Wer durch die Kommentarspalten wandert, betritt einen Ort, an dem sich mehr offenbart als Meinung. Dort zeigt sich, was in einem Menschen wohnt. Und manchmal liest man Zeilen, bei denen nur eine Frage bleibt: Was muss in einer Seele los sein, dass sie ihre kostbare, endliche Zeit dafür opfert, einem Fremden Gift zu schreiben?

Nicht jeder Reiz verdient ein Opfer

Gerade dort, wo Humor gemeint war, Überzeichnung, ein Augenzwinkern, schlägt der Zorn am härtesten ein. Als hätte das Lachen eine alte Wunde berührt. Die hermetische Lehre kennt den Grund: Der Spiegel zeigt nie den Beitrag. Er zeigt den, der hineinblickt. Wer in einem harmlosen Video eine persönliche Kränkung findet, hat die Kränkung mitgebracht. Sie lag längst in ihm, geladen und wartend, wie ein Sprengsatz, der nur noch einen Anlass sucht. Die Frage lautet dann nicht mehr: Hast du wirklich ein Problem mit meinem Inhalt? Sie lautet: Suchst du eine Fläche für deinen eigenen Frust? Und die Fläche ist zufällig. Der Frust ist es nicht. Er wandert mit, von Profil zu Profil und findet überall, was er finden will.

Was du fütterst, wächst
Das hier ist kein Auskotzen. Vieles davon nehme ich mit Humor, manches ist anders kaum noch einzuordnen. Aber die Selbstverständlichkeit, mit der Menschen glauben, sie dürften Fremde belehren, beschimpfen, abwerten und von oben herab zurechtweisen, ist ein Zeichen der Zeit. Jede Reaktion ist eine Opfergabe. Aufmerksamkeit ist die älteste Währung der Welt und jeder Kult, jeder Dämon, jede Obsession lebt von ihr. Die alten Traditionen wussten das genau. Im Osten kennt man die hungrigen Geister: Wesen mit riesigen Bäuchen und winzigen Mündern, verdammt dazu, ewig zu fressen und nie satt zu werden. Man muss nicht an sie glauben, um sie zu erkennen. Sie sitzen in jeder Kommentarspalte, klopfen an jede Tür und betteln um das Einzige, was sie am Leben hält: Deine Erwiderung. Wer auf jeden Reiz anspringt, füttert nicht den Beitrag, den er hasst. Er füttert das Ding in sich selbst, das hassen will. Und dieses Ding wächst mit jeder Mahlzeit, wird lauter, fordernder, unersättlicher. Nicht jeder Reiz braucht eine Reaktion. Nicht jeder Beitrag ist eine Einladung zum persönlichen Kleinkrieg. Und nicht alles, was man nicht versteht, muss man angreifen. Das Unverstandene ist keine Bedrohung. Es ist nur eine Tür, vor der man stehen bleiben darf, ohne sie einzutreten.

Nicht jeder Reiz verdient ein Opfer

Der Bannkreis
Die alten Magier zogen einen Kreis, bevor sie ans Werk gingen. Nicht aus Angst. Aus Klarheit: Hier drinnen gilt mein Wille, dort draussen tobt, was toben will. Der Kreis war nie eine Mauer aus Stein. Er war eine Entscheidung. Blockieren ist nichts anderes. Kein Drama, kein Eingeständnis, keine Flucht, sondern ein Bannkreis. Wenn mich eine Seite, ein Beitrag oder ein Mensch nervt, ziehe ich weiter. Oder ich banne. Fertig. Nicht, weil ich keine Meinung hätte. Sondern weil meine Nerven mir gehören. Sie sind mein Territorium und an jeder Schwelle steht ein Hüter, der entscheidet, was eintreten darf. Wer diesen Hüter nie ernannt hat, wundert sich, warum sein Inneres aussieht wie ein Marktplatz, auf dem jeder Fremde sein Gift verschütten darf. Auch ich kenne Themen, bei denen es in mir aufsteigt: Das kann doch nicht wahr sein. Genau dort entscheidet sich, wer im eigenen Haus regiert. Man kann scrollen. Man kann schweigen. Man kann Abstand nehmen. Man kann erwachsen bleiben. Was nicht für dich ist, darf an dir vorbeiziehen. Was dich triggert, musst du nicht füttern. Und was dich innerlich so sehr in Rage bringt, sagt manchmal mehr über dich aus als über den Beitrag, den du gerade kommentierst.

