Sam Altman hat auf dem BlackRock Infrastructure Summit in Washington den Satz fallen lassen, der das Geschäftsmodell der gesamten KI-Industrie in ein einziges Bild presst: «Wir sehen eine Zukunft, in der Intelligenz eine Versorgungsleistung ist wie Strom oder Wasser und die Menschen sie bei uns nach Zähler kaufen.» Denken mit Münzeinwurf. Der Stromzähler fürs Hirn, abgelesen von einem Konzern, der seine Ware zuvor aus dem geistigen Eigentum der halben Menschheit zusammengesaugt hat. Im Saal wurde nicht gelacht, sondern genickt – dort sassen schliesslich keine Denker, sondern Infrastruktur-Investoren.

Intelligenz nur gegen Vorkasse: Wie OpenAI dir die Intelligenz verkauft

Der Zählerableser stellt sich vor
Die Kulisse war so ehrlich wie selten: Altman plauderte Mitte März mit Adebayo Ogunlesi, seines Zeichens BlackRock-Spitzenmann und gleichzeitig Mitglied im Verwaltungsrat von OpenAI. Der Interviewer sitzt also im Aufsichtsgremium des Interviewten und beide erklären einem Saal voller Geldverwalter, wie man künftig am Denken der Menschheit mitverdient. Altman wurde dabei erfrischend deutlich: Das Geschäft von OpenAI und jedes anderen Modellanbieters laufe im Kern auf den Verkauf von Tokens hinaus und wer Zugang bekomme, entscheide am Ende die verfügbare Rechenleistung. Übersetzt heisst das: Wer zahlt, denkt. Wer mehr zahlt, denkt schneller. Und wer nicht zahlt, wartet vor dem Zähler.

Gestohlen, komprimiert, zurückvermietet
Die Empörung liess keine 24 Stunden auf sich warten und sie traf den wunden Punkt mit chirurgischer Präzision. Gizmodo brachte es auf die schlichte Formel, dass ausgerechnet jener Mann die Rechnungen eintreiben will, dessen Firma ihr Trainingsmaterial aus Büchern, Artikeln, Kunstwerken und Forenbeiträgen von Millionen Menschen zusammengekratzt hat – unbezahlt, ungefragt, urheberrechtlich bestenfalls kreativ ausgelegt. Jahrzehnte kollektiver menschlicher Schöpfung wurden gratis abgesaugt, in Modelle gepresst und werden nun tokenweise an genau jene zurückvermietet, die das Rohmaterial geliefert haben. In den Kommentarspalten fasste es ein Nutzer trocken zusammen: Da verkauft einer allen Ernstes ein Abomodell fürs Denken. KI steht hier längst nicht mehr für künstliche Intelligenz, sondern für kapitalistische Intelligenz – ein gehyptes Geschäftsmodell, errichtet auf dem grössten Raubzug an geistigem Eigentum der Geschichte.

Strom und Wasser zahlt die Nachbarschaft
Der Vergleich mit Strom und Wasser ist dabei unfreiwillig ehrlicher als beabsichtigt, denn diese KI frisst beides in industriellen Mengen. Die Rechenzentren, in denen das metergenaue Denken produziert wird, verschlingen Elektrizität, Kühlwasser, Land und Netzkapazität, während die Stromrechnungen der Anwohner steigen – Umweltaktivistin Erin Brockovich liess eigens eine öffentliche Karte der Rechenzentren erstellen, um deren Folgen für die betroffenen Gemeinden zu dokumentieren.

Intelligenz nur gegen Vorkasse: Wie OpenAI dir die Intelligenz verkauft

Die Pointe schreibt sich von selbst: Die echten Versorgungsleistungen werden teurer, weil die selbsternannte neue Versorgungsleistung sie auffrisst. Du zahlst also künftig dreifach – mehr für Strom, mehr für Wasser und obendrauf die Zählergebühr fürs ausgelagerte Denken. Ökologisch steuert das Ganze auf eine Katastrophe mit Ansage zu, intellektuell auf eine Generation von Konsumenten, die das Denken so selbstverständlich auslagert wie das Kopfrechnen an den Taschenrechner.

Besonders köstlich wird es, wenn man weiss, welche historische Phrase Altman im selben Gespräch bemühte: «Too cheap to meter» – das legendäre Versprechen der Atomlobby aus den Fünfzigerjahren, Kernenergie werde dereinst so billig, dass sich das Ablesen eines Zählers gar nicht mehr lohne. Wie diese Geschichte ausging, weiss jeder, der schon einmal eine Stromrechnung geöffnet hat. Ausgerechnet diesen Klassiker der gebrochenen Technologie-Versprechen zitiert ein Mann, dessen Geschäftsmodell wortwörtlich aus dem Zähler besteht. Die Ironie ist so dick aufgetragen, dass nicht einmal eine KI sie übersehen könnte – höchstens ihr Erfinder.

Öffentlich reguliert oder privat kassiert
Und hier liegt der eigentliche Kern, der in der Aufregung um das Zitat gern untergeht: Intelligenz als Infrastruktur ist gar keine absurde Idee. Strom hat die Industrie umgewälzt, Wasser ist Lebensgrundlage und beides gilt deshalb als so fundamental, dass kein zivilisiertes Land es einem unkontrollierten Privatmonopol überlässt. Versorgungsleistungen unterliegen Preisaufsicht, Anschlusspflicht, Grundversorgungsauftrag und demokratischer Kontrolle – genau das alles will Altman nicht. Er will die Einnahmen eines Versorgers ohne dessen Pflichten, das Monopol ohne den Regulator, den Zähler ohne den Souverän. Wenn Intelligenz wirklich die Grundinfrastruktur des 21. Jahrhunderts wird und Bildung, Arbeit, Kreativität und Entscheidungen durchdringt, dann ist die entscheidende Frage nicht, ob sie etwas kostet, sondern wer abrechnet: Die Öffentlichkeit nach demokratischen Regeln oder ein Konzern nach Quartalszahlen. Die Antwort der Branche ist längst gefallen und sie lautet Variante zwei. Damit wird Intelligenz zur Klassenfrage: Die Reichen kaufen sich die Premium-Modelle und mit ihnen den kognitiven Vorsprung, der Rest bekommt die werbefinanzierte Restintelligenz – oder gar nichts, wenn der Zähler stillsteht. Wie sich KI und Geldsystem zum Herrschaftsinstrument verschränken, war hier schon Thema und auch die Frage, was vom Menschen übrig bleibt, wenn er das Denken delegiert.

Wenn der Zähler stillsteht
So spaltet sich die Gesellschaft gleich doppelt – in Superreiche und arme Schlucker einerseits, in Menschen, die noch selber denken wollen und solche, die denken lassen, andererseits. Doppelt doof, könnte man sagen, wäre es nicht so bitter ernst. Die Tech-Konzerne könnten sich keine bessere Kundschaft wünschen als eine Bevölkerung, die ihr eigenes Urteilsvermögen im Abo bezieht. Strom befreite einst die Werkbank, der Intelligenz-Zähler kettet das Hirn an die Kreditkarte. Erst stahlen sie das Wissen der Welt, dann verkauften sie es uns als Fortschritt zurück. Wer morgen seine Intelligenz-Rechnung nicht bezahlen kann, dem wird das Denken abgestellt wie säumigen Mietern der Strom – und die Branche nennt dies «Demokratisierung der Intelligenz»! Was für eine Zeit, in der man für das einzige Gut bezahlen soll, das auszuteilen die Natur bislang gratis übernommen hat!

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