Die Lüge ist kein Betriebsunfall der Macht, sie ist ihr Stoffwechsel. Sie wuchert aus Ministerien, Geheimdiensten und Pressestellen, frisst jede Gewissheit und streut ihre Metastasen bis tief ins Lager derer, die sie bekämpfen wollen. Wer Kriege mit erfundenen Torpedobooten beginnt und Akten jahrzehntelang wegsperrt, züchtet den Zweifel selbst. Und der Zweifel frisst danach jede Fälschung, die man ihm vor die Füsse wirft.
Das Ergebnis ist eine Gesellschaft, die dem Staat nichts mehr glaubt und dem Nächstbesten alles. Der Staat liefert die Gründe zum Zweifeln. Die Szene liefert die Fälschungen zum Glauben. Dazwischen verrottet das letzte Vertrauen, bis das Bild eines Tages kippt. Dann glauben die Enttäuschten plötzlich jedem, der laut genug flüstert. Hier ist die Befundliste, Schuss für Schuss.
Lüge im Staatsdienst
Am 4. August 1964 meldete Washington einen zweiten Angriff nordvietnamesischer Torpedoboote im Golf von Tonkin. Es gab ihn nicht. Die NSA gab 2005 über 140 Dokumente frei und ihr eigener Historiker beschreibt darin, wie die Abhörberichte zurechtgebogen wurden, bis sie zur Kriegsbegründung passten. Intern lag die Studie schon 2001 vor, die Öffentlichkeit wartete vier Jahre länger. 2003 präsentierte Colin Powell dem UNO-Sicherheitsrat Saddams angebliche Massenvernichtungswaffen. Zwei Jahre später nannte er die Rede einen bleibenden Schandfleck seiner Laufbahn. Am Neujahrsmorgen 2016 meldete die Kölner Polizei «ausgelassene Stimmung» und weitgehend friedliche Feiern. Danach gingen bei der Staatsanwaltschaft 1222 Anzeigen ein, 513 davon wegen sexualisierter Gewalt. Im Oktober 2022 gab eine Pfizer-Managerin im EU-Parlament zu, man habe vor der Markteinführung nicht gewusst, ob der Impfstoff die Übertragung verhindert. Verkauft wurde die Spritze trotzdem als Nächstenliebe, nach einem Drehbuch, das bis heute läuft. Al Gore verkündete 2009 in Kopenhagen, die Arktis sei binnen fünf bis sieben Jahren eisfrei, zu 75 Prozent wahrscheinlich. Der Forscher, auf den er sich berief, wusste nicht, woher die Zahl stammte. Gores Büro räumte ein, sie stamme aus einem früheren Gespräch, als grobe Schätzung. Und wer die Lüge druckt, stand oft selbst auf der Lohnliste: Laut Carl Bernstein führten in 25 Jahren über 400 US-Journalisten heimlich Aufträge für die CIA aus.
Kriegsmärchen an allen Fronten
Bis kurz vor dem 24. Februar 2022 bestritt Moskau, einen Einmarsch vorzubereiten und nannte die westlichen Warnungen eine Provokation. Kiew antwortete mit dem «Geist von Kiew», einem Fliegerass, dem der Geheimdienst SBU zehn Abschüsse andichtete. Ex-Präsident Poroschenko hatte das Foto des Phantoms am zweiten Kriegstag verbreitet, aufgenommen drei Jahre zuvor vom Verteidigungsministerium. Ende April 2022 erklärte die eigene Luftwaffe ihn zur Heldenlegende ohne Pilot. Am 17. Oktober 2023 meldete das Gesundheitsministerium in Gaza 471 Tote im Al-Ahli-Spital, palästinensische Stellen machten einen israelischen Luftangriff verantwortlich. Human Rights Watch fand die Spuren einer fehlgeleiteten Rakete, wie sie palästinensische Gruppen verschiessen. Sechs Tage zuvor hatte Joe Biden erklärt, er habe bestätigte Bilder enthaupteter Kinder gesehen. Das Weisse Haus musste einräumen, dass weder er noch ein US-Beamter solche Bilder je gesehen hatte. Er hatte sich auf Medienberichte und Angaben der israelischen Regierung gestützt. Und die Nord-Stream-Röhren, die im September 2022 auf dem Grund der Ostsee barsten? Beschuldigt ist kein Russe, sondern ein Ukrainer, dessen Auslieferung der italienische Kassationshof am 19. November 2025 genehmigte. Der Mann soll die Sprengung koordiniert haben und bestreitet jede Beteiligung. Beide Fronten lügen und beide liefern dir die Lüge der anderen als Beweis der eigenen Tugend.
