Zwei Euro fünfundvierzig für den Liter Diesel, Rekord seit Beginn der Statistik und in der Schweiz werden seit dem 8. September die Pflichtlager angezapft. Wer jetzt auf den Iran zeigt, hat die bequemste Hälfte der Geschichte erwischt. Die andere Hälfte steht im Gesetzblatt: Europa hat seine Raffinerien selbst abgeschaltet, seine Dieselnachfrage per Gesetz verteuert und die Importabhängigkeit als Fortschritt gefeiert. Und weil am Diesel der Dünger hängt, am Dünger die Ernte und an der Ernte das Wasserrecht, endet diese Verknappung nicht an der Zapfsäule, sondern im Saatgut, im Brunnen und im Register. Die Verknappung war kein Unfall, sie war Beschlusslage.

Chronik einer geplanten Dieselverknappung

Ein Krieg legt eine Meerenge lahm, das kann passieren. Dass ein ganzer Kontinent danach ohne Puffer dasteht, kann nur passieren, wenn vorher jemand den Puffer abgebaut hat. Genau das ist über Jahre geschehen, aktenkundig, mit Pressemitteilung und Fördergeld. Die Dieselverknappung hat keine Drahtzieher im Hinterzimmer. Sie hat Aktenzeichen.

Der Bauplan lag offen herum

Ende April 2025 stellte Petroineos in Grangemouth die Verarbeitung ein, 150’000 Fass pro Tag. Aus der Raffinerie wurde ein Importterminal. Die Begründung lieferte das Unternehmen gleich mit: Energiewende und sinkende Nachfrage nach konventionellen Kraftstoffen. Im selben Monat beendete Shell die Rohölverarbeitung im deutschen Wesseling, der Hälfte des grössten Raffineriestandorts der Republik, wo die EU schon 2021 einen Elektrolyseur mit 32,4 Millionen Euro bezuschusst hatte. BP sucht seit Februar 2025 einen Käufer für Gelsenkirchen, 251’510 Fass am Tag. Bis Jahresende fand sich keiner. Allein 2025 haben nach Zählung des Luftfahrtverbands IATA vier europäische Raffinerien die Rohölverarbeitung eingestellt und S&P erwartet einen Rückgang der europäischen Kapazität von 13 Millionen Fass pro Tag auf unter 8 Millionen. Dazu die CO₂‑Bepreisung, deren zweite Stufe 2028 auf Verkehr und Gebäude durchschlägt, mit Prognosen zwischen 100 und 250 Euro je Tonne. Niemand hat das versteckt. Es stand in der Richtlinie, im Amtsblatt, in jedem Flottengrenzwert. Verteuerung war nicht die Nebenwirkung, sie war das Instrument. Das Ergebnis war bereits im Mai zu besichtigen, als Europa nach Rechnung des österreichischen Energieministers fünf Prozent seines Diesels und fünfzehn Prozent seines Kerosins schlicht fehlten.

Die Rechnung kommt auf dem Acker an

Der EU-Durchschnitt für Diesel lag am 14. September bei 2,159 Euro, Höchststand seit Beginn der Kommissionsstatistik 2005, ein Plus von fast vierzig Prozent seit Jahresbeginn und die Energieinflation im Euroraum sprang im August auf 14,3 Prozent. Von 2,42 Euro an der deutschen Säule kassiert der Staat rund 1,06 Euro, also etwa vierundvierzig Prozent, während die EZB den Gipfel der Dieselmarge erst im Oktober erwartet.

Ein Fünftel des Dieselpreises ist inzwischen reine Raffineriemarge, gut einundvierzig Cent je Liter und Saudi Aramco hat zwei europäischen Raffinerien mitgeteilt, dass sie im Oktober trotz Langfristvertrag kein Öl bekommen. In der Schweiz kam es dicker: Rhein-Niedrigwasser, dazu ein Betriebsunterbruch in Cressier, der einzigen Raffinerie des Landes, die gut dreissig Prozent des Bedarfs deckt. Der Delegierte für wirtschaftliche Landesversorgung bewilligte Bezüge von je 30’000 Kubikmetern Diesel und Benzin aus den Pflichtlagern, zurückzulegen binnen sechs Monaten. Der Bauernverband rechnet vor, dass die volle Agrardieselvergütung von 21,48 Cent nichts auffängt, wo der Liter vor einem Jahr noch 1,60 Euro kostete, während Berlin vierzehn Cent Energiesteuer und einen Preisdeckel bis spätestens Januar 2027 zusammenschraubt, weil Wahlen anstehen. Wie diese Kette endet, war bereits an der Welternte zu besichtigen und wie man eine Versorgungskrise methodisch herbeiführt, steht ebenfalls längst fest.