Die innere Burg
Die Stoiker nannten es die innere Zitadelle, den einen Ort, den keine fremde Hand erreicht, solange man ihn nicht selbst öffnet. Ein Kaiser, der täglich von Schmeichlern, Verrätern und dem Untergang umgeben war, schrieb sich diese Festung Nacht für Nacht selbst ins Gedächtnis. Nicht als Philosophie für Sonntage, sondern als Überlebenstechnik. Er wusste es längst:

Die beste Art, sich an jemand zu rächen, ist die, nicht Böses mit Bösem zu vergelten.
– Marc Aurel

Das ist keine Sanftmut. Das ist die härteste Form der Verweigerung: Du bekommst mein Feuer nicht. Wer zurückschlägt, erkennt den Angreifer als ebenbürtig an. Wer schweigt, erklärt ihn für unerheblich. Es gibt keine tiefere Wunde als die Bedeutungslosigkeit. Der Kaiser hätte jeden seiner Feinde zerschmettern können. Stattdessen liess er sie an seiner Ruhe zerschellen. Zwei Jahrtausende später gilt dieselbe Mechanik, nur dass die Arena kleiner geworden ist und in jede Hosentasche passt.

Die Schwelle
Leben und leben lassen ist nicht Gleichgültigkeit. Es ist Reife. Humor darf sein. Meinung darf sein. Grenzen dürfen sein. Und manchmal ist Blockieren kein Drama, sondern Selbstschutz. Wer seine Kraft hütet, statt sie in fremde Fässer zu giessen, hat begriffen, was jede alte Schule lehrte: Die Macht liegt nicht im Zuschlagen. Sie liegt im Nichtantworten. Der Zorn der Fremden zieht weiter, wenn er nichts zu fressen findet. Er verhungert an deiner Schwelle. Denn das ist das dunkle Geheimnis der Getriebenen: Sie brauchen dich mehr als du sie. Ohne dein Feuer erfrieren sie in ihrer eigenen Kälte. Und die Karawane der Hungrigen wird weiterziehen, von Beitrag zu Beitrag, von Opfer zu Opfer, immer fressend, nie satt!

Nicht jeder Reiz verdient ein Opfer
(inspiriert von Rudolf Wagner)

Transparenzhinweis: Illustrationen wurden digital erstellt und dienen der Veranschaulichung. Der Beitrag wurde redaktionell geprüft und verantwortet.

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Mein Blog war niemals darauf ausgelegt Nachrichten zu verbreiten, geschweige denn politisch zu werden, doch mit dem aktuellen Zeitgeschehen kann ich einfach nicht anders, als Informationen, welche sonst auf allen anderen Kanälen zensiert werden, hier festzuhalten. Mir ist dabei bewusst, dass die Seite mit dem Design auf viele diesbezüglich nicht «seriös» wirkt, ich werde dies aber nicht ändern, um den «Mainstream» zu gefallen. Wer offen ist, für nicht staatskonforme Informationen, sieht den Inhalt und nicht die Verpackung. Ich habe die letzten 2 Jahre genügend versucht, Menschen mit Informationen zu versorgen, dabei jedoch schnell bemerkt, dass es niemals darauf ankommt, wie diese «verpackt» sind, sondern was das Gegenüber für eine Einstellung dazu pflegt. Ich will niemandem Honig ums Maul schmieren, um auf irgendwelche Weise Erwartungen zu erfüllen, daher werde ich dieses Design beibehalten, denn irgendwann werde ich diese politischen Statements hoffentlich auch wieder sein lassen können, denn es ist nicht mein Ziel, ewig so weiterzumachen ;) Ich überlasse es jedem selbst, wie er damit umgeht. Gerne dürfen die Inhalte aber auch einfach kopiert und weiterverbreitet werden, mein Blog stand schon immer unter der WTFPL-Lizenz.

Es fällt mir schwer zu beschreiben, was ich hier eigentlich tue, DravensTales wurde im Laufe der Jahre Kulturblog, Musikblog, Schockblog, Techblog, Horrorblog, Funblog, ein Blog über Netzfundstücke, über Internet-Skurrilitäten, Trashblog, Kunstblog, Durchlauferhitzer, Zeitgeist-Blog, Schrottblog und Wundertütenblog genannt. Was alles etwas stimmt… – und doch nicht. Der Schwerpunkt des Blogs ist zeitgenössische Kunst, im weitesten Sinne des Wortes.

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