Wie viele Wahrheitsministerien gibt es? Ein Samstag in Frankreich genügt, um ein halbes Dutzend bei der Arbeit zu beobachten. Das Innenministerium zählt 410’000 Demonstranten, die Gewerkschaft 800’000. Der Élysée erklärt Linksextreme zu Plünderern, die eigene Justiz widerspricht. Schweizer Patrioten sehen Einwandererkinder, die Akte zählt nur Pässe. Und der Autor der Sparrunde, die Schulen, Lohntüten und Tanks leert, sitzt in Brüssel und kommt in keiner Schlagzeile vor. Orwell hat ein einziges Ministerium erfunden. Die Gegenwart betreibt ein Filialnetz.
Zahlenkrieg auf dem Pflaster
Am 17. Oktober zählte das Innenministerium 550’000 Demonstranten, die Veranstalter 800’000. Eine Woche später waren es laut Ministerium 410’000, laut CGT 800’000. Festgenommen wurden am ersten Samstag 2628 Menschen, am zweiten 1314. Wer nachrechnet, landet je nach Zählung zwischen 0,16 und 0,48 Prozent. Mehr als 99 von 100 Demonstranten wurden also nicht einmal angefasst. Allein in Paris marschierten laut Ministerium 110’000 Menschen. Innenminister Laurent Nuñez hatte für den ersten Samstag mit 200’000 gerechnet und landesweit 60’000 Polizisten aufgeboten. Sein eigenes Ministerium zählte danach fast das Dreifache an Demonstranten. Die Bilder von brennenden Bankfilialen und geplünderten Läden sind echt. Die Erzählung vom Volk als Mob ist es nicht. Wer nur die Bilder sendet und die Quote verschweigt, betreibt bereits die erste Filiale. Wie das als Fernsehprogramm aussieht, zeigt die Bürgerkriegs-Pauschalreise.
Élysée gegen Akte: Wer hat geplündert?
Emmanuel Macron wusste sofort Bescheid: Aufrührer aus ultralinken Grüppchen, die die Republik stürzen wollten. Die Pariser Staatsanwältin kann das «absolut nicht bestätigen», der Inlandsnachrichtendienst hält es laut Mediapart für «objektiv falsch». Die Note des Justizministeriums über 186 Inhaftierte zeichnet ein anderes Phantombild: 95 Prozent Männer, die Mehrheit 18 bis 20 Jahre alt, 70 Prozent mit französischem Pass und fast alle im Land geboren, mehr als die Hälfte ohne Vorstrafe. Dieselben Bilder liefen parallel als Plünderer im Stundenplan.
Pass ist keine Herkunft
In Facebook-Gruppen, die gegen den Anschluss an die EUdSSR kämpfen, applaudiert man Macron und Giorgia Meloni für den Knüppel und hält die Täter für Einwandererkinder. Wie viele der Franzosen aus der Note Eltern aus Algerien, Marokko oder Tunesien haben, verschweigt das Papier, denn Frankreich erfasst die Herkunft gar nicht. Bekannt ist nur die Grundgesamtheit: 1,4 Millionen der unter 25-jährigen Kinder von Einwanderern stammen laut Insee aus dem Maghreb, kein Herkunftsgebiet hat einen jüngeren Nachwuchs. Wer «70 Prozent Franzosen» als Entwarnung sendet, verschweigt, dass ein Pass nichts über die Herkunft sagt. Die Akte widerlegt die Patrioten also nicht. Sie macht die Frage bloss unbeantwortbar. Meloni schickte derweil zusätzliche Soldaten in die Städte und spottete, die Linke fürchte sich mehr vor dem Militär als vor Gewalttätern. Bilanz in Italien: 371 Festgehaltene, darunter 110 Minderjährige. Wer dafür klatscht, klatscht für den Apparat, den er zuhause bekämpft.
Sperrholz-Republik
Wo Banken stehen, steht nach jedem Samstag Holz. Der Bankenverband zählte über 200 beschädigte Filialen, Händler in Paris verstärken ihre Rollläden Woche für Woche. «Wir haben einen Metallrollladen und zusätzlich Sperrholz», sagt ein Pariser Filialleiter gegenüber Euronews. Am Abend des 24. Oktober filmte ein Nutzer auf X einen vernagelten Geldautomaten in Paris. Das Bargeld stirbt trotzdem nicht an der Demo, sondern am Geschäftsmodell. LCL schliesst 60 bis 90 seiner Filialen, die Société Générale 101 allein in diesem Jahr und verbucht im selben Quartal einen Rekordgewinn von 1,89 Milliarden Euro. Die Endstation heisst programmierbares Geld.
