Am Samstag haben in Marseille Tausende die Türen des Rathauses aufgedrückt, die Marianne-Büste vom Sockel geholt und danach die Wache der Stadtpolizei angegriffen. In Limoges brannte das 143 Jahre alte Rathaus bis zum Dacheinsturz, in Lyon das Tourismusbüro, in Paris wurde der Sitz von CNews angegriffen. Rund 400 Festnahmen, 60 verletzte Polizisten. Und unter welchem Etikett läuft das bei ZDF, Tagesschau und dem Rest der Hofberichterstattung? «Schülerproteste». Als hätten Fünfzehnjährige mit Schulranzen die Juweliere am Vieux-Port leergeräumt und dazu die Marseillaise angestimmt. Wer am Samstag Chanel und Longchamp ausräumte, wollte keinen Mathelehrer. Er wollte, was in den Vitrinen lag – und ein Stück Bürgerkrieg zum Mitnehmen. Das war kein Schülerprotest. Das war die Generalprobe eines Bürgerkriegs, getragen von der Vorstadtjugend, gedeckt von der Linken und von den Sendern so zurechtgeschnitten, dass er noch ins Programm passt.

Schülerproteste: Plünderer im Stundenplan, Schüler im Sendeplan, Bürgerkrieg im Pausenhof

Bilanz eines Samstags: Marianne am Boden, Chanel leer

Der Tag begann mit einem Ruf, der nichts mit Klassenzimmern zu tun hat: «Auf zur Bastille», meldete AFP aus Paris, dazu brennende Barrikaden und bis 15 Uhr bereits mehr als 270 Festnahmen. Vor dem CNews-Sitz griffen Vermummte das Gebäude an, 21 von ihnen landeten in Handschellen. In Lyon behinderten die Angreifer die Feuerwehr, während das Tourismusbüro abbrannte. In Lille ging es ans Rathaus. In Marseille zählte der Präfekt «zwischen 7000 und 8000 Plünderer, keine Demonstranten», die Mauboussin, Chanel, Longchamp und JD Sport leerten und das Einkaufszentrum Centre Bourse gleich mit. In Limoges drangen gegen 18 Uhr rund 50 Leute ins Rathaus, eine Viertelstunde später brannte es, draussen sang der Zug die Marseillaise, vier Polizeiautos wurden zerlegt. Macron hatte schon am Freitag aus Brüssel zu «Ruhe und Respekt» aufgerufen. Die Wirkung seines Appells liegt als Asche in Limoges. Die Gewerkschaft meldet 800’000 Teilnehmer, das Innenministerium 550’000. Auf die Zahl der Plünderer darunter hat sich keine der beiden Seiten festgelegt.

Schülerproteste: Plünderer im Stundenplan, Schüler im Sendeplan, Bürgerkrieg im Pausenhof

Das Etikett «Schülerprotest»: Wer es klebt, lügt mit Absicht

Das ZDF führt die Bilder vom Samstag unter dem Dossiertitel «Schülerproteste». Die Vorgeschichte liefert den Vorwand: Anfang Oktober blockierten Gymnasiasten in den nördlichen Pariser Vororten ihre Schulen, wegen Lehrermangels und maroder Gebäude, eine Schülerin erzählte von sechs Monaten ohne Lehrer. Soweit die Kulisse. Schon in der ersten Woche zählte die Polizei über 5000 Festnahmen, 85 Prozent davon Minderjährige und die Richtergewerkschaft Syndicat de la magistrature verteidigte sie als «jeunes racisés» aus den Volksquartieren, also als farbige Jugend aus den Vorstädten. Man lese das zweimal: Die linke Richterlobby benennt selbst, wer da auf der Strasse steht, sie findet es bloss gut. Am Samstag war die Kulisse dann weg. Premierminister Lecornu sprach von «ultralinken Gruppen» und Delinquenten, «um zu plündern und zu zerstören», Bardella von einer «Konvergenz von ultralinkem Terrorismus und delinquenten Banlieue-Bevölkerungen». Innenminister Nuñez selbst sagte am Samstagabend auf BFM TV, «la très grande majorité des interpellés sont des majeurs», die grosse Mehrheit der Festgenommenen sei volljährig. Der Präfekt zählt Plünderer, die Regierung zählt Delinquenten, die Richter zählen Vorstadtjugend – und die deutschen Redaktionen zählen Schüler. Wer weiss, wer den «Schülerprotest» gekauft hat, weiss auch, warum das Etikett so sorgfältig gepflegt wird. Es ist Tarnfarbe für eine Republik, die ihre Werte seit Jahren mit Benzin löscht.

