Im Jahr 2002 zeigte Steven Spielberg eine Welt, in der Menschen verhaftet werden, bevor sie eine Tat begehen. Das Publikum verliess das Kino beunruhigt beruhigt: «Das ist nur Science-Fiction. Eine Dystopie. Wird schon nicht so weit kommen.» Zwanzig Jahre später sitzt Palantir Technologies in den Serverräumen des FBI, der NSA, des britischen Gesundheitsministeriums, der israelischen Armee und Polizeidepartments rund um die Welt – und niemanden interessiert es sonderlich. Weil es keine Psychics gibt, sondern nur Daten. Und Daten klingen halt so angenehm neutral.

Minority Report, im realen Leben?
Im Film Minority Report setzt die Polizei Hellseher ein, um Menschen zu verhaften, bevor sie ein Verbrechen begehen. Palantir ist die reale Version davon, verwendet aber Daten anstelle von Hellsehern.
Dies wird als präventive Polizeiarbeit oder Predictive Policing bezeichnet. Die Software analysiert riesige Datenmengen, um vorherzusagen, wer wahrscheinlich ein Gesetz brechen oder eine Bedrohung für die Regierung darstellen wird.
Während der Film zeigt, wie die Polizei Menschen für Verbrechen verhaftet, die sie noch nicht begangen haben, besteht die Rolle von Palantir darin, Sie als Hochrisikoziel zu kennzeichnen. Dies ermöglicht es den Behörden, Sie ständig zu überwachen, Sie zu Verhören anzuhalten oder Ihre Bewegungsfreiheit einzuschränken, bevor Sie überhaupt etwas Falsches getan haben. Dies geschieht bereits heute; lokale Polizeibehörden und Geheimdienste nutzen diese Software, um Beobachtungslisten zu erstellen und zu analysieren, mit wem Sie sprechen und was Sie online posten, um zu entscheiden, ob Sie ein Risiko für die Gesellschaft darstellen.
Palantir – ausgesprochen wie der Sehstein aus Tolkiens Mittelerde, was an Chuzpe kaum zu überbieten ist – wurde 2003 von Peter Thiel und Alex Karp gegründet. Das Startkapital kam von In-Q-Tel, dem Investitionsarm der CIA. Man muss das kurz sacken lassen: Ein privates Unternehmen, finanziert vom Geheimdienst, das Überwachungssoftware an Geheimdienste verkauft. Der Interessenkonflikt ist so monumental, dass er schon wieder elegant wirkt. Thiel selbst hat freimütig erklärt, er halte Demokratie für ineffizient – die Gesellschaft solle von kompetenten Eliten gemanagt werden, die Daten nutzen, um Ordnung zu sichern und Widerspruch zu unterbinden, bevor er entsteht. Das ist kein Zitat aus einem Bösewicht-Monolog. Das ist die erklärte Philosophie eines Mannes, dessen Software heute in den Datenbanken von Strafverfolgungsbehörden auf drei Kontinenten läuft.
Was Palantir tut, ist im Kern simpel und im Effekt totalitär: Es verknüpft Datenpunkte, die bislang getrennt existierten. Deine Bankbewegungen. Dein GPS-Standort, abgerufen über dein Smartphone. Deine Social-Media-Posts. Deine Strafakte, falls vorhanden – und falls nicht vorhanden, deine Verbindungen zu Personen, die eine haben. Das System baut eine digitale Landkarte deines Lebens, deiner Beziehungen, deiner Bewegungen, deiner Überzeugungen. Und dann berechnet es einen Risikoscore. Nicht öffentlich sichtbar, nicht anfechtbar, nicht transparent – aber wirksam. Vollkommen wirksam.
Das nennt sich Predictive Policing. Auf Deutsch: Du wirst verdächtig, bevor du irgendetwas getan hast. Wenn du auf einer Demonstration warst. Wenn du mit jemandem befreundet bist, der bereits im System ist. Wenn du online etwas gepostet hast, das der Algorithmus als auffällig klassifiziert. Der Algorithmus vergisst nie. Die Datenbank auch nicht. Und die Konsequenzen musst du nicht mal erfahren, um sie zu spüren: Ein Kredit wird abgelehnt, ohne Begründung. Du wirst am Flughafen regelmässig herausgegriffen, ohne Erklärung. Die Polizei hält dich öfter an als den Durchschnitt, ohne nachvollziehbaren Grund. Du verlierst den Job, weil irgendjemand irgendetwas über dich gehört hat. Und du hast keine Möglichkeit, dagegen vorzugehen, weil du offiziell nicht weisst, dass du in einem System bist.

