Es gibt eine elegante Lösung für das lästige Problem der demokratischen Kontrolle. Man gründet eine Aktiengesellschaft, stattet sie mit CIA-Geld aus, nennt sie nach einem Zauberobjekt aus Herr der Ringe – und lässt sie sich dann in Ruhe durch den gesamten Staatsapparat fressen. Niemand wählt sie ab. Niemand stellt Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz. Es ist Betriebsgeheimnis. Perfekt. Willkommen bei Palantir Technologies.

Ein ehemaliger Palantir-Manager hat öffentlich erklärt, was viele längst vermuteten: Das Unternehmen hatte die Übernahme der US-Regierung zum Ziel – und viele seiner ehemaligen Kollegen sind heute innerhalb des Bundesapparats installiert. Er nannte es eine besetzte Nation. Nicht als Metapher. Als Lagebeschreibung.

Palantir hält Verträge im Wert von über 10 Milliarden Dollar allein mit der US-Armee. Die Trump-Regierung beauftragte Palantir mit dem Aufbau einer Masterdatenbank über amerikanische Staatsbürger. Das Pentagon erweiterte seinen Maven-Smart-System-Vertrag um 795 Millionen Dollar, um KI-gestützte Gefechtsintelligenz einzusetzen. Und die IRS — die amerikanische Steuerbehörde – hat seit 2018 über 180 Millionen Dollar im Rahmen von 26 Verträgen an Palantir gezahlt, darunter für Fallauswahl und Beschaffung. Siebenundzwanzig Behörden insgesamt, Tendenz steigend. Der Staat als Kunde seines eigenen Ersatzes.

Palantir: Das Unternehmen, das keiner gewählt hat — und trotzdem regiert

Die Ursprungsgeschichte ist dabei so offen erzählt, dass sie fast schon dreist wirkt. Palantir erhielt 2005 Startkapital von In-Q-Tel, dem Risikokapitalarm der CIA, im Austausch für Unternehmensanteile. Die CIA half Palantir dabei, das erste Softwareprodukt Gotham zu verfeinern und wurde zum ersten bedeutenden Kunden. Mit anderen Worten: Der Geheimdienst gründet mithilfe von Steuergeld ein Privatunternehmen, das dann dem Geheimdienst seine eigene Software verkauft – mit Gewinnmarge. Das Rad der Geschichte dreht sich weiter, nur dass dieses Mal jemand dabei Aktien hält.

Der Gründungsgedanke war dabei nicht verkleidet. Dokumente des NSA-Whistleblowers Edward Snowden enthüllen, dass Palantir nicht nur von In-Q-Tel finanziert, sondern durch eine enge Zusammenarbeit zwischen Palantir-Informatikern und Analysten verschiedener Geheimdienste über fast drei Jahre hinweg faktisch mitentwickelt wurde. Kein Startup-Märchen aus der Garage. Ein Joint Venture zwischen Überwachungskapital und Überwachungsstaat, bei dem am Ende nur eine Seite die Rendite einsteckt.

Unter CEO Alex Karps Führung hat Palantir intensiv auf die Expertise ehemaliger Mitglieder der israelischen Cybergeheimdiensteinheit 8200 gesetzt. Nach einer strategischen Partnerschaft mit Israel im Januar 2024 erweiterte Palantir seine Tätigkeit in Gaza und dem besetzten Westjordanland erheblich – und half dabei, Zieldatenbanken für das israelische Militär zu erstellen. Das Unternehmen nennt das «Verteidigung des Westens». Was auf der anderen Seite dieser Zieldatenbanken liegt, nennt sich anders.

Im April 2025 unterzeichnete Palantir einen 30-Millionen-Dollar-Vertrag mit der US-Einwanderungsbehörde ICE für eine Plattform namens ImmigrationOS, die die Identifizierung und Abschiebung von Einwanderern «rationalisieren» soll. Rationalisierung ist ein schönes Wort. Es klingt nach Effizienz. Es fühlt sich nach etwas anderem an, wenn man auf der falschen Seite des Algorithmus sitzt.

Dreizehn ehemalige Palantir-Mitarbeiter – Ingenieure, Manager und ein Mitglied des firmeneigenen Datenschutzteams – unterzeichneten einen Brief, in dem sie warnten, dass Schutzmechanismen gegen Diskriminierung, Desinformation und Machtmissbrauch verletzt und rasch abgebaut werden. Von innen. Durch Menschen, die das System gebaut haben und inzwischen wissen, wozu.

Palantir: Das Unternehmen, das keiner gewählt hat - und trotzdem regiert

Das Geschäftsmodell dahinter ist dabei von bestechender Einfachheit. Überwacht eine Regierungsbehörde ihre Bürger, gibt es Anhörungen, Klagen, Kontrollgremien, Parlamentsdebatten. Überwacht ein Privatunternehmen dieselben Bürger im Auftrag derselben Regierung, ist es Betriebsgeheimnis. Der Staat lagert seine heikelsten Tätigkeiten aus – und kauft sie dann zurück, ohne die Kontrolle, die er theoretisch über sich selbst hätte.

In der Schweiz lehnte das Militär eine Zusammenarbeit ab, weil technisch nicht auszuschliessen war, dass Daten aus Palantir-Systemen abfliessen könnten. Baden-Württemberg schloss derweil einen Fünfjahresvertrag — ohne Wissen des Koalitionspartners. Als Palantir über diese Schweizer Berichterstattung verärgert war, reichte das Unternehmen Klage gegen das Magazin «Republik» ein. Ein Unternehmen, das Regierungen überwacht, geht juristisch gegen Journalisten vor, die darüber berichten. Die Logik ist vollständig.

Sie sind nicht mehr im Dienst des Imperiums, das sie erschaffen hat. Sie sind das Imperium geworden. Amerikanischer Imperialismus, Überwachungskapitalismus und Technofaschismus zu einer einzigen Architektur verschmolzen, betrieben von einer einzigen Klasse, niemandem gegenüber rechenschaftspflichtig.

Das Bemerkenswerte daran ist nicht, dass es geschieht. Das Bemerkenswerte ist, dass es so offen geschieht. Die Verträge sind öffentlich. Die Börsendaten sind einsehbar. Der Whistleblower redet. Die ehemaligen Mitarbeiter schreiben Briefe. Und der Apparat wächst weiter, Behörde für Behörde, Vertrag für Vertrag, Datenbank für Datenbank.

Irgendwo hängt noch ein Schild: Demokratie. Niemand hat nachgeschaut, ob dahinter noch jemand sitzt.

Palantir: Das Unternehmen, das keiner gewählt hat - und trotzdem regiert

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