«Es ist eine blanke Unverschämtheit, was die Amerikaner da machen», donnerte Friedrich Merz im Sommer 2020 vor der CDU Mittelsachsen und legte nach, man werde mit Russland wieder einen besseren Austausch, eine bessere Zusammenarbeit und ein besseres Vertrauen haben müssen. Heute verriegelt derselbe Mann die Röhre, die er damals gegen Washington verteidigte, auch gegen amerikanische Kaufinteressenten. Die Frage ist nicht, ob Merz gelogen hat. Die Frage ist nur, in welchem Jahr.
Sommer 2020: Der Pipeline-Patriot
Die Szene ist 52 Sekunden lang und von entwaffnender Klarheit – dies könnt ihr euch am Schluss des Artikels selbst zu Gemüte führen. Merz am Rednerpult, rote Krawatte, CDU-Banner im Rücken. Den Europäern bei einem Projekt, das mit Amerika nichts zu tun habe, wegen der Extraterritorialität des US-Rechts mit Sanktionen gegen alle Personen, Firmen und Länder zu drohen, sei eine Attitüde, die man sich nicht gefallen lassen dürfe. Eine europäische Friedensordnung ohne oder gar gegen Russland sei gar nicht möglich.
Der Hintergrund war real. Am 5. August 2020 hatten die US-Senatoren Ted Cruz, Tom Cotton und Ron Johnson dem Fährhafen Sassnitz schriftlich die wirtschaftliche Vernichtung angedroht, falls er weiter Schiffe für Nord Stream 2 versorge. Einreiseverbote für Vorstände, eingefrorene Vermögen, Sanktionen bis hinunter zu Aktionären und Angestellten eines Ostseehafens. Merz spielte den Souveränitätsverteidiger aus dem Sauerland. Der Applaus in Sachsen war ihm sicher.
Wenige Wochen Mindesthaltbarkeit
Dann kam der Giftanschlag auf Alexej Nawalny. Am 4. September 2020 verlangte Merz plötzlich einen sofortigen zweijährigen Baustopp für Nord Stream 2 und räumte selbst ein, er sei «bisher für den Weiterbau der Pipeline» gewesen. Die blanke Unverschämtheit landete also nicht erst «heute», sondern bereits wenige Wochen später auf dem Komposthaufen der eigenen Rede. Zufällig kandidierte Merz damals für den CDU-Vorsitz und sein Rivale Norbert Röttgen hatte den Stopp bereits Tage zuvor gefordert, während Kanzlerin Merkel die Röhre noch fertig bauen wollte. Überzeugung nach Wetterlage, geliefert frei Haus.
Hat BlackRock umgestimmt?
Die Frage drängt sich auf, denn Merz leitete seit 2016 den Aufsichtsrat von BlackRock Deutschland, einem Ableger, der damals rund 120 Milliarden Dollar für deutsche Kunden verwaltete. Nur ist die Chronologie ein Spielverderber. Merz war Ende März 2020 aus dem Amt ausgeschieden. Während seiner BlackRock-Jahre war er nach eigener Aussage für den Weiterbau, die Rede gegen Washington hielt er nach dem Abgang und die Kehrtwende begründete er mit Nawalny. Ein Beleg für eine Weisung aus New York existiert nicht. Wer das Gegenteil behauptet, montiert.
Harmlos wird die Sache dadurch nicht. BlackRock hielt Anfang 2023 8,6 Prozent am grössten US-Flüssiggasexporteur Cheniere und 2025 stammten rund 96 Prozent der deutschen LNG-Importe aus den USA. Man muss keinen Befehl unterstellen, um das Muster zu sehen. Der Kurs des Ex-Aufsehers deckt sich tadellos mit den Kassen seines Ex-Arbeitgebers. Fairerweise sitzen bei Cheniere auch Vanguard und Blackstone mit am Tisch, die Indexriesen stecken in fast jedem Energiekonzern. BlackRock gewinnt ohnehin, egal wer regiert. Genau das ist der eigentliche Skandal.
Heute: Der Riegel an der Ostsee
Als Kanzler kündigte Merz im Mai 2025 an, alles zu tun, damit Nord Stream 2 nicht in Betrieb geht und unterstützte die Brüsseler Pläne für Sanktionen gegen die Betreiber. Pikant: Zur selben Zeit wurde über amerikanische Investoren als mögliche Käufer der Leitung berichtet. 2020 waren Sanktionen gegen die Pipeline eine Unverschämtheit, 2025 fordert Merz sie selbst. Im September 2026 erklärt er Russlands Verantwortung für den Drohnenanschlag am Flughafen Leipzig/Halle für gerichtsfest und betont, man habe sich für die Zuordnung vier Wochen Zeit genommen. Für die Kehrtwende 2020 hatten ihm weniger Wochen gereicht. Vom «besseren Vertrauen» redet keiner mehr.
Die Ostsee-Wende ist kein Einzelfall. CDU und CSU schrieben ins Wahlprogramm, man halte an der Schuldenbremse fest, wenige Tage nach der Wahl kam das kreditfinanzierte Sondervermögen von 500 Milliarden Euro, beschlossen mit dem abgewählten Bundestag. Wie es mit dem Rückgrat gegenüber Washington weiterging, ist bekannt.
Die Konkurrenz im Wortbruch-Wettbewerb
Wer jetzt reflexartig zur Konkurrenz rennt, rennt nur ins nächste Schaufenster derselben Ware. SPD-Kanzler Olaf Scholz nannte Nord Stream 2 im Dezember 2021 ein «privatwirtschaftliches Vorhaben», über das eine Behörde ganz unpolitisch entscheide. Rund zwei Monate später war es plötzlich hochpolitisch. Die Grünen plakatierten 2021 keine Waffen in Kriegsgebiete und strichen die Kriegsgebiete später aus dem Programmabsatz, weil diese Position laut eigenem Parteiantrag seit dem Ukraine-Krieg nicht mehr aktuell sei. Pazifismus mit Verfallsdatum.
Und die angebliche Alternative? Alice Weidel forderte 2018 «Holen wir uns unser Land zurück!» mit einem Wanderfoto, das in der Schweiz aufgenommen war, wo sie mit Aufenthaltstitel und Familie in Einsiedeln lebt. Ein Wahlkreisbüro in Überlingen unterhält sie nicht und Einwohner dort erzählen Reportern, sie hätten die Direktkandidatin noch nie gesehen. Die Heimat zurückholen, aber bitte vom Sihlsee aus. Wer die Programme nebeneinanderlegt, findet dieselbe Agenda in anderer Verpackung.
Eine Röhre, zwei Meinungen, null Rückgrat
Merz hat seine Meinung nicht gewechselt, er hat sie vermietet, an den jeweils lautesten Zeitgeist. Keine einzige Partei steht besser da, sie unterscheiden sich nur im Tempo, in dem sie ihre Versprechen entsorgen. Die CDU verbrannte ihr Nord-Stream-Bekenntnis in wenigen Wochen und die Schuldenbremse in wenigen Tagen. Die SPD brauchte zwei Monate, die Grünen einen Krieg. Wer 2020 Washington eine Unverschämtheit vorwarf, regiert heute ein Land, das 96 Prozent seines Flüssiggases in Amerika kauft – und nennt dies «Souveränität»!









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