Moskau denkt in Völkern, Brüssel in Formularen und genau an dieser Fuge zerbricht jedes Verständnis für diesen Krieg. Wenn der Kreml von Sprache und Identität redet, hört der Westen Propaganda. Dabei steht das Kriegsmotiv seit Jahren in den Gutachten des Europarats: Die Ukraine hat ihre russischsprachige Minderheit per Gesetz aus Schule, Amt und Medien gedrängt und Lettland führt bis heute über 170’000 Menschen als Nichtbürger. Nur widerlegt sich das Vielvölkerparadies, das Moskau dagegenhält, Paragraf für Paragraf selbst.
Die Erzählung aus russischer Sicht geht so: Rund neunzig Regionen, Dutzende Amtssprachen, mehr als 190 Völker, vier Weltreligionen und das alles ohne Integrationsgipfel. Wer so lebe, könne nicht begreifen, warum ein Nachbarland eine einzige Sprache zum Feind erkläre. Der Satz ist die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte steht in Russlands eigenen Gesetzblättern.
Kiews Sprachgesetze: Der Kriegsgrund, den Brüssel abheftete
Am 23. Februar 2014, einen Tag nach dem Sturz Janukowitschs, stimmte die Rada als eine der ersten Amtshandlungen für die Abschaffung des Sprachgesetzes, das Russisch in Regionen mit zehn Prozent Sprechern Amtsstatus gab. Turtschynow unterschrieb nicht, Jazenjuk versprach in Donezk, niemand werde das Gesetz antasten. 2018 kippte es das Verfassungsgericht dann doch. Dazwischen kam 2017 das Bildungsgesetz, dessen Artikel 7 den Unterricht in Minderheitensprachen nach der Primarschule beendet und 2019 das Staatssprachengesetz mit Sprachbeauftragtem und Bussen. Die Venedig-Kommission des Europarats, kein Kreml-Organ, hielt 2017 fest, die Schlechterstellung des Russischen gegenüber EU-Sprachen sei kaum zu rechtfertigen und werfe Fragen der Diskriminierung auf und 2019, Kiew habe bis heute keine faire Balance gefunden. Betroffen sind 8,3 Millionen Menschen, die sich 2001 als Russen zählen liessen. Verboten wurde die Sprache nie, verdrängt wurde sie systematisch und der Westen las die Gutachten so gründlich wie die Minsker Abkommen. Für die Kriegsfürsten Europas war das nie ein Thema, nur ein Etikett auf der nächsten Rechnung.
Graue Pässe: Die EU hat ihre eigenen Menschen zweiter Klasse
Lettland zählte am 1. Januar 2024 je nach Behörde zwischen 169’000 und 180’000 Nichtbürger, neun Prozent der Bevölkerung, ohne Wahlrecht, ausgeschlossen von Polizei, Justiz und Notariat. Estland führt rund 60’000 Menschen mit grauem Pass. Moskau macht daraus Millionen, das ist Lüge um den Faktor zehn, aber der Kern trägt: Zwanzig Jahre EU-Mitgliedschaft, Menschenrechtskonvention, Friedensnobelpreis und in Riga lebt fast ein Zehntel der Bevölkerung mit einem Dokument, das nicht einmal zur Gemeindewahl berechtigt. Litauen bewies 1989 mit der Nulloption, dass es anders geht, über 90 Prozent der Russen nahmen den Pass. Lettland lässt Neugeborene erst seit 2020 automatisch Bürger werden, Estland will das 2027 tun. Wer dort heute noch von Geburt an ohne Pass lebt, ist älter als die Regel, die das verhindert und wartet seit 1991 auf die Werte, die Brüssel sonst so gern exportiert.
Die Werbebroschüre: Was Moskaus Zahlen wirklich sagen
Jetzt die andere Hälfte. Hundert Amtssprachen gibt es nicht, es sind 35 Staatssprachen der Republiken plus Russisch. Die hundert sind die 105 Sprachen im Schulsystem, von denen laut Präsidentenerlass 24 als Unterrichtssprache gelten und 81 als blosses Fach. Jakutien ist nicht grösser als Indien, es fehlen rund 200’000 km². Die Kul-Scharif-Moschee im Kasaner Kreml, Kronzeugin für Jahrhunderte friedlicher Nachbarschaft, hat Iwan der Schreckliche 1552 geschleift, der heutige Bau ist laut UNESCO ein Neubau aus dem späten 20. Jahrhundert. Die Jüdische Autonome Oblast trägt ihren Namen für 837 Juden, 0,6 Prozent. Und das Gesetz, das die vier Weltreligionen schützt, räumt der Orthodoxie in seiner Präambel eine besondere Rolle ein, die drei anderen werden geachtet. Was Achtung in Dagestan heisst, zeigte der Oktober 2023: Hunderte stürmten den Flughafen Machatschkala, um einen Flug aus Tel Aviv nach Juden zu durchsuchen, 20 Verletzte, 60 Festnahmen.
Staatsbildendes Volk: Wer oben steht, steht in der Verfassung
Keine Ethnie dürfe sich über eine andere erheben, das sei Lebenserfahrung und keine Regierungserklärung. Seit dem 4. Juli 2020 ist es aber eine Verfassungserklärung, nur anders herum: Artikel 68 macht Russisch zur Sprache des staatsbildenden Volkes, der Erlass zur Nationalitätenpolitik nennt die Russen das systembildende Glied und ebendieser Erlass ist exakt das Regierungsprogramm, das es angeblich nie gab. Seit dem Gesetz 317-FZ von 2018 lernen Kinder in Tatarstan Tatarisch nur noch auf Antrag der Eltern, Russisch bleibt Pflicht, die Stunden sanken von sechs auf zwei. In Dagestan gelten rund 20 der 30 Sprachen laut UNESCO als gefährdet, nur vier von zehn Befragten hatten ihre Muttersprache je im Unterricht.
Kanonenfutter: Die Vielfalt stirbt zuerst
Der gewählte Rat der Krimtataren ist seit 2016 als extremistisch verboten, bestätigt vom Obersten Gericht in Moskau. Und die buddhistischen Republiken, Kronzeugen der Vielfalt, führen die Sterbeliste an: Tuwa 476 Gefallene je 100’000 Einwohner, Burjatien 400, die Millionenstädte laut Mediazona kaum betroffen. Als Dagestans Frauen im September 2022 in Machatschkala riefen, das sei nicht ihr Krieg, holte sie die Polizei des Vielvölkerstaats von der Strasse, so wie Europa seine Neinsager abräumt. So bleibt am Ende die Gleichung, die beide Seiten verschweigen: Kiew behandelt seine Russen, wie Moskau seine Tataren, nur mit Bussgeld statt Mobilmachung. Der Westen versteht Russland nicht, weil er die Sprachgesetze seiner Schützlinge nie gelesen hat. Russland versteht sich selbst nicht, weil es seine eigene Verfassung nie gelesen hat. Und während die wenigen in beiden Hauptstädten von Identität reden, sterben für sie Tuwiner und Russischsprachige in derselben Schützengrabenerde, in der keine der hundert Sprachen mehr gesprochen wird!










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