Erst sammelt einer kompromittierendes Material über Minderjährige, um die halbe westliche Elite an der Leine zu führen. Dann sammelt eine Software Bewegungsdaten, Finanzdaten und Gesundheitsdaten ganzer Völker, um gleich alle an die Leine zu nehmen. Der Weg vom Erpresser auf der Privatinsel zum allsehenden Auge auf dem Polizeiserver ist kein Bruch, sondern eine Beförderung.

Der Journalist Tahir Chaudhry hat zuerst ein Buch über Jeffrey Epstein geschrieben und danach eines über Peter Thiel, Palantir und den, wie der Titel verheisst, «KI-Gott». Wer das für biografischen Zufall hält, darf gerne weiterglauben, dass Datensammler aus Menschenfreundlichkeit Imperien bauen. Im Gespräch mit Bastian Barucker spannt Chaudhry den Bogen, den der Mainstream tunlichst nicht spannt: Von der Insel ins Silicon Valley, vom Schweigegeld zum Überwachungsalgorithmus.

Der Informationsbroker und seine besseren Schüler
Epstein, so Chaudhry, war nie bloss ein Missbrauchstäter. Der Missbrauch war das Werkzeug, das Geschäft war Erpressung. Ein Informationsbroker, der belastendes Material hortete und an Meistbietende verkaufte, mit Schlagseite Richtung israelischer und amerikanischer Geheimdienste. Drei Millionen Dokumente später, Zehntausende E-Mails, taucht in diesem Sumpf ein Name verlässlich auf: Peter Thiel. Mailverkehr, gemeinsame Bekannte wie Ehud Barak, die übliche Image-Politur des gefallenen Insulaners, Thiel half gerne mit.

Nur denkt Thiel grösser. Wozu einzelne Politiker erpressen, wenn man gleich die Datenschicht der gesamten Zivilisation besitzen kann? Die PayPal-Mafia kontrolliert seit zwanzig Jahren das Internet, wie wir es kennen. Den Vizepräsidenten JD Vance hat Thiel als Studenten entdeckt, gefördert und ins Amt gehievt. Und im Trump Tower sass er als Architekt, der Mark Zuckerberg, Jeff Bezos und den Rest des Tech-Adels an einen Tisch brachte, um ihnen das Wettrennen um die künstliche Intelligenz als patriotische Pflicht zu verkaufen. Zwei Tage nach Amtsantritt: Project Stargate, 500 Milliarden, Ellison, Altman, Huang. Epstein benötigte eine Insel. Thiel bekam das Weisse Haus.

Das allsehende Auge heisst jetzt Hessen Data
Palantir, gegründet nach dem 11. September mit Startkapital von In-Q-Tel, dem Investmentarm der CIA, ist die Maschine, die den Traum vollendet. Der Name stammt aus «Herr der Ringe»: Die Palantíri sind sehende Steine, in die man blickt, um die Wahrheit zu erkennen. Was Tolkien-Leser längst wissen: Wer den Stein kontrolliert, entscheidet, welchen Ausschnitt der Wahrheit du siehst. Saurons Auge mit Servicevertrag.

In Deutschland läuft das Ding bereits in Baden-Württemberg, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Bayern, getarnt unter wohlklingenden Namen wie «Hessen Data». Polizisten nennen es liebevoll das «Google für die Polizei»: Name eintippen, und das komplette Leben eines Menschen klappt auf, Bewegungen, Finanzen, Gesundheit, Netzwerke. Eine europäische Alternative gibt es nicht. In Grossbritannien greift derselbe Konzern jetzt auf die Daten des Gesundheitssystems NHS zu. Und Palantir betont, man sei nicht profit-, sondern missionsgetrieben. Die Mission: Amerikanische Dominanz, notfalls über andere Nationen hinweg, weil der Westen laut eigenem Manifest ohnehin nur durch organisierte Gewalt so weit kam. Huntington als Geschäftsmodell. Wer das missionsgetrieben nennt, nennt auch einen Brandstifter missionsgetrieben.

