Paris im Oktober 2026: Die Republik schickt ihre Kinder auf die Strasse, die Kinder schicken die Schaufenster in die Gosse und die Regierung schickt hinterher die Formel, alles sei «en marge» geschehen. Am Rand also. Dieser Rand bestand am 17. Oktober allein in Paris aus 450 beschädigten und 228 geplünderten Geschäften, landesweit traf es 2000 bis über 3000, die Rechnung liegt bei rund 1,1 Milliarden Euro. Und der Rand ist minderjährig: 87 Prozent jener, die bis Anfang Oktober im Gewahrsam landeten.
Wer wissen will, was in Paris tatsächlich geschieht, findet es weder in Regierungsbulletins noch im Gegenmärchen der Netzempörung. Es steht in Polizeibilanzen, Gerichtsstatistiken und auf Sperrholzplatten. Den Rest erledigt Frankreichs eigenes Wahrheitsministerium.
Samstag mit offenen Kassen
Was am Abend des 17. Oktober im 11. Arrondissement geschah, nennt ausgerechnet die AFP «Du jamais vu»: Ein Laden nach dem anderen wurde ausgeräumt, ohne dass jemand die Täter behelligte. Zigaretten, Sonnenbrillen, Kleider, Schmuck, Süssigkeiten. Am Monoprix prangte das Bekenntnis «C’est pour les lycéens», am Franprix der Hohn «Vive le ruissellement». «Venez on va au Marionnaud!», rief einer Richtung Parfümerie. Einer Hotelrezeption schenkten die Plünderer eine Flasche Wein. Die Polizei glänzte im Quartier durch Abwesenheit. Die Beutezüge reichten bis zu den Luxusboutiquen an der Place Vendôme, in der Stadt loderten 176 Strassenbrände. Die Präfektur zählte danach 855 Festnahmen, einen «chiffre record», landesweit kamen rund 2400 Festnahmen und knapp 1000 verletzte Polizisten und Gendarmen zusammen. Verschwiegen wurde also nichts. Verkauft wurde es als Randnotiz einer friedlichen Bewegung. Präsident Macron trat am Sonntagabend vor die Kamera, beklagte «De la honte et de la colère» und schob die Schuld auf «groupuscules d’ultra-gauche, rejoints par de nombreux délinquants». Wie viel Scham im Élysée tatsächlich wohnt, zeigt die Tanzstunde des Hausherrn.
Kinderkreuzzug mit Einkaufstüte
Die offizielle Lesart trennt sauber: Hier die Schülerbewegung mit «revendications légitimes», dort die Plünderer, laut Präfektur «jeunes délinquants d’opportunité». Blöd nur, dass das Justizministerium die Trennlinie selbst wegradiert. Bis zum 5. Oktober landeten 5060 Personen in Polizeigewahrsam, 4406 davon minderjährig, also 87 Prozent. Der Opportunist trägt Schulranzen. «Tous sont jeunes», notierte die AFP in der Plünderungsnacht. Bildungsminister Edouard Geffray sprach von rund 5000 Festnahmen und 78 verletzten Angestellten seiner Schulen. Justizminister Gérald Darmanin verlangte von den Staatsanwälten «la plus grande fermeté». Untersuchungshaft gab es danach ganze 14 Mal, 790 Verfahren wurden eingestellt. Aufgerufen hatten keine Gewerkschaftsbüros, der Aufruf lief über TikTok, ohne jede offizielle Organisation. Wer den spontanen Volkszorn finanziert, steht bei den NGO-Söldnern mit Steuerabzug. Wie aus dem Pausenhof ein Beutezug wird, steht im Stundenplan der Plünderer.
Bauern auf dem Acker, Pflege im Dienst
Gern erzählt wird die Saga der grossen Konvergenz: Schüler, Bauern und Pflegepersonal Schulter an Schulter gegen die Regierung. Die Bauern hatten Besseres zu tun. FNSEA-Präsident Arnaud Rousseau liess am Vortag ausrichten «nous n’y serons pas», Mais, Zuckerrüben und Wintergetreide gingen vor. Die Coordination rurale blieb ebenfalls auf dem Hof, einzig die linke Confédération paysanne rollte mit Traktoren an und beschwor die «convergence des luttes face à un gouvernement ultralibéral». Die Gewerkschaft der Schulpflege SNICS-FSU erklärte sich solidarisch, zum Streik rief sie nicht auf. Eine Pflegerin kündigte Forderungen an, «bien plus larges» als das, was die Medien verbreiteten. Die Feuerwehr verlängerte ihren eigenen Streik bis zum 4. Dezember. Mitgelaufen ist, wer wollte, den Aufruf verantwortete niemand. Die Konvergenz war ein Plakat. Die Plünderung war real.
Kirchen, die nicht brannten
Die Gegenseite pflegt ihr eigenes Märchen mit derselben Inbrunst: Paris habe seine Kirchen brennen sehen. Belegen lässt sich das nicht. Erzbischof Laurent Ulrich verurteilte am 19. Oktober die Gewalt, «qui blesse, vole, incendie», eine angezündete Kirche nennt er nicht. In Marseille beklagte Kardinal Aveline aufgebrochene Kirchen, in Paris drangen Unbekannte in der Nacht auf den 18. Oktober in die Synagoge Ohalei Yaakov im 19. Arrondissement ein und warfen Gebetbücher und Tefillin auf den Boden. Das Gerücht vom Kirchenbrand hat trotzdem längst die Demozüge erreicht. Dort entschuldigt es kaum einer, man verrechnet es. Gewalt gilt vielen als bedauerlich, aber verständlich, manchen schlicht als nötig, weil sonst keiner zuhöre. Lieber brennende Gotteshäuser als ein zerschossenes Kinderauge, so die Bilanz. Ein Kinderauge ist es bisher nicht, eine Kinderhand schon: In Lens verlor ein 15-Jähriger durch eine Granate die Hand.
Zweiter Samstag, zwei Wahrheiten
Am 24. Oktober marschierte Paris erneut, auf einer von der Präfektur verordneten Route am Stadtrand, beschützt von 70’000 Polizisten und Gendarmen, RAID, GIGN, Helikoptern und Panzerwagen. Innenminister Laurent Nuñez bilanzierte «les cortèges se sont bien passés». Am Zugende griffen laut Polizei rund 500 Randalierer die Einsatzkräfte an, 142 Festnahmen folgten. Die Sprecherin gab zu, der Andrang Gewaltbereiter sei eine Woche zuvor «mal estimé» worden. Am 31. Oktober flog an der Porte de Charenton ein Molotowcocktail auf Gendarmen, die Justiz ermittelt wegen versuchter Tötung. Für den 5. November ist der Generalstreik angesagt. Die Pariser Stadtrundfahrt mit Tränengas-Zuschlag ist längst im Angebot.
Sperrholz statt Marianne
Die Rechnung zahlen jene, die nichts geplündert haben. Am Boulevard de Magenta vernageln Händler ihre Fenster mit Sperrholz, ein Farbenhändler schläft im eigenen Laden, ein Waffenhändler verkauft zehnmal mehr. Was in Paris geschieht, ist keine Frage der Kameraposition, sondern der Buchhaltung. Eine Republik, die ihre Schüler im Gewahrsam zählt, hat die Schule längst verloren. Der Bürger rüstet auf, der Staat zählt Festnahmen. Und der Élysée nennt das Ganze weiterhin den Rand. Liberté, Égalité, Sperrholz!











«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







