Die alten Mythen kannten das Muster längst: Der Zauberlehrling ruft die Besen, der Rabbi knetet den Golem aus Lehm, Babel mauert gen Himmel. Am Ende gehorcht nichts mehr dem, der es rief. Im Herbst 2026 prügelt ein Mensch im Käfig gegen eine Maschine, Roboter erobern Schützengräben, Frankreichs Jugend zündet Schulen an und der Euro taumelt im Fieber. Wer noch glaubt, irgendwer halte das Steuer, hat die Kommandobrücke nie betreten.
Kolosseum mit Fernbedienung
Am 18. September stieg der Influencer Frankie LaPenna in San Francisco gegen einen humanoiden Roboter mit Terminator-Kopf in den Käfig und ging zu Boden. Der Witz an der Sache: Die Maschine war ferngesteuert. Ein Mensch prügelte also durch Blech auf einen Menschen ein, wer am Ende gewann, ist bis heute umstritten und das Netz johlte wie die Ränge in Rom, als der Daumen nach unten zeigte. Die kalifornische Athletikkommission verschickte prompt eine Unterlassungsaufforderung, nicht aus Sorge um die Seele, sondern weil ohne Lizenz geprügelt wurde. Wer dort ohne Lizenz einen Menschen in den Käfig stellt, riskiert bis zu ein Jahr Haft, die Maschine riskiert nichts. Brot und Spiele, jetzt mit Ladekabel.
In Peking lief der Roboter «Flash» den Halbmarathon in 50 Minuten und 26 Sekunden, schneller als je ein Mensch. Elon Musk verkündet derweil, die Leute würden ihren persönlichen Optimus als eine Art Freund betrachten. Der Golem als Kumpel, der Mensch als Zuschauer seiner eigenen Ablösung.
Der Golem lernt Krieg
Was im Käfig Spektakel ist, ist an der Front Planziffer. Die Ukraine will im ersten Halbjahr 2026 rund 25’000 unbemannte Bodenfahrzeuge beschaffen, Selensky meldete im April erstmals eine feindliche Stellung, die ausschliesslich mit unbemannten Plattformen erobert wurde. Im Juni absolvierten die Bodenroboter knapp 16’700 Versorgungs- und Evakuierungsfahrten, das erklärte Ziel lautet 100 Prozent der Frontlogistik, seit Januar wuchs die Zahl der Fahrten um 122 Prozent. Gewählt wurde Selensky 2019 mit über 73 Prozent, weil er eine Waffenruhe im Donbass als erstes Ziel versprach. Sieben Jahre später verkauft er Roboterbataillone als Fortschritt. Der Soldat schrumpft zum Wartungsfall, der Krieg zur Lieferkette, kein Terminator, kein roter Knopf.
Haltung verkauft, Panzer bestellt
Die Fabriken folgen der Trommel. Das VW-Werk Osnabrück soll künftig Bauteile für Raketenabwehrsysteme des Iron-Dome-Herstellers Rafael fertigen, Mercedes-Chef Ola Källenius erklärt sich zur Rüstung bereit, sofern es sich rechnet. Von heute 1800 Stellen in Osnabrück sollen rund 1200 übrig bleiben, der Rest darf zuschauen, wie die Abwehrrakete das Cabrio ersetzt. Mercedes wäre ohne Rüstung längst pleite, sagt Ernst Wolff im Video. Die Bilanzen geben ihm Futter: Der Konzerngewinn brach 2025 um 49 Prozent auf 5,3 Milliarden Euro ein, im zweiten Quartal 2026 schrumpfte der ausgewiesene Gewinn der Pkw-Sparte von 783 auf 49 Millionen Euro, der China-Absatz fiel um 30 Prozent. Bei VW sackte der Nettogewinn im selben Quartal um ein Drittel ab. Wer dem Kunden jahrelang Haltung statt Auto verkauft, bekommt die Quittung an der Kasse: Das 2021 ausgerufene Ziel, ab 2030 nur noch Elektroautos anzubieten, schrumpfte Mercedes 2024 still auf bis zu 50 Prozent Stromer und Hybride. Das Kerngeschäft bricht weg, also sucht man ein neues und findet das alte. Schon ab 1937 baute Daimler-Benz Flugmotoren und Militär-Lkw, das Volkswagenwerk lieferte statt des versprochenen Volkswagens Kübelwagen, Tellerminen, Panzerfäuste und V1-Zellen, gebaut von rund 20’000 Zwangsarbeitern. Geschichte wiederholt sich nicht, sie bestellt nach. Das Auto stirbt, der Panzer erbt die Werkhalle: Das letzte Konjunkturprogramm der Pleitiers.
