Deutschland hat wieder einen Klerus. Er trägt keine Soutane, sondern Umhängeband, predigt nicht von der Kanzel, sondern aus dem Funkhaus und verkauft keinen Ablass, sondern Abgaben auf den eigenen Atem. Seine Mission ist so alt wie die Ständegesellschaft: Die Masse, die den Wohlstand erwirtschaftet, soll gehorchen, zahlen und sich erziehen lassen. Wer widerspricht, ist Ketzer. Wer wählt, wie er will, landet hinter der Brandmauer. Vier von zehn Journalisten stehen den Grünen nahe, kein einziger der AfD, die in Sachsen-Anhalt soeben 43,8 Prozent holte. Deutlicher kann ein Klerus nicht zeigen, wie weit er vom eigenen Kirchenvolk entfernt predigt. Das Gewand ist grün, das Gesangbuch singen längst alle Altparteien mit, die CDU seit Merkel inklusive. Woke nennt sich dieser Chor, aufgewacht ist darin keiner. Es ist sozialistischer Konformismus mit Regenbogenstola.
Betende, Kämpfende, Zahlende
Um das Jahr 1020 sortierte Bischof Adalbero von Laon die Christenheit in drei Ordnungen – die einen beten, die anderen kämpfen, der Rest arbeitet und hält den Mund. Platon hatte lange vorher begründet, warum nur herrschen darf, wer das Gute geschaut hat und Georges Dumézil fand dieselbe Dreiteilung schon im Götterhimmel der Indoeuropäer. 1789 sassen Klerus, Adel und Dritter Stand noch brav getrennt in den Generalständen, bis die grosse Mehrheit sich im Juni zur Nationalversammlung erklärte. Die Ordnung war tot. Dieses Mal ist sie zurück, frisch gestrichen in Grün. Der erste Stand heisst nicht mehr Kirche. Er heisst Haltung.
Die Kanzel steht im Funkhaus
Die neue Priesterschaft weiht sich dort, wo geschrieben und gesendet wird. Die Langzeitstudie der TU Dortmund fragte 2024 genau 525 Journalisten nach ihrer Parteineigung: 41 Prozent nennen die Grünen, 16 Prozent die SPD, 6 die Linke, die CDU dümpelt bei 8 und die AfD liegt bei null. Vier von zehn Befragten arbeiten öffentlich-rechtlich, also auf Kosten der Gemeinde, die sie belehren. Zählt man SPD und Linke dazu, stehen 63 Prozent links der Mitte. Kein Priester wählt den Ketzer, das wäre ja Häresie im Beichtstuhl.
Seit dem 29. November 1970 läuft der «Tatort» und längst ist der Sonntagskrimi die Abendmesse, in der vor dem Abspann die Moral verlesen wird.
Ein Gesangbuch, viele Parteibücher
Dass die Union in dieser Kirche nur noch Ministranten stellt, hat Angela Merkel vorexerziert. Am 30. Juni 2011 beschloss der Bundestag unter ihrer Regierung den Atomausstieg mit 513 Ja-Stimmen, sechs Jahre später gab sie die Ehe für alle als «Gewissensentscheidung» frei. Friedrich Merz vollendete das Werk noch vor seiner Kanzlerwahl: CDU/CSU, SPD und Grüne schrieben im März 2025 ein Sondervermögen von 500 Milliarden Euro ins Grundgesetz, ausdrücklich auch für die Klimaneutralität bis 2045 und mit 100 Milliarden für den Klima- und Transformationsfonds. Das Ergebnis am 18. März lautete erneut 513 Ja-Stimmen. Vierzehn Jahre, zwei Regierungschefs, dieselbe Zahl. Ein Programm, eine Liturgie, verschiedene Parteibücher.
Seminare, Sakristeien und die Kollekte
Die Seminare sind ebenso fest in der Hand. Fast 5000 Schulen tragen das Etikett «Schule ohne Rassismus», an den Hochschulen fühlen sich laut Allensbach 40 Prozent der Hochschullehrer in der Lehre von politischer Korrektheit eingeschränkt und die katholischen Bischöfe erklärten am 22. Februar 2024 einstimmig, die AfD sei für Christen nicht wählbar. Für Karlsruhe schlug die SPD 2025 eine Juristin vor, die mit Positionen zu Impfpflicht und Abtreibung auffiel. Erst der Widerstand aus der Unionsfraktion liess die Wahl platzen.
Die Laienbrüder wiederum sitzen in Vereinen, die das Bundesprogramm «Demokratie leben!» 2026 mit rund 187 Millionen Euro alimentiert. Die EU legte nach Zählung des Europäischen Rechnungshofs von 2021 bis 2023 7,4 Milliarden Euro für mehr als 12’000 NGOs aus, teils sogar für deren laufenden Betrieb. Einen verlässlichen Überblick über diese Geldflüsse gibt es laut den Prüfern nicht. Als die Union im Februar 2025 mit 551 Fragen nach der Staatsfinanzierung einzelner Vereine bohrte, verwies die Regierung auf die Zuständigkeit der Länder, ihre Neutralitätspflicht und zu hohen Rechercheaufwand. Der Beichtvater verrät nicht, wer die Kollekte füllt. Missionsarbeit auf Rechnung der Missionierten, Seelenheil inklusive Steuerbescheid.