Palantir
Benannt nach den «Sehersteinen» aus «Der Herr der Ringe», bedeutet Palantir in Tolkiens Elbensprache «das, was in die Ferne blickt». Mitbegründer Peter Thiel wählte den Namen, weil die Software des Unternehmens wie eine magische Linse funktioniert und es Regierungsbehörden ermöglicht, riesige Mengen unübersichtlicher Daten zu «durchschauen», um verborgene Muster zu erkennen. Der Name ist jedoch auch eine düstere Warnung; In den Büchern wurden die Steine schliesslich vom Bösewicht Sauron entführt, um Mittelerde auszuspionieren und seine Feinde zu manipulieren. Die Steine waren gefährlich, weil sie einer Person eine «Wahrheit» ohne den richtigen Kontext zeigen konnten, wodurch sie leicht getäuscht oder von einem mächtigeren Feind, der immer zusah, in die Verzweiflung getrieben werden konnte.
Das Elegante – das wirklich Perverse – an dieser Konstruktion ist, dass sie kein neues Gesetz benötigt. Palantir ist ein privates Unternehmen. Behörden kaufen die Software als Dienstleistung. Damit umgehen sie sämtliche Datenschutzregeln, die eigentlich verhindern sollen, dass der Staat seine Bürger systematisch ausspioniert. Das ist kein Bug. Das ist das Geschäftsmodell. Privatisierte Totalüberwachung, juristisch sauber verpackt in einen Kaufvertrag.
Die Anwendungsfälle sind inzwischen öffentlich bekannt und werden trotzdem von der Mehrheit der Bevölkerung mit der Gleichgültigkeit zur Kenntnis genommen, die man sonst nur bei Wetterberichten beobachtet: Die US-Einwanderungsbehörde ICE nutzt Palantir, um Datenbanken zu verknüpfen und Abschiebungen zu koordinieren. Das FBI und die NSA setzen es zur Inlandsüberwachung ein. Der britische National Health Service hat umfangreiche Verträge abgeschlossen, um Patientendaten – medizinische Daten, intimste Informationen – in Palantir-Systeme zu überführen. Das israelische Verteidigungsministerium nutzt es als KI-Rückgrat für militärische Operationen. Und das LAPD hat es eingesetzt, um Watchlists zu erstellen: Listen von Menschen, die noch nichts getan haben, aber vielleicht irgendwann etwas tun könnten.
Vielleicht. Irgendwann. Möglicherweise. Das reicht. Das reicht vollkommen, um in einer Datenbank zu landen, die kein Ablaufdatum kennt.
Der Staat, der offiziell keine sozialen Kreditsysteme betreiben darf, betreibt de facto ein soziales Kreditsystem – ausgelagert an ein Privatunternehmen, das sich um Grundrechte nicht schert, weil es dazu nicht verpflichtet ist. Die Bevölkerung, die lautstark empört wäre, wenn die Regierung ankündigte, jeden Bürger zu überwachen, stört sich nicht daran, weil es nach Technologie klingt und nicht nach Diktatur. Dabei ist der Unterschied nur semantischer Natur.
Thiel hat recht, dass Demokratie ineffizient ist – sie ist ineffizient, weil sie Rechte schützt, Kontrolle verteilt und Macht begrenzt. Genau das ist ihre Funktion. Wer Demokratie als Ineffizienz betrachtet, hat verstanden, worum es geht – und steht auf der falschen Seite. Die Frage ist nicht, ob Palantir existiert. Die Frage ist, wann die Gesellschaft aufhört, so zu tun, als wäre das jemand anderes Problem.
Minority Report endete mit dem Zusammenbruch des Programms, weil sich herausstellte, dass es fehlbar war. Ungerecht. Missbrauchbar. Palantir wird nicht zusammenbrechen. Nicht weil es fehlerlos ist, sondern weil niemand dabei ist, der den Stecker zieht. Gestapo und Stasi haben davon geträumt. Silicon Valley hat es gebaut. Und wir haben dafür bezahlt…

Der Fall der «geheimen Polizeiarbeit» in New Orleans
Im Jahr 2018 wurde bekannt, dass die Stadt New Orleans Palantir in einer geheimen, sechsjährigen «philanthropischen» Partnerschaft eingesetzt hatte, die die öffentliche Aufsicht umging. Die Software erstellte eine Liste von etwa 3900 Einwohnern (etwa 1 % der Stadt), die als «hochriskant» für Gewalt eingestuft wurden.
Das Alarmierende daran war, dass viele der Personen auf dieser Liste nicht wegen begangener Straftaten, sondern aufgrund ihrer sozialen Verbindungen ins Visier genommen wurden. Wenn man in einer bestimmten Gegend aufgewachsen war und in sozialen Medien mit jemandem «verbunden» war, der markiert wurde, erhöhte die Software automatisch den Risikowert. Dies führte zu «verstärkter Strafverfolgung» und ständigen Polizeikontrollen von Personen, die im Wesentlichen durch ihre Verbindung schuldig waren, basierend auf Daten, von deren Erhebung die Öffentlichkeit nicht einmal wusste.

In einem E-Mail-Austausch schrieb Jeffrey Epstein an Peter Thiel, Mitbegründer von PayPal und Palantir:
«Wie Sie wahrscheinlich wissen, vertrete ich die Rothschilds.
Ich hatte gehofft, einen Weg zu finden, wie die Bank mit 160 Milliarden im Management etwas im Technologiebereich erreichen kann. Beste Kundenliste der Welt, prähistorische Produkte. Das kann warten… Viel Glück in China. Ich bin vom 20. bis 28. wieder in Europa. Danach auf der Insel. Wenn Sie also um die Welt reisen und nach Westen fahren möchten, kommen Sie auf die Insel. Oder möchten Sie sich Ende des Monats in Saudi-Arabien treffen?»
(via Red Pill Conspiracy)






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