Lens, wo die Hand fehlt
In Lens verlor ein 15-jähriger Schüler eine Hand, als eine mit Gummigeschossen gefüllte Polizeigranate explodierte. Ob er sie zurückwerfen wollte, ist ungeklärt. In derselben Woche wurden rund 5000 Menschen festgenommen, 85 Prozent davon minderjährig, zwei Dutzend Schulen schwer beschädigt oder angezündet, ein 16-Jähriger verlor ein Auge, die Polizeiaufsicht ermittelt in fünf Fällen. Auf der Gegenseite zählte das Innenministerium 305 verletzte Polizisten und Gendarmen. Die Schüler klagen über marode Gebäude, überfüllte Klassen und fehlende Lehrer.
Zur selben Stunde legt Premier Sébastien Lecornu einen Haushalt mit rund 54 Milliarden Euro Kürzungen vor, die Renten sollen schwächer an die Teuerung gekoppelt werden. Bei den Lehrern fallen 1588 Planstellen weg, obwohl das Schulbudget um gut eine Milliarde wächst. Mehr Geld, weniger Lehrer, die Pariser Alchemie. Für Kiew mobilisierte Paris bilateral rund 7,6 Milliarden, samt EU-Anteil über 30 Milliarden. Wer die Brandstifter der Republik sucht, findet sie in der Vorstadt und im Ministerium. Die Ränder wachsen: Eine Umfrage sieht Le Pen gegen Mélenchon in der Stichwahl, in Berlin wurde die Linke mit 25,7 Prozent stärkste Kraft. Links gegen Rechts wie einst in Weimar und hinter dem Vorhang zählt jemand die Einnahmen.
Der Euro im Fieber
Der Risikoaufschlag zehnjähriger französischer Anleihen auf deutsche stieg auf rund 146 Basispunkte, der stärkste Wochenanstieg seit 17 Jahren, der Euro fiel auf 1,116 Dollar, das Tief seit 17 Monaten. Die Rendite kletterte zeitweise auf 4,917 Prozent, Spanien zahlt trotz Neuwahlen nicht einmal halb so viel Aufschlag und Analysten sehen die Ansteckung bereits auf Italien und Belgien übergreifen. Frankreich schuldet 3596 Milliarden Euro, rund 119 Prozent seiner Wirtschaftsleistung. Italien steht laut Prognose bei 138,5 Prozent, Deutschland bei 65,8 Prozent. Wer sich weiter verschuldet, zahlt höhere Zinsen und verschuldet sich deshalb weiter, die Schlange frisst ihren Schwanz. Dass eine hohe Quote allein keinen Staat umbringt, zeigt Griechenland, das 2018 bei 181,1 Prozent stand und nicht unterging. Wolff segelte jüngst an Griechenlands Küsten und berichtet von Häfen und Kleinstädten, in denen Armut und Arbeitslosigkeit um sich gegriffen hätten, vieles, was berichtet werde, stimme mit der Wirklichkeit nicht überein. Der Staat überlebt, der Mensch bezahlt. Das EZB-Notfallinstrument von 2022 wurde nie eingesetzt, Christine Lagarde beschwört, die Lage sei nicht mit 2011 vergleichbar. Das sagen Kapitäne gern, solange die Kapelle noch spielt.
Die Schlüssel wechseln den Besitzer
China schloss 2025 über 670 Banken, vorwiegend auf dem Land, in den USA bleiben 4238 versicherte Institute. Russland verpflichtet seit dem 1. September seine zwölf systemrelevanten Banken, den digitalen Rubel anzubieten. Ost und West feilen am selben programmierbaren Käfig. Deutschland zählt 529 Rechenzentren, weltweit Platz zwei, jedes davon ein Säufer am Wasserhahn der Städte, Brüssel verlangt zehn Prozent Wassereinsparung samt «vernünftiger Wasserpreispolitik». Trump droht dem Iran, er werde «sehr hart» getroffen, während die USA im September nur 29’000 neue Stellen schufen. Musk will die Rechenzentren gleich in den Orbit schiessen, das Problem wird nicht gelöst, sondern über die Wolken gehoben.
Brot aus der programmierbaren Schüssel
Bis zu den Zwischenwahlen am 3. November wird der Deckel festgehalten. Danach, so Wolffs Lesart, kommt die Krise, die das programmierbare Geld als Erlösung verkauft. Das Trostpflaster liegt schon bereit: Wolff erwartet, dass das Grundeinkommen bald immer wieder auf die Tagesordnung kommt. Musk verspricht bereits ein universelles hohes Einkommen gegen die Arbeitslosigkeit, die KI und Roboter erzeugen. Erst nimmt dir der Golem die Stelle, dann füttert dich sein Erbauer aus der programmierbaren Schüssel.
Der Golem gehorcht dem Wort auf seiner Stirn. Löscht man den ersten Buchstaben, zerfällt er zu Lehm. Doch niemand weiss mehr, wer das Wort geschrieben hat. Das Schicksal ist alles und es hat die Fernbedienung längst aus der Hand gelegt…










«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







