Neun Komma sechs Millionen Menschen schalten jeden Abend um acht die Tagesschau ein, der Marktanteil liegt angeblich bei 42,7 Prozent und damit höher als jemals zuvor gemessen. Vor zehn Jahren waren es 9,11 Millionen, vor zwanzig Jahren 9,76 Millionen. Eine Zahl wie in Stein gemeisselt, ein Fels in der Brandung, das letzte Lagerfeuer der Nation. Nur dass dieser Fels aus Sand besteht und die Brandung bereits durch ist. Die interessante Zahl steht nämlich nicht in der Reichweiten-Statistik, sondern daneben und sie stammt nicht von irgendeinem Wutbürger mit Handykamera, sondern aus dem hauseigenen Fachorgan von ARD und ZDF.
Achtzig Prozent
In der Maiausgabe von Media Perspektiven rechnen die ARD-Programmdirektion und die ZDF-Medienforschung gemeinsam vor, wie ihr eigenes Publikum aussieht. Das Ergebnis ist ein Obduktionsbericht in Tabellenform: 2018 stellten die über 50-Jährigen zwei Drittel des Fernsehpublikums, inzwischen stellen sie 80 Prozent. Bei den 14- bis 29-Jährigen schaltet noch ein Viertel überhaupt täglich linear ein. Bei den 30- bis 49-Jährigen ist die Tagesreichweite 2025 erstmals unter die Hälfte gerutscht, von 53 auf 48 Prozent. Die durchschnittliche Sehdauer sank um weitere 13 Minuten auf 158.
Diese 9,6 Millionen sind also keine Nation, die sich abends informiert. Sie sind eine Kohorte. Und Kohorten haben die unangenehme Eigenschaft, dass sie nicht abwandern, sondern sterben. Kein Medienhaus der Welt hat je ein Publikum zurückgewonnen, das nie da war und niemand unter dreissig fängt mit 45 plötzlich an, wegen der Tagesschau vor einem Fernsehgerät zu sitzen, das er gar nicht besitzt.
Zuerst stirbt der Kanal, der den Namen trägt
Wie ernst die Lage ist, verrät kein Kritiker, sondern der Sparplan. Zum 31. Dezember 2026 werden tagesschau24, One und ARD alpha abgeschaltet, dazu 21 Radioprogramme. Der Nachrichtenkanal, der die wichtigste Marke des Hauses im Namen führt, kam zuletzt auf einen Marktanteil von 0,5 Prozent. Ein Nachrichtensender, der nach knapp dreissig Jahren ein halbes Prozent erreicht, ist kein Angebot mehr, sondern eine Gedenktafel mit Sendemast.
Der Rest der Reform liest sich ähnlich fröhlich. Beim NDR, wo die Tagesschau produziert wird, stehen dem Überschuss von 147 Millionen aus 2023 nun 18,1 Millionen Defizit gegenüber, die Personalaufwendungen kletterten von 381,3 auf 487 Millionen Euro. Planstellen sinken jährlich, frei werdende Stellen in Produktion und Verwaltung werden nicht mehr besetzt. Man baut das Haus zurück, während man behauptet, es zu modernisieren.
Acht Komma sieben Milliarden und das Gefühl von 1963
Und trotzdem ist offiziell zu wenig Geld da. Die Erträge aus dem Rundfunkbeitrag lagen 2025 bei 8,72 Milliarden Euro, davon flossen 8,56 Milliarden an ARD, ZDF und Deutschlandradio, allein der Einzug dieses Geldes kostete 191,4 Millionen. Die ARD warnt bei dieser Summe vor einer Unterfinanzierung auf dem Niveau von 1963. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Fast neun Milliarden im Jahr und das Selbstbild ist das eines Notleidenden im Adenauer-Deutschland.
Gestritten wird derweil um 28 Cent. Weil mehrere Länder die empfohlene Erhöhung verweigerten, zogen die Anstalten nach Karlsruhe, das Bundesverfassungsgericht verhandelte am 23. Juni 2026, ein Urteil steht aus und ab 2027 soll der Beitrag auf 18,64 Euro steigen. Ein Apparat, dem das Publikum wegstirbt, prozessiert um Kleingeld. Das ist keine Strategie, das ist ein Reflex.
Das Rettungsboot hat ein Loch
Bleibt die Mediathek, das ewige Versprechen. Die ARD Mediathek kommt auf 200 Millionen Nutzungsminuten pro Tag, was gewaltig klingt, bis man es umrechnet: Auf jeden Menschen im Land entfallen acht Streamingminuten täglich, gegenüber 158 Minuten linearem Fernsehen. Die Forscher von ARD und ZDF halten selbst fest, dass die Mediatheken die linearen Verluste nicht kompensieren. Das Rettungsboot ist ausgesetzt, es nimmt nur schneller Wasser auf als das Schiff.
Fairerweise: Es gibt eine Gegenrechnung. Das Vertrauen in Nachrichten ist in Deutschland mit angeblichen 46 Prozent stabil geblieben, während es global auf ein Rekordtief fiel und im Wettbewerb um die 14- bis 49-Jährigen hat Das Erste die grossen Privatsender inzwischen überholt. Nur ist das der Sieg im schrumpfenden Saal. Wer den grössten Anteil an einem Publikum hält, das jedes Jahr kleiner und älter wird, gewinnt Prozentpunkte und verliert Menschen. Dazu geben 72 Prozent der Befragten an, Nachrichten zumindest gelegentlich aktiv zu vermeiden.
Welche Krawattenfarbe soll’s heute sein
Was das Produkt selbst betrifft, hat die schärfste Kritik ein Mann formuliert, der es vier Jahre lang verkörpert hat. Der frühere Sprecher der 20-Uhr-Ausgabe beschrieb seinen Arbeitstag später so, dass die relevanteste Entscheidung die Krawattenfarbe gewesen sei und er die Zettel vorgelesen habe, an denen er keinen einzigen Satz selbst geschrieben hatte. Genau das ist der Punkt. Eine Sendung ohne Autor benötigt keinen Journalisten, sie benötigt eine Stimme und Stimmen sind seit einigen Jahren im Abonnement erhältlich.
Wer wissen will, wie das Vertrauen abhanden kam, findet die Antwort nicht in der Technik, sondern in der Haltung, die aus Journalisten Regierungsaktivisten gemacht hat und im Betrieb, der das Sortieren von Wahrheit gleich mitgeliefert hat. Man kann Reichweite kaufen, Vertrauen nicht.
Die Tagesschau wird nicht abgesetzt, sie wird überleben, so wie ein Zimmer überlebt, das niemand mehr betritt. Sie wird weiter jeden Abend um acht senden, an ein Publikum, das die Statistiker längst in Fünfjahresschritten nach oben schreiben. Sie wird gerettet werden von einem Beitrag, den keiner freiwillig zahlt und von einem Gericht, das über Cent entscheidet. Und irgendwann schaltet der letzte Zuschauer nicht ab, sondern stirbt einfach weg – und in Hamburg wird man das eine Reichweitendelle nennen!








«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







