Tony Blair hat eine Vision und sie klingt wie der Verkaufsprospekt eines Kontrollstaats: Eine Gesichtserkennung, die Verdächtige in Echtzeit aus laufendem Videomaterial fischt, eine KI, die Verbrechensmuster errechnet, Streifen lenkt und Entscheidungen «verschlankt» und mittendrin, als unverzichtbarer Dreh- und Angelpunkt, die digitale Identität. Etikettiert wird das Ganze als Wohltat: For Your Safety. Stell dir diese Technologie in den Händen einer Regierung vor, die jedes Jahr über 12’000 Menschen wegen Posts im Internet festnimmt – und du hast keine Dystopie mehr ausgemalt, sondern Grossbritannien im Jahr 2026 beschrieben.
Der Mann, der sein Land einst in einen Krieg log, hat sich zum Techno-Prediger gewandelt und sein Predigttext ist die totale Sichtbarkeit. Sein Tony Blair Institute schwärmt davon, dass Live-Gesichtserkennung Reaktionszeiten verbessere und Verdächtige an belebten Orten wie Bahnhöfen und Veranstaltungen blitzschnell identifiziere. In einem Strategiepapier vom Januar 2026 verlangt das Institut, die Technologie müsse «dringend» landesweit ausgerollt werden, garniert mit der Forderung nach einer einzigen nationalen Polizei und einer nationalen Forensik-Agentur. Wer gegen die biometrische Dauererfassung ist, begeht laut dieser Lesart eine «soziale Ungerechtigkeit». Orwell hätte für diese Volte applaudiert.
Der Apostel der Dauerbeobachtung
Die Regierung zieht begeistert mit. Allein im vergangenen Jahr gab das Innenministerium 12,6 Millionen Pfund für Gesichtserkennung aus, die zuständige Ministerin feiert die Technik als grössten Durchbruch seit dem DNA-Abgleich. Nicht alle klatschen Beifall. Silkie Carlo von der Bürgerrechtsorganisation Big Brother Watch hält dagegen, niemand würde DNA-Kontrollpunkte quer durch die Einkaufsstrassen hinnehmen, also dürfe man auch keine Gesichtserkennungs-Schleusen akzeptieren, die jeden Passanten wie einen Verdächtigen in einer endlosen Gegenüberstellung behandeln. Blair hat für solche Einwände wenig übrig und für Pilotversuche noch weniger. «Ich weiss nicht, warum wir das alles ewig testen müssen. Führt es einfach ein», liess er sich vernehmen. Überall, wo man es teste, habe es eine «dramatische Wirkung». Dramatisch ist daran vor allem, wie beiläufig hier der Grundrechtsabbau zur Effizienzfrage umetikettiert wird.
Zwölftausend Festnahmen, kaum ein Urteil
Die Zahl im Lead ist kein Gerücht. Nach Daten, die sich The Times per Auskunftsersuchen erstritt, nahm die Polizei in England und Wales 2023 über 12’000 Menschen fest — rund 33 pro Tag — wegen Mitteilungen, die als «grob beleidigend» galten, auf Grundlage von Section 127 des Communications Act und Section 1 des Malicious Communications Act. Im britischen Oberhaus war von durchschnittlich 30 Festnahmen täglich die Rede, samt der Sorge, das Strafrecht werde zur Einschüchterung Andersdenkender missbraucht. Und jetzt der Teil, der noch giftiger ist: Verurteilt wird kaum jemand. Während die Festnahmen seit 2019 um 58 Prozent stiegen, sanken die Verurteilungen um fast die Hälfte.
Hier die ehrliche Einordnung, damit niemand die Zahl aufbläst: Diese Gesetze erfassen auch private Drohungen und Belästigung, nicht nur abweichende Meinungen. Ein Teil der Festnahmen betrifft handfeste Übergriffe. Doch genau darin liegt die Pointe. Wenn von zwölftausend Festnahmen nur ein Bruchteil je vor einem Richter landet, dann misst diese Zahl nicht Gerechtigkeit, sondern Reichweite — die Reichweite des Zugriffs. Eine Maschine, die selten verurteilt, dafür aber zuverlässig mit sechs Beamten zur frühmorgendlichen Hausdurchsuchung anrückt, hat ihren Zweck schon erfüllt, bevor ein Gericht überhaupt tagt. Sie heisst nicht Justiz. Sie heisst Selbstzensur.
«Mehr Kontrolle über deine Daten»
Auf den naheliegenden Einwand hat Blair eine Beschwichtigung parat. Datenschutz-Bedenken seien «berechtigt», aber diese Systeme gäben dem Einzelnen, richtig umgesetzt, sogar mehr Kontrolle über seine Daten. Das ist dieselbe Logik, mit der man einem Häftling erklärt, die Zelle sei in Wahrheit ein Rückzugsraum mit Rundumservice. Die digitale Identität ist in diesem Bauplan kein technisches Nebenprodukt, sondern der Generalschlüssel. Wer Bezahlen, Reisen, Behördengang und Alterskontrolle an eine einzige Kennung knüpft, hält das Werkzeug in der Hand, jede Bewegung eines Menschen lückenlos zu lesen — und im Ernstfall mit einem Klick abzuschalten. Kontrolle, ja. Nur eben nicht für dich.
Die Denkfabrik als Verkaufsabteilung
Wer verstehen will, warum ein pensionierter Premier mit solcher Inbrunst die Vollverkabelung predigt, folgt dem Geld. Das Tony Blair Institute lebt zu grossen Teilen vom Vermögen eines einzigen Mannes: Larry Ellison, Gründer des Datenbank- und Überwachungstechnik-Konzerns Oracle, hat dem Institut seit 2021 mindestens 257 Millionen Pfund zugesagt oder überwiesen. Ehemalige Mitarbeiter beschreiben das Haus in einer monatelangen Recherche als reine Verkaufsmaschine für Oracle, intern längst als «Oracle-Dependance» verspottet. Übersetzt heisst das: Der Konzern, der die Überwachungsinfrastruktur baut und an Regierungen verkauft, finanziert die Denkfabrik, die genau diesen Regierungen empfiehlt, sie zu kaufen. Sauberer lässt sich ein Interessenkonflikt kaum als Staatsdienst verkleiden.
Und hier schliesst sich der Kreis zu einer Entwicklung, die seit fast zwei Jahrzehnten läuft: Jede Krise, jeder Anschlag, jede Empörungswelle liefert den Vorwand für die nächste Schicht Kontrolle, die danach nie wieder verschwindet. Gesichtserkennung gegen Kriminelle, digitale ID gegen Migration, KI gegen das Chaos — die Begründung wechselt, das Werkzeug bleibt und es zeigt am Ende immer in dieselbe Richtung: Auf dich.
Die Wahrheit hinter dem freundlichen «For Your Safety» ist denkbar simpel. Eine Regierung, die ihre Bürger schon heute für blosse Worte aus dem Bett holt, träumt von Augen, die niemals blinzeln. Wer Gesichtserkennung, digitale Identität und Mustererkennung in eine einzige Hand legt, baut keinen Schutzschild, er knüpft ein Netz. Wer dir dann verspricht, dieses Netz gebe dir mehr Kontrolle über dein Leben, hält dich für genau den dressierten Idioten, den sein System benötigt! Überwachung war noch nie der Preis der Freiheit. Sie ist ihr frisch ausgehobenes Grab, sorgfältig mit einem Sicherheitsversprechen tapeziert – und Blair reicht der Demokratie lächelnd die Schaufel!










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