Vergiss schwarze Helikopter, rauchige Hinterzimmer und Geheimbünde mit Kapuzen. Die Neue Weltordnung des Jahres 2026 kommt als Software-Lizenz mit Wartungsvertrag, sie heisst Palantir und sie wird nicht im Verborgenen errichtet, sondern per Pressemitteilung gefeiert.
Eine einzige Firma sitzt heute gleichzeitig in den Datenbanken der US-Steuerbehörde, in der Abschiebemaschinerie der Einwanderungspolizei, im Gefechtsstand der NATO und in den Serverräumen des Pentagon – und ihr Chef erklärt vor laufender Kamera, seine Mission bestehe darin, Feinde zu erschrecken und sie gelegentlich zu töten. Wer so etwas früher behauptete, bekam den Aluhut verpasst. Heute steht es in den Quartalsberichten.
Der Seherstein, der seinen Meister frisst
Die Ironie liefert die Firma gleich selbst mit. Ein Palantír ist bei Tolkien jener Seherstein, der seinem Benutzer die ganze Welt zeigt – und den Sauron benutzt, um jeden zu korrumpieren, der hineinblickt. Saruman zerbrach daran, Denethor verbrannte sich daran. Genau nach diesem Artefakt benannten Peter Thiel und Alex Karp im Jahr 2003 ihre Datenfirma, angeschoben mit Startkapital aus In-Q-Tel, dem Wagniskapitalarm der CIA. Man muss der Truppe zugutehalten: Subtilität war nie ihr Laster. Sie haben das Werkzeug der totalen Überwachung nach dem Werkzeug der totalen Korruption benannt und der Westen hat applaudiert, investiert und den Börsenwert auf über 300 Milliarden Dollar getrieben.
Eine Datenbank, sie alle zu knechten
Im März 2025 unterschrieb Donald Trump eine Executive Order mit dem putzigen Titel «Eliminating Information Silos» – Informationssilos beseitigen. Klingt nach Aktenordner-Hygiene, bedeutet aber: Alle Bundesbehörden sollen ihre Daten zusammenwerfen. Steuerakten, Sozialversicherung, Gesundheitsdaten, Einwanderungsregister – ein Topf, ein Zugriff. Und wer rührt in diesem Topf? Die New York Times berichtete, die Regierung habe Palantir damit beauftragt, eine zentrale, durchsuchbare Datenbank über die Amerikaner aufzubauen. Palantir dementierte empört per Blogpost und X (früher Twitter). Dieselbe Firma kassierte laut Vertragsunterlagen, die The Intercept vorliegen, bislang über 130 Millionen Dollar von der US-Steuerbehörde IRS, deren Fahndungsplattform Dutzende sensible Datenbanken zusammenführt, um «die Nadel im Heuhaufen» zu finden.
Parallel dazu bekam die Einwanderungspolizei ICE im April 2025 für 30 Millionen Dollar ein «ImmigrationOS» – ein Betriebssystem für Abschiebungen, freihändig vergeben, weil angeblich niemand sonst so etwas bauen kann. Es verknüpft Pässe, Sozialversicherungsnummern, Steuerdaten, Kennzeichenscanner und Mobilfunkdaten zu Zielprofilen mit «Echtzeit-Sichtbarkeit». Ein Werkzeug, das heute Migranten ortet, ortet morgen jeden, den eine Regierung zum Problem erklärt. Die Architektur fragt nicht nach dem Anwendungsfall, sie wartet auf ihn.
Das Schlachtfeld als Geschäftsmodell
Wer glaubt, das bleibe ein amerikanisches Problem, hat die Rechnung ohne Brüssel und Mons gemacht. Am 25. März 2025 kaufte die NATO Palantirs Maven Smart System für ihre gesamte Befehlsstruktur – KI-gestützte Zielerfassung, Gefechtsfeldanalyse, beschleunigte Entscheidungsfindung. Die Allianz brüstete sich damit, es sei eine der schnellsten Beschaffungen ihrer Geschichte gewesen: Sechs Monate von der Idee bis zum Vertrag. Für ein Schulhaus benötigt Europa zehn Jahre, für die Auslagerung seiner Kriegsführung an eine US-Datenfirma reicht ein halbes. Das Pentagon stockte Maven parallel auf 1,3 Milliarden Dollar auf, die US Army folgte im Juli 2025 mit einem Rahmenvertrag über zehn Milliarden. Software, die entscheidet, was ein Ziel ist – betrieben von einer Firma, deren CEO laut Gizmodo grinsend verkündet, Palantir sei dazu da, «Feinde zu erschrecken und sie gelegentlich zu töten». Im selben Investorencall freute er sich über die Abrissarbeiten am US-Staatsapparat: Es sei eine Revolution und einigen Leuten würden dabei die Köpfe abgeschlagen. Aktionäre jubelten, der Kurs stieg.