Chronik einer geplanten Dieselverknappung

Das Notfallpaket stand seit 2022 im Regal

Am 11. März gab die IEA 400 Millionen Fass aus den Notreserven frei, die grösste koordinierte Freigabe ihrer Geschichte und neun Tage später den Zehn-Punkte-Plan «Sheltering from Oil Shocks»: Tempolimits um mindestens zehn Stundenkilometer senken, Homeoffice, autofreie Sonntage, Zufahrt nach Nummernschild. Ziel: 2,7 Millionen Fass weniger pro Tag binnen vier Monaten. Wer diese Zahl kennt, hat ein gutes Gedächtnis. Es ist derselbe Plan mit derselben Zielmenge, den die IEA im März 2022 vorlegte. Vier Jahre im Schrank, Etikett gewechselt, fertig. Dazu betreibt die Agentur einen Krisenreaktions-Tracker, der für 109 Länder aufführt, wer welche Sparmassnahme bereits umgesetzt hat. Südkorea prüft, jedes Fahrzeug an einem von fünf oder zehn Tagen stillzulegen und der Energie-Lockdown war angekündigt.

Wer den Mangel plant, verwaltet ihn auch

Den britischen Notfallplan für Treibstoff verfasst das Department for Energy Security and Net Zero, also jene Abteilung, deren Daseinszweck die Senkung des fossilen Verbrauchs ist. Im Werkzeugkasten stehen ein Maximum Purchase Scheme, das die Abgabemenge je Tankstellenbesuch und die Öffnungszeiten begrenzt, ein Verteilschema für bevorzugte Branchen und ein Allocation Scheme, mit dem die Regierung Rohöl und importierte Produkte förmlich zuteilt, gestützt auf Notstandsbefugnisse aus dem Energy Act von 1976. Wer jahrzehntelang für weniger Verbrauch geworben hat, entscheidet nun, wie viel in deinen Tank darf.

Vom Tank in den Boden

Diesel ist der erste Dominostein, nicht der letzte. Durch die Strasse von Hormus liefen vor der Sperrung nach Rechnung des Weltwirtschaftsforums bis zu dreissig Prozent der weltweiten Düngemittelexporte, dazu der Schwefel, aus dem Phosphatdünger entsteht. Harnstoff verteuerte sich um zwanzig bis sechzig Prozent. Geschrieben hat diese Bilanz Máximo Torero, Chefökonom der UNO-Landwirtschaftsorganisation und im selben Text stehen die Empfehlungen. Pauschale Subventionen seien teuer und regressiv, stattdessen brauche es zielgenaue Programme, raschen Kreditzugang für Höfe und einen Ersatz der dieselbetriebenen Bewässerung durch elektrische und solare Anlagen. Ein Satz sticht heraus: Die Krise sei zugleich eine Gelegenheit, informelle Bauern über Genossenschaften und Erzeugergruppen zu formalisieren. Wer das übersetzt, liest: Wer bisher ohne Register pflügte, wird jetzt erfasst. Der Bauer, der seinen Traktor nicht mehr volltanken kann, bekommt keinen Diesel, er bekommt einen Kredit, eine Mitgliedschaft und einen Eintrag. Wie der Ausverkauf der Bauernzunft läuft, wenn er über die Kasse statt über das Gesetz geht, steht hier seit Längerem. Genau so sieht eine Übernahme aus, wenn sie in Absätzen mit Fussnoten geschrieben wird.