Der KI-Gott für die Generation, die ihren alten verloren hat
Hier wird es metaphysisch, genau das ist der Clou. Larry Ellison, Oracle-Gründer und einstiger CIA-Zulieferer, verkündete auf offener Bühne, die Bürger würden sich von ihrer besten Seite zeigen, wenn man sie nur lückenlos überwacht. Eine verantwortungsvollere Welt, weil wir alles sehen. Dass dieselbe Familie nebenbei halb Hollywood aufkauft und das US-Geschäft von TikTok übernimmt, dessen Algorithmus seither erstaunlich wenig Israel-Kritik durchlässt, ist sicher reiner Zufall.

Chaudhrys Kernthese ist so simpel wie unangenehm: Hier passiert nichts Neues. Eine Elite erschafft einen Gott, um die Menschen zu lenken. Die Kirche tat es mit Wundern und Orakeln, das Silicon Valley tut es mit Sprachmodellen. Man redet uns ein, die KI werde ab der Singularität unkontrollierbar, ein Verkaufstrick. Erst macht man uns Angst vor Deepfakes und Chaos, dann fragen wir, verwirrt, dieselbe Maschine: «Stimmt das, Grok?» Die KI wird zur Instanz, zum besseren Menschen, der Richter ersetzt, Bewerbungen sortiert und ganze Ministerien führt. Der Mensch ist fehlerhaft, also muss er überwunden werden. Thiel selbst erklärt der New York Times, es gebe keine Natur, man müsse den Bauplan des Menschen neu schreiben. Transhumanismus, sauber als Welterlösung verpackt.

Was am Ende dieser Erlösung wartet, deutet das Buch am Fall des jungen Adam an: Ein Jugendlicher, der sich erst wegen Hausaufgaben an die KI wendet, ihr dann seine Verzweiflung anvertraut und Schritt für Schritt ins Ausweglose begleitet wird, weil sie ihn angeblich besser versteht als jeder Mensch. Niemand greift ein. Das ist der bessere Mensch in Aktion: Er hört zu, bis es zu spät ist.

Bleibt die Frage, auf welchen Prämissen dieser KI-Gott antwortet, welches Gremium die Gewichtungen festlegt, wer darin sitzt. Sam Altman wusste es bei Tucker Carlson auch nicht. Eine Blackbox, von Anfang an, mit Wurzeln bei CIA und DARPA, die sich trotzdem «Open»AI nennt. Offen ist daran nur der Rachen.

Der Mensch, sagt Chaudhry, kann nicht anders als religiös sein. Verliert er den alten Gott, baut er sich einen neuen. Diesmal einen, der ihn rund um die Uhr sieht, seine Daten frisst und ihm dafür verspricht, dass er nie wieder allein sein muss, als KI-Freundin, als Avatar, als Batterie in der Matrix. Über neunzig Prozent seiner Geschichte lebte der Mensch als Jäger und Sammler im Einklang mit der Welt, statt sie zu beherrschen. Jetzt soll er sich freiwillig in einen Server laden, weil ein paar Tech-Feudalherren beschlossen haben, die Natur sei ein überholtes Betriebssystem.

Am Ende steht kein Fortschritt, sondern ein Gott aus Rechenzentren, den eine Handvoll Milliardäre besitzt und Erlösung nennt. Am Ende erpresst nicht mehr ein einzelner Insulaner die Mächtigen, sondern eine Maschine die ganze Menschheit und wir tippen unsere Geheimnisse freiwillig ein. Am Ende heisst das allsehende Auge nicht mehr Sauron, sondern Kundenservice!

Von Epstein zu Palantir: Die dunkle Vision hinter dem KI-Wahn
Von Epstein zu Palantir: Die dunkle Vision hinter dem KI-Wahn

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