Demokratie? Ein Auslaufmodell mit Wartungsvertrag
Damit niemand behaupten kann, das sei alles nur lose Rhetorik, liefert das Führungspersonal die Ideologie schriftlich nach. Mitgründer Peter Thiel erklärte bereits 2009 in einem Essay für Cato Unbound, er glaube nicht länger, dass Freiheit und Demokratie kompatibel seien. Der Mann finanzierte später J.D. Vance ins Amt und seine Firma sitzt heute an den Datenadern genau jener Demokratie, die er für ein überholtes Konzept hält.
Karp wiederum veröffentlichte mit «The Technological Republic» ein Manifest, dessen Kernpunkte der Konzern im April 2026 stolz als 22-Punkte-Thread auf X (früher Twitter) ausbreitete: Silicon Valley soll «harte Macht» bauen, KI-Waffen inklusive, Deutschland und Japan sollen wieder aufrüsten, die Wehrpflicht soll zurückkehren und internationale Beschränkungen für autonome Waffensysteme gelten als Hindernis, nicht als Ziel. Über 21 Millionen Menschen lasen den Thread, die Empörung war global – und vollkommen folgenlos. Denn die Drehtür läuft längst: Ehemalige Palantir-Leute besetzen Schlüsselposten in der US-Regierung, sassen bei Musks DOGE am Hebel und der Bundes-CIO kommt ebenfalls aus dem Haus. Man schreibt sich die Aufträge, die man anschliessend ausführt.
Und Europa? Statt die Notbremse zu ziehen, bestellt es nach. Deutsche Polizeibehörden analysieren mit Gotham, die NATO lässt ihre Lagebilder von Maven malen und die EUdSSR, sonst bei jedem Cookie-Banner im Regulierungsrausch, schaut zu, wie ihre Sicherheitsarchitektur an einen Konzern wandert, dessen Gründer Demokratie für einen Designfehler hält. Wer hier noch von Verschwörungstheorie spricht, hat schlicht die Pressemitteilungen nicht gelesen: Die Konsolidierung von Steuerdaten, Gesundheitsdaten, Bewegungsdaten und Zielkoordinaten in einer einzigen privaten Infrastruktur ist keine Theorie, sie ist Vertragslage – nachlesbar, datiert, unterschrieben. Die Neue Weltordnung benötigt keinen Putsch, sie benötigt nur ein Update-Fenster.
Bilanz: Der Stein sieht dich
Die alte Ordnung regierte mit Banken und Bomben, die neue regiert mit Schnittstellen – und sie hat aus der Geschichte gelernt: Wer die Datenbank kontrolliert, benötigt keine Geheimpolizei mehr, er braucht nur einen Suchschlitz. Sauron musste seinen Seherstein noch mühsam in Türme schleppen lassen. Seine Erben liefern ihn als Cloud-Abo mit Quartalsdividende. Eine Firma, benannt nach einem Artefakt der Korruption, verkauft dem Westen die totale Durchleuchtung seiner Bürger – und nennt dies «Verteidigung der Demokratie»! Wenn der Algorithmus erst entscheidet, wer Steuersünder, wer Abschiebekandidat und wer Ziel ist, wird niemand mehr fragen, wer ihn programmiert hat! Und während Brüssel Strohhalme verbietet, kauft die NATO das Auge Saurons im Sechs-Monats-Express – willkommen in der Weltordnung, die niemand gewählt hat und jeder bezahlt!










«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