Schweigespirale mit Sperrfrist
Den Mechanismus beschrieb Elisabeth Noelle-Neumann: Wer sich in der Minderheit wähnt, schweigt aus Furcht vor Isolation. So überlebt die Lüge Jahrzehnte. 1979 hielt ein Untersuchungsausschuss des US-Kongresses fest, Kennedy sei wahrscheinlich einer Verschwörung zum Opfer gefallen. Die weiteren Schützen fand er nie und die Akten tröpfeln bis heute heraus. Die 28 Seiten über saudische Helfer der Attentäter vom 11. September blieben 13 Jahre gesperrt, bis zum 15. Juli 2016. Die Geheimhaltung hatte George W. Bush verfügt, genannt werden Männer, die den Attentätern Wohnungen und Bankkonten verschafft haben sollen. Doch der Tumor hat längst gestreut. Im Lager der Zweifler kursiert ein Satz von CIA-Direktor William Casey, das Desinformationsprogramm sei vollendet, wenn die Amerikaner alles Falsche glaubten. Einzige Quelle ist eine frühere Mitarbeiterin des Weissen Hauses, die ihn 2014 vorbrachte, 33 Jahre nach dem angeblichen Treffen und ohne ihre Notizen. Kein anderer Anwesender hat ihn je bestätigt und die Korrespondentin, der sie ihn angeblich steckte, schrieb nie eine Zeile darüber. Mark Twain wird der Spruch zugeschrieben, Täuschen sei leichter als Enttäuschen. Geschrieben hat er 1906 nur, wie leicht man Menschen eine Lüge glauben macht. Jede gefälschte Parole ist ein Rabatt auf die echten Akten. Die Wahrheitsministerien lösen sie dankbar ein.
Mondlandung: Akte offen
Die NASA hat die Original-Telemetriebänder von Apollo 11 gelöscht und mit Satellitendaten überspielt. Der «Mondstein», den der US-Botschafter 1969 dem niederländischen Ex-Premier Drees schenkte, entpuppte sich 2009 als versteinertes Holz. Astronaut Don Pettit sagte 2016, man habe die Technologie für den Mondflug besessen und sie zerstört. Seit Dezember 1972 betrat kein Mensch mehr den Mond, Artemis II hat ihn im April 2026 bloss umrundet. Und die Helden selbst mieden die Bühne: Neil Armstrong gab seit 1969 nur eine Handvoll Interviews, Buzz Aldrin beantwortete 2002 einen Zweifler, der ihn bedrängte, mit der Faust. Der «geglückte Erstversuch» hält nicht: Apollo 10 sank im Mai 1969 als Generalprobe bis auf rund 15 Kilometer an die Oberfläche heran. Dagegen stehen fremde Augen: Die japanische Sonde Kaguya fotografierte 2008 die Triebwerksspur der Apollo-15-Fähre, die indische Chandrayaan-2 die Fähren von Apollo 11 und 12. Laser treffen die Reflektoren auf den Millimeter. Ausgerechnet Roskosmos-Chef Juri Borisow bestätigte 2024 in der Duma, eine US-Probe aus dem Austausch von 1971 sei echtes Mondgestein. Gefälscht ist dafür das Kubrick-Geständnis: Ein 2015 inszeniertes Video, das die Familie als frei erfunden zurückweist. Kubrick selbst starb am 7. März 1999. Die «Drehaufnahmen» stammen aus einer Arte-Satire von 2002. Echt ist nur, dass Kubrick für «Barry Lyndon» drei NASA-Objektive bekam. Die Akte bleibt offen, die Originale hat die NASA selbst überspielt.
Volkstribunal mit Abgabetermin
Elon Musk versprach jahrelang den Mars und strich im Februar 2026 das Startfenster ersatzlos. Und das Volkstribunal der Wahrheit, nach dem die Zweifler rufen? Der Bundestag hat es als Enquete-Kommission zur Corona-Pandemie eingesetzt, mit Abgabetermin 30. Juni 2027, besetzt von denen, die prüfen sollen, was sie selbst beschlossen haben. Das Parlament prüft das Parlament, das Urteil ist vertagt. Die Lüge benötigt keine Verschwörer, sie braucht Schweigen und Abnehmer. Der Staat lügt im Dienst, der Zweifler fälscht im Ehrenamt!












«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







