Ein paar Dutzend Männer in Kabinetten, Konzernzentralen und Redaktionsstuben beschliessen, dass Millionen sterben dürfen – und die Millionen stehen Spalier. Das ist das dunkle Geheimnis des Krieges, das der Psychologe Rainer Mausfeld in einem kurzen Vortrag seziert: Wie schaffen es die wenigen immer wieder, so grosses Unheil über ein ganzes Volk zu bringen? Die Antwort ist fünfhundert Jahre alt und steht trotzdem in keiner Tagesschau.
Die Weltuntergangsuhr der Atomwissenschaftler steht seit dem 27. Januar 2026 auf 85 Sekunden vor Mitternacht, so nah am Ende wie nie seit ihrer Erfindung. Begründung der Wissenschaftler: Russland, China, die USA und andere Grossmächte seien immer aggressiver, feindseliger und nationalistischer geworden. Wer die Zeiger so weit vorgeschoben hat, sitzt in beheizten Sälen mit Buffet und schickt die eigenen Kinder garantiert nicht in den Schützengraben.
Erasmus wusste es schon 1517
Mausfeld beruft sich auf Erasmus von Rotterdam. In dessen «Klage des Friedens» steht ein Satz, der heute wie ein Lagebericht klingt: «Es ist jetzt schon so weit gekommen, dass man den Krieg allgemein für eine annehmbare Sache hält und sich wundert, dass es Menschen gibt, denen er nicht gefällt.» Derselbe Humanist hielt fest, dass die Allgemeinheit den Frieden liebt, während die Monarchen den Krieg anstiften und sich der grösste Teil des Übels über ein Volk ergiesst, das selbst keinen Anlass dazu gegeben hat. Fünf Jahrhunderte später hat sich an dieser Arbeitsteilung genau gar nichts geändert. Die einen unterschreiben, die anderen bluten.
Die Gebrauchsanweisung lieferte ausgerechnet einer, der es wissen musste. Hermann Göring erklärte dem Gefängnispsychologen Gustave Gilbert am 18. April 1946 in seiner Nürnberger Zelle, das gewöhnliche Volk wolle keinen Krieg, doch die Führer eines Landes bestimmten die Politik und es sei stets einfach, das Volk mitzuziehen. Man müsse ihm nur einreden, es werde angegriffen, danach genüge es, die Pazifisten wegen mangelnden Patriotismus anzuprangern. Das funktioniere in jedem Land. Göring entkam dem Galgen mit Zyankali, sein Rezept überlebte ihn mühelos.
Friedenspreise für Bombenleger
Mausfeld spottet, die grössten Kriegshetzer würden medial gefeiert und «ganz orwellsch» mit Friedenspreisen ausgezeichnet. Die Ahnengalerie ist lang. Henry Kissinger bekam 1973 den Friedensnobelpreis, obwohl er für die illegale Bombardierung von Kambodscha und Laos mitverantwortlich gemacht wird. Zwei Komiteemitglieder traten aus Protest zurück, sein vietnamesischer Mitpreisträger Le Duc Tho lehnte die Ehrung ab. Barack Obama nahm seinen Nobelpreis 2009 entgegen und liess allein in seinem letzten Amtsjahr laut dem Council on Foreign Relations rund 26’000 Bomben auf sieben Länder werfen, eine Zahl, die die Autoren selbst für zweifellos zu tief halten. Weil Oslo offenbar zu langsam liefert, erfand Fifa-Präsident Gianni Infantino kurzerhand einen eigenen Preis und überreichte Donald Trump am 5. Dezember 2025 den ersten «FIFA-Friedenspreis», zwischen zwei Losziehungen einer Fussball-Weltmeisterschaft. Orwell hätte das Manuskript zurückgeschickt: Zu plump, glaubt kein Mensch.
Frieden als Schimpfwort
Laut Mausfeld ist bereits das Wort «Frieden» in weiten Teilen der politischen und intellektuellen Klasse zum Gegenstand von Diffamierung und Ächtung geworden. Den Beleg lieferte Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo im April 2022 frei Haus, als er die Friedensbewegung unter dem Titel «Der deutsche Lumpen-Pazifismus» abkanzelte. Pazifisten anprangern, Schritt zwei aus Görings Kochbuch, abgehakt. Die Regierung zog nach. Verteidigungsminister Boris Pistorius erklärte am 29. Oktober 2023 im ZDF: «Wir müssen kriegstüchtig werden, wir müssen wehrhaft sein.» Nicht verteidigungsfähig. Kriegstüchtig. Im Juni 2025 verpflichtete die NATO in Den Haag ihre Mitglieder auf fünf Prozent des BIP bis 2035, 3,5 Prozent für Waffen und Sold, 1,5 Prozent für militärisch nutzbare Strassen und Brücken.
Laut offizieller Lesart schreckt diese Aufrüstung Moskau ab und rettet den Frieden. Laut Realität rettet sie zuerst die Dividende: Die Rheinmetall-Aktie legte am 28. Februar 2022, vier Tage nach dem russischen Einmarsch, an einem einzigen Handelstag um 24,8 Prozent zu, im ganzen Februar um 45 Prozent. Ob Abschreckung wirkt, ist eine offene Frage. Dass sie sich rechnet, ist keine – und wer die Bilanz dahinter sucht, findet sie im letzten Konjunkturprogramm der Pleitiers.
Alles für uns, nichts für die anderen
Für die Wurzel greift Mausfeld zu Adam Smith, dem Begründer der Nationalökonomie. Der schrieb 1776 im «Wohlstand der Nationen», «alles für uns und nichts für die anderen» sei zu allen Zeiten der niederträchtige Leitsatz der Herren der Menschheit gewesen. Vorläufer hat der Satz reichlich. Der griechische Dichter Hesiod beschimpfte die Herrschenden in «Werke und Tage» als Gabenfresser, als von Geschenken erkaufte Richter. Machiavelli notierte in den «Discorsi», die Grossen hätten ein gewaltiges Verlangen zu herrschen, das Volk bloss den Wunsch, nicht beherrscht zu werden. Mausfeld folgert, dieses Verlangen führe ein Gemeinwesen bald in den Untergang, wenn es nicht abgewehrt werde. Ausgebreitet hat er das in seinem Buch «Hybris und Nemesis», die Technik der Zustimmungsfabrik zerlegt er hier im Vortrag über Elitedemokratie und Meinungsmanagement.
Grabstein mit Börsenkurs
Man müsse dem Frieden einen Grabstein setzen, sagt Mausfeld. Das Unheil kommt nicht von den vielen, es kommt von den wenigen, die den vielen einreden, sie würden angegriffen. Die Rechnung schicken sie danach denselben vielen. Fünf Prozent vom BIP für die Rüstung, 85 Sekunden bis Mitternacht. Göring verriet 1946 das Rezept, 2022 wurden die Pazifisten angeprangert, 2023 wurde das Volk kriegstüchtig geredet, genau nach Kochbuch. Auf dem Grabstein des Friedens wird kein einziger Name der wenigen stehen, nur die der vielen, alphabetisch und dicht gedrängt. Und wenn dir der nächste Minister erklärt, du würdest angegriffen, frag ihn, in welchem Schützengraben sein Sohn liegt!










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