Es gibt diese eine Frau, die einen Energiekonzern wegen vergifteten Trinkwassers juristisch ausgeweidet hat, lange bevor Julia Roberts daraus einen Oscar formte. Erin Brockovich, das lebende Gewissen der amerikanischen Provinz, hat ein neues Lieblingsmonster gefunden: Die Serverhallen, die Big Tech derzeit im Halbdunkel über das ganze Land verteilt. Auf ihrer Meldekarte tragen Anwohner ein, was da in ihrem Hinterhof aus dem Boden wächst – und es geht nicht um Tankstellen oder Lagerhäuser, sondern um klimatisierte Beton-Kathedralen, die Strom und Wasser saufen wie eine Kleinstadt und sich dabei benehmen, als wären sie gar nicht vorhanden.

Über 5000 Meldungen sind binnen weniger Wochen eingetrudelt, der Titel ihres Aufrufs bringt die Sache auf den Punkt: Wenn Rechenzentren so segensreich sind, warum werden sie dann heimlich gebaut? Eine Frage, auf die die Branche mit derselben Begeisterung antwortet, mit der ein Vampir auf das Angebot eines Sonnenbads reagiert.

19 Millionen Liter am Tag: Wie KI-Rechenzentren ganze Städte leersaufen

Der Durst, den niemand ausspricht
Beginnen wir beim Wasser, weil es sich so schön anschaulich messen lässt. Ein einziges grosses Rechenzentrum kann bis zu 19 Millionen Liter Trinkwasser pro Tag verdunsten – das ist der Tagesverbrauch einer Stadt mit 10’000 bis 50’000 Einwohnern, nur dass die Stadt wenigstens duscht und Kaffee kocht, während die Server bloss heisslaufen. Rund 80 Prozent dieses Wassers steigen als Dampf in den Himmel und kommen nie zurück. In Loudoun County in Virginia, der Welthauptstadt der Serverfarmen, stieg der Trinkwasserverbrauch der Anlagen um über 250 Prozent innerhalb von vier Jahren und frisst inzwischen fast ein Zehntel des gesamten Kreiswassers.

Und das ist erst der Anfang der Zechrechnung. Die UNU-Schätzungen sehen die KI bis 2030 auf bis zu rund 2,3 Billionen Liter Wasser im Jahr zumarschieren. Google allein meldete für ein einziges Jahr über 19 Milliarden Liter, fast ein Drittel davon abgezapft aus Regionen mit mittlerem bis hohem Wasserstress. Man baut die durstigsten Maschinen der Menschheitsgeschichte also bevorzugt dorthin, wo das Wasser ohnehin knapp ist – und nennt das Standortoptimierung. Wer schon einmal beobachtet hat, wie ein Konzern in Kalifornien mit den Lebensgrundlagen seiner Nachbarschaft umspringt, ahnt, wohin die Reise geht.

Der Stecker, an dem das halbe Netz hängt
Beim Strom wird es noch eine Spur unverschämter. Der weltweite Energiehunger der Rechenzentren soll 2026 laut Gartner um rund 27 Prozent auf 132 Gigawatt klettern, bis 2030 dann auf 290 Gigawatt. Das US-Energieministerium rechnet damit, dass die Serverhallen bis 2028 ganze zwölf Prozent des amerikanischen Stroms verschlingen. Der KI-getriebene Verbrauch wuchs allein 2025 laut Internationaler Energieagentur um die Hälfte. In Dublin schlucken die Anlagen mittlerweile bald 80 Prozent der lokalen Nachfrage, in Frankfurt über 40 Prozent – willkommen in einer Welt, in der das Stromnetz nicht mehr primär für Menschen gebaut wird, sondern für Matrizenmultiplikationen.

19 Millionen Liter am Tag: Wie KI-Rechenzentren ganze Städte leersaufen

Die Rechnung dafür landet selbstverständlich nicht bei den Billionen-Konzernen, sondern im Briefkasten der Anwohner. Eine Gruppe US-Senatorinnen hat eine Untersuchung eingeleitet, weil die Stromkosten in der Nähe der Anlagen explodieren und amerikanische Familien faktisch die Energierechnung von Firmen mitfinanzieren, deren Börsenwert grösser ist als das BIP halber Kontinente. Mehrere Bundesstaaten basteln an Gesetzen, um wenigstens den schlimmsten Aderlass zu bremsen.

Transparenz meiden wie der Teufel das Weihwasser
Bleibt die Frage, warum von alldem so wenig nach aussen dringt. Die Antwort ist erfrischend simpel: Weil es so gewollt ist. Eine NBC-Recherche durchleuchtete über 30 Projekte in 14 Bundesstaaten und fand in der Mehrzahl der Fälle Geheimhaltungsverträge und vorgeschobene Briefkastenfirmen. Gewählte Lokalpolitiker unterschreiben Schweigegelübde gegenüber Konzernen, deren Namen sie ihren eigenen Wählern nicht nennen dürfen. Die Projekte laufen unter Tarnnamen wie «Project Bigfoot», «Project Loon» oder «Project Deacon», registriert über Phantome mit Namen wie Balloonist LLC – Meta tauchte in einem Fall erst auf, nachdem der Gemeinderat längst zugestimmt hatte.

Das hat Methode. Als Google in The Dalles in Oregon nach seinem Wasserverbrauch gefragt wurde, erklärte man die Zahlen kurzerhand zum Geschäftsgeheimnis und prozessierte jahrelang, bis ein Gericht die Daten 2022 herauspresste. Das Lincoln Institute formuliert es höflich: Die Firmen seien, was ihren Ressourcenverbrauch angehe, eher zurückhaltend. Übersetzt heisst das: Sie reden so gern über ihren Wasserverbrauch wie ein Datenkonzern über seine Datensammlung.

Dass ausgerechnet eine Aktenklerk-Legende aus den Neunzigern den Tech-Giganten nun mit einer schlichten Crowdsourcing-Karte vor das Schienbein tritt, hat eine bittere Eleganz. Die weltweit fortschrittlichste Technologie benötigt die Heimlichtuerei eines Drogenkartells, um überhaupt gebaut zu werden – und nennt das Innovation. Dass Anwohner ihre eigene Trinkwasserversorgung erst per Gerichtsbeschluss einsehen dürfen, während der Rechenknecht nebenan ihren Fluss leertrinkt, gilt als normaler Geschäftsgang. Dass eine Frau mit einem Online-Formular mehr Transparenz erzwingt als sämtliche Investor-Relations-Abteilungen des Silicon Valley zusammen, sagt alles über den Zustand einer Branche, die uns die Zukunft verkauft und dafür heimlich die Gegenwart trockenlegt – Tropfen für Tropfen, Kilowatt für Kilowatt, im Namen einer Intelligenz, die zu feige ist, ihren eigenen Stromzähler zu zeigen!

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