Sünde, Ablass und der neue Zehnt
Jede Theokratie benötigt eine Sünde, die jeder begeht und eine Apokalypse, die nur der Klerus abwenden kann. Das Klima liefert beides im Paket. Gesündigt wird mit Heizung, Auto und Schnitzel, gebüsst wird per Abgabe und Verbot. Wenn der Papst inzwischen einen Eisblock segnet, weiss keiner mehr, wo die alte Kirche aufhört und die neue anfängt.
Der Zehnt heisst heute Vorschrift. Bürokratie kostet Deutschland laut einer ifo-Studie für die IHK München bis zu 146 Milliarden Euro Wirtschaftsleistung im Jahr. Das Resultat lässt sich beim Statistischen Bundesamt besichtigen: Nach den Rezessionsjahren 2023 und 2024 und mageren 0,2 Prozent Plus im Jahr 2025 steht die reale Wirtschaftsleistung, rechnet man die Jahreswerte zusammen, etwa dort, wo sie 2019 schon stand. Sechs Jahre Stillstand, abgesegnet von oben.
Inquisition mit Strafantrag
Ketzer verbrennt man nicht mehr, man zeigt sie an. Robert Habeck stellte als Minister seit Herbst 2021 laut Bundesregierung 805 Strafanzeigen wegen Beleidigung oder Bedrohung, Annalena Baerbock 513. Eine davon schickte im November 2024 die Polizei zu einem 64-Jährigen im Landkreis Hassberge, der den Minister per Bild als «Schwachkopf» verspottet hatte. Die Bilanz dieses Ministers hätte die Bezeichnung eher gestützt als widerlegt.
Argumente prüft diese Inquisition nicht, sie prüft Gesinnung. Wer widerspricht, ist «rechts» und wer «rechts» ist, dem schuldet niemand eine Antwort. Das ganze Moraltheater lebt davon, dass das Etikett die Debatte ersetzt. Wie schnell es jeden trifft, zeigte der 29. Januar 2025. Kaum hatte die Union einen Antrag zur Migration mit AfD-Stimmen durch den Bundestag gebracht, zogen Tausende gegen den eigenen Kanzlerkandidaten auf die Strasse, allein in Hamburg laut Veranstaltern 80’000, mit Schildern wie «Brandmauer statt Brandstifter». Der Vorwurf lautete nicht «falsch», sondern «mit den Falschen». Die Schablone kennt der Blog aus eigener Anschauung und sie wird vor jeder Wahl neu aufgelegt. Auch die Fahne gehört zur Liturgie. Bärbel Bas liess die Regenbogenflagge 2022 zum CSD auf dem Reichstag hissen, Julia Klöckner verweigerte das 2025 mit Verweis auf die Neutralität der Bundestagsverwaltung. In der Gemeinde der Gerechten riecht so viel Neutralität bereits nach Ketzerei.
Die Märtyrer-Garde
Zwischen Kanzel und Acker benötigt jeder Klerus eine Garde. Heute besteht sie aus Berufsopfern, deren Status der Klerus selbst verleiht und nach Lautstärke vergibt. Der integrierte Muslim, der unauffällige Schwule, der Zuwanderer, der Deutsch lernt und arbeitet, taugen dafür nicht, weil sie nichts fordern. Ausgerechnet der Psychologe Ahmad Mansour, selbst Muslim, warnt, der Kampfbegriff vom «antimuslimischen Rassismus» versetze Islamisten in die Opferrolle und ersticke jede Islamkritik.
Das Gelübde dazu sprach Katrin Göring-Eckardt im November 2015 öffentlich aus: «Unser Land wird sich ändern, und zwar drastisch» – und sie freue sich darauf. Ihr Büro bestätigte den Satz später schriftlich. Gefragt wurde dabei niemand, der die Änderung bezahlt.
Der Dritte Stand zahlt – und wählt
Dem Dritten Stand bleibt die Rolle, die ihm seit Adalbero zugedacht ist. Er zahlt Steuern für tropfende Schuldächer und Strassen voller Löcher, denn der Investitionsrückstand der Kommunen liegt bei 215,7 Milliarden Euro. Nur gehorcht er nicht mehr. Bei der Bundestagswahl 2025 stimmten 38 Prozent der Arbeiter für die AfD und am 6. September 2026 holte sie in Sachsen-Anhalt 43,8 Prozent, bei Arbeitern je nach Institut 52 oder 59 Prozent, bei Selbständigen 44 oder 52 Prozent – und das bei einer Wahlbeteiligung von 77,8 Prozent. Die Grünen landeten bei 8,9 Prozent, während AfD-Mann Ulrich Siegmund vorab schon ein eigenes Heldenlied bekam. Die Brandmauer ist nichts anderes als die Chorschranke, hinter der die Laien zu bleiben haben, während vorne die Geweihten unter sich ausmachen, was gut für alle ist. 1789 erklärte sich der Dritte Stand zur Nation, ohne den Klerus um Erlaubnis zu fragen. Der Weihrauch überdeckt den Geruch kalter Hochöfen längst nicht mehr. 43,8 Prozent gegen 8,9 Prozent ist keine Wahl, sondern eine Exkommunikation in Gegenrichtung. Wer die Priester bezahlt, darf sie auch vom Altar jagen!










«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







