiniert mit der vollständigen Auslagerung kognitiver Prozesse an ChatGPT und Algorithmen – ist kein technisches Problem. Es ist ein Wahrheitsproblem. Wer sein Denken auslagert, lagert auch seine Urteilsfähigkeit aus. Wer nicht mehr selbst prüft, kann nicht mehr selbst erkennen. Und wer nicht mehr selbst erkennen kann, ist manipulierbar auf einem Niveau, das jeden historischen Propagandaapparat vor Neid erblassen lässt.
Gramscis Konzept der kulturellen Hegemonie schimmert dabei als struktureller Hintergrund durch: Nicht durch direkte Gewalt, sondern durch die Besetzung des Rahmens, in dem gedacht werden darf, entscheidet sich, was als denkbar gilt. Wer den Rahmen setzt, setzt die Wahrheit. Und wer glaubt, er denke frei, denkt oft nur innerhalb der Grenzen, die andere für ihn gezogen haben – ohne es zu merken, weil das Gaslighting so subtil war, dass er die fremden Grenzen längst als eigene Überzeugungen internalisiert hat.
Bonellis Schlussfolgerung ist von bestechender Einfachheit: Wenn wir die Rückführung zur Wahrheit schaffen – wenn wir sie wieder sagen dürfen, wieder erkennen können und wieder sagen wollen – dann ist nicht nur Deutschland, sondern jede Gesellschaft zu retten, die sich das leisten will. Das Problem ist nicht, dass die Wahrheit schwer zu finden wäre. Das Problem ist, dass wir aufgehört haben zu suchen. Und das war keine Naturkatastrophe. Das war Absicht…






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