Europas Regierungen reden den Krieg gegen Russland herbei, als hinge ihr Überleben davon ab. Es hängt tatsächlich davon ab. Nicht, weil Moskaus Panzer schon an der Oder stünden, sondern weil von Berlin bis Rom die Kassen leer, die Fabriken halb leer und die Wähler weg sind. Der Krieg ist das letzte Konjunkturprogramm, das sich noch als Bürgerpflicht verkaufen lässt.

Krieg gegen Russland: Das letzte Konjunkturprogramm der Pleitiers

Ein Nutzer auf X (früher Twitter) hat drei Politikern von links bis rechts das Scheitern prophezeit und die deutsche Wirtschaft mit einem todkranken Matrosen auf Holzbein verglichen, dem kein Parteiprogramm mehr einen Hafen verschafft. Wer etwas anderes verspricht, lügt oder weiss es nicht besser. Fünfzehn Jahre Fehlentscheidungen, geduldet vom Volk nach dem Motto «hoffentlich betrifft es mich nicht», können nicht zurückgedreht werden.

Wachstum in Tarnfleck

Auf den ersten Blick liefert das Statistische Bundesamt eine Entwarnung. Die Wirtschaft wuchs im zweiten Quartal 2026 um 0,3 Prozent, im Jahresvergleich um 1,0 Prozent. Wer weiterliest, sieht, wer da wächst. Der private Konsum kroch um 0,1 Prozent, der Staatskonsum sprang um 3,0 Prozent. Bei den Ausrüstungen stiegen vorwiegend die Investitionen des Staates, ausdrücklich inklusive Verteidigung, während die Autobauer Umsatz verloren und gut 210’000 Erwerbstätige weniger arbeiteten als ein Jahr zuvor. Die Privatwirtschaft hält die Luft an, der Staat kauft Munition und das Amt schreibt «Wachstumsdynamik» darüber. Wie dieser Zustand entstanden ist, ohne dass je einer die Verantwortung trug, steht unter Deutschland stirbt und keiner war’s.

Rüstung statt Cabrio

Wie das Rezept funktioniert, zeigt Osnabrück. Volkswagen hat einen Sanierungsplan beschlossen, der bis zu 50’000 Stellen weltweit streicht, die Hälfte davon in Deutschland. Vier weiteren Werken garantiert der Konzern keine Zukunft. Das Osnabrücker Werk geht an einen Finanzinvestor und das Land Niedersachsen, künftig sollen dort Komponenten für die Luftabwehr des israelischen Konzerns Rafael entstehen.

Krieg gegen Russland: Das letzte Konjunkturprogramm der Pleitiers

Ministerpräsident Olaf Lies verwies auf die Sicherheitslage und fand die passende Formel: «Dies ist sowohl eine Verantwortung als auch eine wirtschaftliche Chance.» So klingt ein Industriestandort, der nur noch als Zulieferer der Bedrohungslage überlebt. Dass Brüssel dasselbe Rezept längst kontinentweit auftischt, zeigt die EUdSSR mit 800 Milliarden bis 2030.

Die Angst als Haushaltsposten

Damit die Chance nicht versiegt, benötigt sie einen Feind, der nie aufhört. NATO-Generalsekretär Mark Rutte lieferte ihn im Dezember in Berlin: Europa sei Russlands nächstes Ziel und müsse sich auf einen Krieg in dem Ausmass jenes vorbereiten, den Grosseltern und Urgrosseltern ertragen mussten. Verteidigungsminister Boris Pistorius legte im September nach: «Wir stehen buchstäblich im Fadenkreuz Moskaus.» Mit diesem Satz warb er für einen Wehretat 2027 von knapp 140 Milliarden Euro, 31,4 Milliarden mehr als im Vorjahr, die grösste Summe seit Ende des Kalten Krieges, möglich gemacht durch die Ausnahme von der Schuldenbremse. Die NATO-Quote von 3,5 Prozent will Berlin 2029 erreichen, sechs Jahre früher als verlangt.

Gleichzeitig erklärt Kanzler Friedrich Merz nach der Wahlschlappe in Mecklenburg-Vorpommern, die Reformen müssten kommen, darunter die geplante Abschaffung der sogenannten Rente mit 63. Für die Haubitze ist Geld da, für den Dachdecker nach 45 Arbeitsjahren nicht. Wer am Ende die Uniform tragen soll, zeigt wer den Krieg bestellt, schickt fremde Kinder.

Moskau nennt die Warnungen Unsinn und beteuert, keinen NATO-Staat angreifen zu wollen, Wladimir Putin fügte allerdings an, man sei bereit, falls Europa einen Krieg beginne. Beteuerungen aus einem Land, das 2022 die Ukraine überfallen hat, taugen als Beruhigungsmittel ebenso wenig wie Warnungen aus einer Regierung, deren Haushalt an der Warnung hängt.