Vermummte hinter der Polizeikette
Augenzeugen berichten von Plünderern, die nach eingeschlagenen Schaufenstern hinter Polizeiketten Deckung fanden. Videos davon kursierten überall im Internet, auf X ebenso wie auf Facebook, wo ein Brüsseler am 9. Oktober Schwarzgekleidete filmte, die eine Polizeiabsperrung ungehindert passierten. Belegt ist, was nicht einmal die Behörden wegreden können. In Metz zeigt ein Video Zivilpolizisten, die im Passage Blondel eine Handgranate werfen. Am 24. Oktober griffen ultrarechte Trupps, die angeblich Läden beschützten, in rund 15 Städten Demonstrationszüge an und zogen sich in Nancy und Montpellier hinter Gendarmen und CRS zurück. Das Innenministerium räumt ein, diese Schläger seien «nicht systematisch festgenommen» worden. Innenminister Laurent Nuñez bestreitet jeden Schutz. In Rouen ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen schwerer Gewalt gegen Vermummte, die «Rouen nationaliste» skandierten. Eine Französin hielt Nuñez auf X entgegen, es gebe «trop de vidéos pour qu’elles soient fausses», zu viele Videos, um gefälscht zu sein.
Celle, Montebello, Washington
Wer jetzt Verschwörungstheorie ruft, sollte die Akten kennen. 1978 liess der niedersächsische Verfassungsschutz ein Loch in die Mauer der JVA Celle sprengen und hängte es der RAF an. Ministerpräsident Ernst Albrecht: «Der Zweck heiligt die Mittel». 2003 scheiterte das NPD-Verbot an V-Leuten des Verfassungsschutzes bis in die Parteiführung. 2007 bestritt die Polizei von Québec erst und gab dann zu, dass drei ihrer Beamten vermummt unter den Demonstranten von Montebello standen, einer davon mit einem Stein in der Hand. Am 6. Januar 2021 waren 26 Informanten des FBI in Washington, vier davon im Kapitol. Das Dementi gehört zum Verfahren. Es kommt immer zuerst.
Brüssel schreibt, Paris streicht
Bleibt die Frage, wofür die Leute eigentlich auf der Strasse stehen. Für bezahlbares Leben, für Löhne, für Schulen. Die Lehrer verlieren im Haushalt 2027 1588 Stellen, nach 4000 im Vorjahr, mit Verweis auf 180’000 Schüler weniger. Das Ministerium verkauft das als Grosszügigkeit: Die volle Anpassung an die Demografie hätte über 9600 Stellen gekostet und das Budget wächst nominal um 1,2 Milliarden Euro. Wer den Rahmen dafür setzt, steht auf keinem Transparent. Frankreich steckt im Defizitverfahren der EU. Der Rat hat Paris den Pfad schwarz auf weiss vorgegeben: Die Nettoausgaben dürfen 2027 höchstens um 1,2 Prozent wachsen, das übermässige Defizit muss bis 2029 verschwinden. Die Regierung setzt um, die Gewerkschaften schimpfen auf die Regierung und Brüssel vergibt als unsichtbarer Lehrer die Noten. Seit 2017 ist der Bildungsetat laut Ministerium um 15,2 Milliarden Euro gewachsen, gestrichen wird trotzdem, weil der Pfad aus Brüssel jede zusätzliche Stelle zur Verhandlungssache macht. Dass das kaum jemand ausspricht, ist keine Nachlässigkeit. Es ist Arbeitsteilung.
Sanktionen an der Zapfsäule
Diesel kostet in der EU im Schnitt 2,146 Euro pro Liter, in den USA 1,500. Einen grossen Teil kassiert der Staat, Steuern machen in der EU 40 bis 60 Prozent des Preises aus. Den Rest treiben die Sanktionen gegen Russland: Seit dem Embargo vom Februar 2023 kauft Europa seinen Diesel auf Umwegen in Indien, im Nahen Osten und in den USA. Die Raffineriemarge lag 2021 bei knapp 8 Dollar je Fass, ein Jahr nach dem Embargo bei rund 30, die Tankerraten haben sich verfünffacht. Beim Gas ist das Bild noch klarer. Im Mai 2020 kostete eine Einheit Gas in Europa 1,58 Dollar, am 23. Oktober 2026 30,80 Dollar. In den USA kostete sie am selben Tag 2,60 Dollar, in Asien 31 Dollar. Europa zahlt heute den Preis von Japan und Korea, die ihr Gas per Schiff über die Ozeane holen müssen, weil es die günstige Pipeline aus Russland selbst gekappt hat. Ab 2027 ist russisches Gas ganz verboten. Die jüngsten Ausschläge nach oben liefern der Krieg im Nahen Osten und Pannen auf norwegischen Gasfeldern, die Fallhöhe hat Brüssel gebaut. Brüssel bestraft Moskau und schickt die Rechnung an die Zapfsäule in Lyon, wo die Benzinwut längst brennt. Bezahlt wird doppelt, an der Säule und für das Wettrüsten gegen Russland.
Ministerium für Sperrholz und Schweigen
Wie viele Wahrheitsministerien gibt es also? In Paris eines, das Demonstranten kleinrechnet. Daneben eines, das Täter erfindet. In Brüssel eines, das Haushalte schreibt und dabei nie genannt werden will. Für den 31. Oktober ist der dritte Aufmarsch angesagt, für den 5. November der Generalstreik. Die Bretter vor den Banken kommen am Dienstag wieder weg. Die Vermummten verschwinden hinter der Kette. Der Haushalt aus Brüssel bleibt, bis der nächste Samstag brennt!












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