Chronik einer geplanten Dieselverknappung

Wasser als Konkursmasse, Saatgut ohne Etikett

Parallel dazu läuft das Wasser. Am 20. Januar erklärte die UNO-Universität in einem Bericht den globalen Wasser-Bankrott und forderte, was auf Verwaltungsdeutsch «bankruptcy management» heisst, nämlich lückenlose Wasserbuchhaltung, durchsetzbare Entnahmelimits, ein Umbau der Rechte und Ansprüche am Wasser. Die Landwirtschaft verbraucht siebzig bis neunzig Prozent des Süsswassers, sie ist damit die Adresse, an die sich jede Limitierung richtet. Wer einen Brunnen auf dem eigenen Grundstück hat, hält künftig keine Quelle mehr, sondern eine Konzession.

Beim Saatgut ist der Vorgang bereits Gesetz. Am 17. Juni nahm das Europaparlament die Verordnung (EU) 2026/1388 über Pflanzen aus neuen genomischen Techniken an, im Amtsblatt seit dem 26. Juni, anwendbar ab dem 17. Juli 2028. Für die Kategorie NGT-1 entfallen Risikoprüfung, Rückverfolgbarkeit und die Kennzeichnung von Lebens- und Futtermitteln. Auf dem Teller steht dann nichts mehr davon und patentierbar ist das Ergebnis obendrein. Die Nahrungsmittelkrise, die aus dem Dieselpreis wächst, liefert die Begründung für Pflanzen, die man weder erkennen noch nachbauen kann und das Geschäftsmodell dahinter steht ebenso lange fest wie die Praxis, Leben zu patentieren.

Der Ausweis, der noch keinen Zweck hat

Bleibt die Frage nach dem Schlüssel für all diese Zuteilungen. Bis Ende 2026 muss jeder EU-Staat nach der Verordnung über die europäische digitale Identität eine Wallet bereitstellen, in der Ausweis, Führerschein und Nachweise liegen. Die Nutzung ist als freiwillig beschrieben und eine Verknüpfung mit Treibstoff- oder Lebensmittelzuteilung ist nirgends beschlossen. Das ist die ehrliche Fassung und sie ist die unangenehmere: Die Zuteilungsapparate für Energie, Wasser und Nahrung entstehen gerade, die Registrierpflicht für Bauern entsteht gerade und das Ausweisinstrument dafür wird termingerecht im selben Jahr ausgeliefert. Wer den Bauplan dieser Erfassung lesen will, findet ihn im UN-Entwicklungsplan und wie das Verschwinden der Anonymität praktisch abläuft, ist keine Verbotsfrage, sondern eine Systemvoraussetzung. Es benötigt keinen Beschluss, drei fertige Systeme zusammenzustecken, es benötigt nur einen Winter, der kalt genug ist.

Von der Ware zur Bewilligung

Am Ende ist die Verschiebung nicht der Preis, sondern das Verhältnis. Wer Diesel kauft, kauft eine Ware. Wer Diesel zugeteilt bekommt, stellt einen Antrag. Zwischen diesen beiden Sätzen liegt der ganze Unterschied zwischen einem Bürger und einem Bittsteller und er wird gerade an der Zapfsäule vollzogen, ohne Abstimmung, ohne Debatte, mit dem Verweis auf einen Krieg, den niemand hier begonnen hat. Dieselbe Mechanik lief schon beim Brot und beim Besitz, wo aus dem Kauf eine Miete bis auf Widerruf geworden ist. Die Raffinerien sind abgerissen, die Tanks halbleer, der Brunnen wird zur Konzession, das Saatgut verliert sein Etikett und die Rettung besteht aus vierzehn Cent Rabatt und einem Merkblatt zum Spritsparen. Man hat den Menschen erst die Produktion weggenommen, dann den Vorrat, dann das Wasser und verkauft ihnen jetzt die Rationierung als Solidarität. Der Plan hat funktioniert, nur hat ihn niemand gewählt. Und wenn am Ende jeder Liter, jeder Eimer und jedes Korn eine Bewilligung benötigt, wird man das nicht Mangel nennen, sondern Verantwortung!

Chronik einer geplanten Dieselverknappung

Transparenzhinweis: Illustrationen wurden digital erstellt und dienen der Veranschaulichung. Der Beitrag wurde redaktionell geprüft und verantwortet.

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