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Fünf Hauptstädte, ein Rezept

Berlin ist kein Einzelfall, sondern Vorturner. Frankreich sitzt laut Eurostat auf einer Staatsschuld von 117,6 Prozent der Wirtschaftsleistung, vier Prozentpunkte mehr als ein Jahr zuvor, Italien auf 138,9 Prozent, Griechenland auf 143,5 Prozent. Emmanuel Macron verdoppelt trotzdem den Wehretat bis 2027 auf 64 Milliarden Euro, zwei Jahre früher als geplant. Dazu versprach er, die Militärausgaben würden zur Quelle des Reichtums für das Bruttoinlandsprodukt werden. Deutlicher hat noch kein Staatschef ausgesprochen, wofür der Feind gebraucht wird.

In Rom fehlt schon das Geld für die Kulisse. Giorgia Meloni wollte die 13,5 Milliarden Euro teure Brücke nach Sizilien als Militärausgabe verbuchen, weil auf der Insel Stützpunkte liegen, bis Washington öffentlich vor Tricksereien warnte. Athen stellt bis 2036 25 Milliarden Euro für Waffen bereit, rund ein Zehntel einer Jahreswirtschaftsleistung, finanziert über die Ausweichklausel der EU. Ein Rentner erklärt dort vor dem Supermarktregal, er schnalle den Gürtel über seiner schmalen Rente gern enger, Hauptsache starke Streitkräfte. Der Gegner heisst in Athen allerdings eher Türkei als Russland, billiger wird es dadurch nicht. London kürzt die Entwicklungshilfe auf den tiefsten Stand seit 1999, um die Aufrüstung zu bezahlen.

Und dann ist da Spanien. Pedro Sánchez nannte das Fünf-Prozent-Ziel der NATO unvernünftig und kontraproduktiv, weil es mit dem Sozialstaat unvereinbar sei. Er blieb bei 2,1 Prozent. Ausgerechnet Spanien wuchs im zweiten Quartal um 2,7 Prozent zum Vorjahr, fast dreimal so stark wie Deutschland. Beweisen lässt sich damit nichts, auch Madrids Schuldenquote liegt über 100 Prozent. Blamiert ist allerdings die Behauptung, ohne Kanonen gebe es kein Wachstum.

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Ich leiste meinen Beitrag

Das Video, das derzeit die Runde macht, beginnt mit dem Werbespot aus Paul Verhoevens Satire «Starship Troopers» von 1997. Junge Menschen melden sich zum Dienst, einer nach dem anderen sagt den Satz, den die deutsche Synchronfassung unsterblich gemacht hat: «Ich leiste meinen Beitrag.» Im Original versprach der Spot, der Dienst garantiere Bürgerrechte, der deutsche Verleih machte 1997 aus Angst vor dem Beigeschmack ein harmloses Kämpfen für die Zukunft daraus. Danach singt jemand, was die Geschichte lehrt, sei egal, sie liege zu weit zurück, massgebend sei, was der Fernseher sage. Heute läuft die Rekrutierung im Kino vor dem Hauptfilm und die Satire hat den Wettlauf gegen die Wirklichkeit verloren.

Bleibt die Prophezeiung aus dem Netz. Elif Eralp hat Berlin mit 25,7 Prozent gewonnen, Ulrich Siegmund Sachsen-Anhalt mit 43,8 Prozent. Gescheitert sind sie also nicht, das Scheitern beginnt erst mit dem Amt. Wer auch immer regiert, erbt dieselbe Kasse, dieselben Werksschliessungen und denselben Bundeshaushalt, in dem die Kaserne Vorfahrt hat. So mancher Politiker bestätigt mir unter vorgehaltener Hand, das Spiel sei vorbei.

Der Feind als letzter Kunde

Genau deshalb wird der Krieg gegen Russland gebraucht, nicht als Schlachtfeld, sondern als Begründung. Er rechtfertigt Schulden ohne Bremse, Fabriken ohne Autos und Renten ohne Garantie. Wer ihn infrage stellt, gilt als Sicherheitsrisiko. Die spätrömische Dekadenz wird sich brutal rechnen, egal welche Partei gerade den Tresor verwaltet. Einen dritten Weltkrieg auf deutschem Boden können wir noch verhindern. Alles andere nicht. 2026 fehlen gut 210’000 Erwerbstätige, 2027 kommen 31,4 Milliarden für die Truppe dazu. Madrid rüstet am wenigsten und wächst am stärksten, Paris verdoppelt die Rüstung und verbucht sie als Reichtum. «Ich leiste meinen Beitrag», sagt der Steuerzahler und merkt nicht, dass er die Rolle des Rekruten längst spielt. Wer eine sterbende Wirtschaft nur noch mit einem Feind am Leben hält, wird diesen Feind nie wieder hergeben wollen…

Krieg gegen Russland: Das letzte Konjunkturprogramm der Pleitiers
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Transparenzhinweis: Illustrationen wurden digital erstellt und dienen der Veranschaulichung. Der Beitrag wurde redaktionell geprüft und verantwortet.

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