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Wer plündert? Der Staat weiss es nicht – mit Absicht

Amtliche Herkunftszahlen zu den Festgenommenen vom Samstag gibt es keine und es wird sie nicht geben, denn Frankreich zählt keine Herkunft. Was es gibt, ist der Präzedenzfall 2023. Nach den Nahel-Krawallen liess das Justizministerium 395 verurteilte Erwachsene untersuchen: 91 Prozent Männer, 73 Prozent unter 25. Und 78 Prozent französische Staatsangehörigkeit. Das Ministerium verkaufte das als Beweis gegen die «irrige» These vom Migrationshintergrund. Rechnen wir nach: 22 Prozent Ausländer unter den Verurteilten bei einem Ausländeranteil von 8,8 Prozent an der Bevölkerung, also zweieinhalbfach überrepräsentiert – und das zählt nur den Pass. Genau deshalb ist das Wort «Schüler» eine Behauptung, die mehr weiss als der Staat. Dass die Republik auf den Bürgerkrieg zusteuert, stand auf diesem Blog lange vor dem Samstag. Dass sie ihn nicht zählen will, ist kein Versehen: Ein Amt, das die Herkunft seiner Plünderer erfasst, liefert die Anklage gegen seine eigene Einwanderungspolitik gleich mit. Also zählt es nicht und wer trotzdem zählt, bekommt von Mélenchon einen «arrière-goût raciste évident» attestiert. Eine Marianne, die vom Sockel fliegt, während der Zug die Marseillaise singt, ist kein Schulstreik. Das ist der Moment, in dem die importierte Parallelgesellschaft die Symbole des Gastgebers abräumt und der Gastgeber dazu applaudiert.

Schülerproteste: Plünderer im Stundenplan, Schüler im Sendeplan, Bürgerkrieg im Pausenhof

Die Linke hält die Leiter: LFI an der Barrikade

Dass die Gewalt politisch gedeckt wird, ist keine These, es ist Aktenlage. Am 29. September stellte sich Bally Bagayoko, LFI-Bürgermeister von Saint-Denis, vor ein blockiertes Gymnasium und erklärte, «la violence peut être légitime», Gewalt könne legitim sein. Der Polizeipräfekt meldete ihn nach Artikel 40 der Strafprozessordnung der Staatsanwaltschaft Bobigny, Vorwurf Aufstachelung zu einer Straftat, dazu ein Video neben einer brennenden Mülltonne. Zwei Tage später, nach 1949 Festnahmen und 305 verletzten Einsatzkräften an einem einzigen Tag, nannte Matignon die Bewegung eine «manœuvre organisée par LFI et ses proxys de l’ultragauche», ein organisiertes Manöver von LFI und ihren Hilfstruppen der Ultralinken. Am 5. Oktober fragte Nuñez die LFI-Fraktion in der Nationalversammlung, wann sie Rechenschaft darüber ablege, dass ihre Abgeordneten an die Schulblockaden gehen, um zu Gewalt anzustiften. Panot, Léaument und Boyard standen laut übereinstimmenden Berichten vor Ort, der Sprecher der Schülergewerkschaft kandidierte auf einer LFI-Liste. Und Mélenchon? Der beklagte am Samstag auf X eine Polizeistrategie, deren Ziel die Konfrontation sei und Nachrichtensender, die das Land mit Gewaltbildern überschwemmten. Nicht die Plünderer stören ihn, die Kameras stören ihn. Le Pen nannte das eine Geiselnahme durch die extreme Linke, deren Abgeordnete Gewalt legitimierten. Für einmal hat sie das Protokoll auf ihrer Seite.

