Liebe Jugend, man erzählt dir gerade, du sollst einfach tun, was du liebst, Geld spiele ohnehin bald keine Rolle mehr. Das klingt nach Befreiung und ist ein Rettungsring aus Blei. Die Firmen stellen deinen Jahrgang immer seltener ein, der Hersteller der Maschine empfiehlt ein Trinkgeld und der Staat wartet mit dem Stempelkissen. Gerettet wirst du von keinem davon. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute lautet: Du musst auf keinen von ihnen warten.
Die Firmen kommen nicht
Die Ökonomen um Erik Brynjolfsson in Stanford haben die Lohnabrechnungen von Millionen amerikanischer Arbeitnehmer bis Juni 2026 ausgewertet. Bei den 22- bis 25-Jährigen in Berufen, in denen KI menschliche Arbeit ersetzt, liegt die Beschäftigung 19 Prozent unter jener ihrer weniger betroffenen Altersgenossen. Bei den erfahrenen Kräften fehlt eine solche Lücke. Entlassen wird kaum, es wird schlicht weniger eingestellt. Die Autoren nennen ihre Zahlen frühe Warnsignale, keine bewiesene Ursache, doch die Richtung zeigt in den betroffenen Berufen klar nach unten. Die Tür, durch die jede Generation mit Diplom oder Lehrabschluss ins Erwerbsleben trat, wird zugemauert, während drinnen die Etablierten ihre Stühle festschrauben.
Anthropic-Chef Dario Amodei prophezeite im Mai 2025, KI könne die Hälfte aller Einstiegsstellen im Büro auslöschen und die Arbeitslosigkeit in ein bis fünf Jahren auf 10 bis 20 Prozent treiben. Als Trostpflaster schlug der Mann, der die Maschine verkauft, drei Prozent der KI-Umsätze für den Staat vor, der sie irgendwie umverteilen soll. Der Sägenhändler empfiehlt also ein Trinkgeld für die gefällten Bäume.
Das Weltwirtschaftsforum rechnet bis 2030 mit 170 Millionen neuen und 92 Millionen wegfallenden Stellen, unterm Strich ein Plus. Im selben Bericht planen 41 Prozent der Arbeitgeber, wegen KI Personal abzubauen. Davos verspricht Wachstum und fast die Hälfte der Firmen schärft die Säge. Die Beerdigungsrede für die Mittelschicht ist geschrieben. Ob sie auch an deinem Grab verlesen wird, entscheidest du, nicht die Personalabteilung.
Die Roboter kommen auch nicht so schnell
Die Roboterarmee, die angeblich übermorgen Pflegeheime und Baustellen übernimmt, zählte im ersten Halbjahr 2026 weltweit rund 22’000 ausgelieferte Humanoide, gut 60 Prozent davon für Unterhaltung, Forschung und Datensammlung, 13 Prozent für die Fabrik. Zwei chinesische Hersteller, Agibot und Unitree, liefern rund drei Viertel davon. Fürs ganze Jahr erwarten die Marktforscher 50’000 bis 85’000 Stück, verteilt auf eine Welt mit gut acht Milliarden Menschen. Ob Sprachmodelle denken oder bloss «stochastische Papageien» sind, wie Computerlinguisten um Emily Bender und Timnit Gebru 2021 schrieben, darüber streiten die Fachleute bis heute. Sicher ist nur, dass die Büroarbeit vor dem Schraubenschlüssel fällt. Wer mit den Händen etwas kann, hat Jahre Vorsprung.
Der Staat kommt, aber mit Bedingungen
Finnland zahlte 2017 und 2018 genau 2000 Arbeitslosen 560 Euro steuerfrei im Monat. Herausgekommen sind sechs Arbeitstage mehr, dafür deutlich weniger Depression, Einsamkeit und Existenzangst, dazu mehr Vertrauen in die eigene Zukunft. Geld ohne Drohung macht Menschen also nicht faul, sondern gesünder. Weitergeführt wurde der Versuch nach 2018 trotzdem nicht. Die Schweiz lehnte das bedingungslose Grundeinkommen am 5. Juni 2016 mit 76,9 Prozent Nein ab, in keinem einzigen Kanton gab es eine Mehrheit. Höhe und Finanzierung hatte die Initiative offengelassen und genau diese Lücke füllt heute der Sanktionskatalog.
Wie das kommende Modell aussieht, zeigt Berlin. Am 5. März 2026 ersetzte der Bundestag mit 320 zu 268 Stimmen das Bürgergeld durch eine Grundsicherung, die nach drei verpassten Terminen bis auf null fallen kann, Wohnkosten inklusive. Wer sich ganz verweigert, kann bis zu zwei Monate ohne Regelsatz dastehen. Alleinstehende sollen, wo möglich, Vollzeit arbeiten. Die Schonfrist für Erspartes ist gestrichen, Eltern dürfen zur Arbeit verpflichtet werden, sobald ihr Kind den ersten Geburtstag feiert. In der Schweiz kam am 28. September 2025 die E-ID mit 50,39 Prozent Ja knapp durch, der digitale Schlüssel zum Konto liegt bereit. Was dir verkauft wird, ist das bedingungslose Gehorsamseinkommen, verbucht in Geld mit Ablaufdatum. Wer vom Konto des Staates lebt, lebt von dessen Laune.
Die alte Welt war auch kein Rettungsboot
Wer jetzt der guten alten Festanstellung nachtrauert, sollte die Krankenakten lesen. Die DAK zählte 2025 366 psychisch bedingte Fehltage je 100 Versicherte, 55 Prozent davon wegen Depressionen. Bei Frauen sind psychische Leiden bereits der häufigste Grund fürs Fehlen. Die Generation, die dir heute Ratschläge erteilt, hat sich den Burnout als Arbeitsmoral angeheftet. Ihr Lebensplan ist kein Vorbild, sondern ein Warnschild.
Niemand kommt, also fang an
Tu, was du liebst, aber so, dass es niemand abschalten kann. Lerne ein Handwerk, das Hände benötigt. Benutze die Maschine als Werkzeug, statt dich von ihr ersetzen zu lassen, denn genau dort wächst laut Stanford die Beschäftigung noch. Baue dir ein Netz aus Menschen, die anpacken, wenn das Amt den Hahn zudreht, denn euch wird nichts gehören ist kein Witz, sondern ein Geschäftsmodell. Teile Werkzeug, Wohnraum und Wissen mit deinen Leuten, denn eine Gemeinschaft lässt sich nicht per Mausklick sanktionieren. Lege dein Erspartes in Können an, das dir keine Bank einfrieren kann. Gründe klein, bevor andere gross über dich entscheiden. Misstraue jedem, der dir die Zukunft auf fünf Jahre genau verkauft, ob Konzernchef, Prophet oder Davos-Bericht. Netto 78 Millionen neue Stellen für die Welt, minus 19 Prozent für deinen Jahrgang. Die Generation, die Burnout als Tugend verkaufte, verkauft dir jetzt Musse als Zukunft. Ein Grundeinkommen mit Sanktionskatalog ist kein Sprungtuch, sondern eine Leine mit Überweisungsfunktion. Niemand kommt, dich zu retten, also rette dich selbst!










«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







