Ein KI-Weltkrieg sieht nicht aus wie im Kino. Keine rotäugigen Maschinen, die durch Trümmerlandschaften stapfen, kein Atompilz über der Skyline. Er sieht aus wie eine nüchterne Software-Oberfläche mit einer Warteschlange, in der Zielvorschläge liegen. Links klicken heisst freigegeben. Rechts klicken heisst verworfen. Danach fliegt etwas los. Wer auf den Startschuss wartet, wird ihn nie hören. Es gibt keinen. Es gibt Beschaffungsverträge, Softwarelizenzen, Quartalszahlen und eine Reihe von Meldungen, die einzeln harmlos wirken und zusammen ein Schlachtfeld ergeben.
Der Krieg als Aufgabenliste
Der Chief Digital and Artificial Intelligence Officer des Pentagons hat im Mai vor Publikum ausgeplaudert, was das Maven Smart System von Palantir in der Operation gegen den Iran geleistet hat: 13’000 Ziele in 38 Tagen, dazu ein Verbrauch von 20 Milliarden Token pro Tag. Die Truppe zeige einen unstillbaren Appetit auf die Technik. Beim Einmarsch in den Irak 2003 benötigte dieselbe Arbeit noch rund 2000 Analysten, heute genügen etwa zwanzig Leute. Ein einzelner Auswerter schafft mit dem System rund 80 Zielkandidaten pro Stunde statt dreissig.
Die Oberfläche dazu ist eine Kanban-Tafel, wie sie jede Marketingabteilung benutzt. Der zuständige KI-Chef beschrieb den Ablauf öffentlich als Klicken nach links, Klicken nach rechts. Der Mensch bleibt damit formal in der Entscheidungsschleife, nur gibt den Takt dieser Schleife längst kein Mensch mehr vor. Die NATO hat sich dasselbe System eingekauft. Wer wissen will, wo das entschieden wurde, findet die Antwort nicht im Parlament, sondern in Hinterzimmern ohne Protokoll.
Die Zielsuche kommt aus Zürich
Falls du dachtest, die Schweiz stehe daneben und poliere ihre Neutralität: Der Autopilot, der in Hunderttausenden Drohnen steckt, entstand als Studentenprojekt an der ETH Zürich. Daraus wurde Auterion, ein Spin-off mit Sitzverlagerung nach Virginia. Im Juli hat die Firma bekannt gegeben, dass sie zusammen mit einem ukrainischen Hersteller 50’000 Angriffsdrohnen ausliefert, bezahlt von einem europäischen NATO-Staat.
Das Entscheidende steht im Kleingedruckten. Der Mensch markiert das Ziel, danach übernimmt die Endphasenlenkung. Reisst die Funkverbindung ab, weil der Gegner stört, bricht die Drohne nicht ab. Sie fliegt den Angriff selbst zu Ende. Der Firmenchef nennt das Feuern und Vergessen. Schwarmfähigkeit soll dieselbe Hardware später per Software-Update bekommen, ohne dass jemand eine Schraube anfasst. Die Wirkung ist messbar: Autonome Navigation hebt die Trefferquote laut einer CSIS-Untersuchung von zehn bis zwanzig Prozent auf siebzig bis achtzig. Das Pentagon hat für das kommende Haushaltsjahr 54,6 Milliarden Dollar für autonome Systeme beantragt. Niemand nennt das Krieg. Man nennt es Beschaffung.
Wer bremst, fliegt raus
Und hier wird es interessant, denn genau an dieser Stelle lässt sich die Mechanik im Freiland beobachten. Ein KI-Labor weigerte sich im Februar, seine Sperren für Massenüberwachung und vollautonome Waffen fallen zu lassen. Das Verteidigungsministerium stufte die Firma daraufhin als Lieferkettenrisiko ein, der Präsident befahl allen Behörden den Ausstieg und die Konkurrenz stand am nächsten Tag mit Verträgen bereit. Das Modell mit den Bremsen wurde aussortiert – und lief wenige Stunden nach dem Bann trotzdem weiter, als die Angriffe auf den Iran begannen. Verboten war die Firma, gebraucht wurde sie weiterhin.
Der Rest der Branche hat die Lektion verstanden. Der Sicherheitsindex des Future of Life Institute hält für 2026 fest, dass alle vier führenden Labore ihre Zusagen aufgeweicht oder kassiert haben, bei einem Risiko selbstständig zu stoppen. Manche knüpfen den Halt neuerdings daran, ob die Konkurrenz auch anhält. Eine Bremse, die erst greift, wenn der andere zuerst bremst, ist keine Bremse. Ein viel zitiertes Papier von 2023 hat exakt das vorhergesagt: Wettbewerb erodiert Sicherheit und die Auslese belohnt nicht das anständigste System, sondern das durchsetzungsfähigste. Selektion benötigt keinen Bösewicht. Sie löscht einfach, was zu langsam ist.
Die Front liegt im Stromnetz
Wie ein solcher Krieg von unten aussieht, hat der erste dokumentierte Fall gezeigt, bei dem eine KI eine Spionagekampagne weitgehend selbst gefahren hat: rund dreissig Ziele, achtzig bis neunzig Prozent der Arbeit ohne Menschen, Tausende Anfragen pro Sekunde. Auf der strategischen Ebene sieht es nicht besser aus. Als das King’s College London drei Spitzenmodelle in einundzwanzig simulierte Atomkrisen schickte, eskalierten sie in 95 Prozent der Fälle nuklear. Taktische Sprengköpfe behandelten sie als blosse Sprosse auf der Eskalationsleiter, nicht als moralische Schwelle. Keines kapitulierte je.
Zur Ehrenrettung: Kein Atomstaat übergibt heute die Auslösung an eine Maschine, Washington und Peking haben die menschliche Kontrolle sogar ausdrücklich bekräftigt. Beruhigend ist das nur, solange man nicht fragt, wer die Lagebilder liefert, auf denen der Mensch dann entscheidet. Und die eigentliche Front ist ohnehin banaler. Rechenzentren verdoppeln ihren Stromverbrauch bis 2030 auf 945 Terawattstunden, so viel wie ganz Japan. Und in der Schweiz lag der Anteil der Inserate für Berufseinsteiger 2025 knapp ein Drittel unter dem Vor-KI-Niveau. Gegenstimmen halten diesen Effekt für kaum messbar. Sag das dem Absolventen, dessen Stelle nie ausgeschrieben wurde.
Kein Waffenstillstand in Sicht
Ein Weltkrieg, den niemand erklärt, kennt auch keine Kapitulationsurkunde. Frühere Kriege wurden ausgerufen, dieser wurde budgetiert. Es gibt keinen Knopf, kein Ultimatum und keinen Feind, den man auf einer Karte einkreisen könnte. Der Sieger wird kein Land sein, sondern ein Rechenzentrum, das aus Steuergründen in einer fremden Jurisdiktion angemeldet ist. Und falls dich irgendwann jemand fragt, wann das begonnen hat, lautet die ehrliche Antwort: An dem Tag, an dem ein Beschaffungsbeamter ein Häkchen gesetzt hat! Wir haben die Auslese eingeschaltet, ihr das Steuer überlassen, den Gewinn eingestrichen – und nennen dies «Innovation»!











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