Schülerproteste: Plünderer im Stundenplan, Schüler im Sendeplan, Bürgerkrieg im Pausenhof

Der Schnitt: Was das ZDF seinen Zuschauern erspart

Dasselbe ZDF, das die Krawalle unter «Schülerproteste» ablegt, erklärt am Samstagabend in einem eigenen Stück, worum es bei den Protesten geht: Teure Energie, niedrige Löhne, Dürresommer, marode Schulen, Klimaschutz, dazu eine Ökonomin mit dem Satz vom «Verteilungskonflikt». Die Gewalttäter heissen dort «Randalierer». Die Wörter Plünderung, Ultralinke, Banlieue und Migrationshintergrund kommen im ganzen Text nicht vor, obwohl der Präfekt von Marseille am selben Tag Plünderer zählte und das Innenministerium eine «sehr starke Mobilisierung der ultralinken Szene» meldete, was sogar die dpa druckte. Das ist kein Versehen, das ist Schnitt: Die Anklage der Regierung gegen LFI, die Anzeige gegen Bagayoko, die Konvergenz von Ultralinken und Vorstadt-Delinquenten, alles Material, das in Paris seit drei Wochen auf jedem Sender läuft, fehlt im deutschen Erklärstück vollständig. Übrig bleibt die Erzählung vom Sparkurs und den armen Schülern. Die passt ins deutsche Programm: Sozialabbau böse, Protest gut, Täter unbekannt. In Frankreich läuft die Klage spiegelverkehrt: Mélenchon findet, die Sender zeigten zu viel Gewalt, die linke Medienkritik von Acrimed wirft France 2 und Le Monde vor, das «LFI-Komplott» zu pflegen. Wenn die französische Linke den Sendern zu viel Wahrheit vorwirft und die deutschen Sender gleichzeitig zu wenig liefern, weiss man, wo die Schere angesetzt wird.

Dreissig Prozent Sozialstaat reichen der Strasse nicht

Der offizielle Anlass heisst «vie chère», Lebenshaltungskosten, dazu ein Sparhaushalt mit Bildungskürzungen. Frankreich gibt laut OECD über 30 Prozent seiner Wirtschaftsleistung für Soziales aus, Spitzengruppe mit Österreich und Finnland. Auf der Strasse steht die Forderung nach mehr. Was die Republik dagegenhält, ist Papier: Lecornu verspricht ein Gesetz, nach dem der Randalierer zahlt, Bardella will den Familien der Plünderer die Beihilfen streichen, Innenminister Retailleau kündigt die «unerbittliche Kraft des Staates» an. Ein Land, in dem der Steuerzahler fast jeden dritten Euro für Soziales abliefert und dafür ein brennendes Rathaus zurückbekommt, hat kein Finanzierungsproblem. Es hat ein Erziehungsproblem – nicht in den Klassenzimmern, sondern in der Vorstellung, man könne Gleichschritt-Sozialismus und importierten Kontrollverlust gleichzeitig durchfüttern. Wer mit 15 lieber Juweliere ausräumt als Vokabeln lernt, dem hilft kein Beschulungszwang. Dem hilft ein Richter, ein Rückflug, wo der Pass es erlaubt und ein gesperrtes Kindergeld, wo nicht.

Grabinschrift für ein Etikett

Die Umfragen führt Le Pen, gewählt wird im Mai 2027 und bis dahin brennt das Land im Takt der Sparrunden weiter. Marianne liegt in Marseille am Boden, Limoges hat kein Rathausdach mehr und der fehlende Mathelehrer bleibt ein Versprechen aus Lecornus Mund. Die Plünderer haben bekommen, was sie wollten, LFI hat ihre Strasse, das ZDF hat seine Schüler, der Staat zählt niemanden. Frankreich hat am Samstag nicht gestreikt, es hat geprobt. Und das ZDF schreibt weiter «Schülerproteste» über die Trümmer, so wie man «Jugendsünde» über einen Brandanschlag schreibt!

Schülerproteste: Plünderer im Stundenplan, Schüler im Sendeplan, Bürgerkrieg im Pausenhof
Schülerproteste: Plünderer im Stundenplan, Schüler im Sendeplan, Bürgerkrieg im Pausenhof

Transparenzhinweis: Illustrationen wurden digital erstellt und dienen der Veranschaulichung. Der Beitrag wurde redaktionell geprüft und verantwortet.

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