Einst füllte Alf Poier die grössten Hallen, holte 2003 für Österreich Platz sechs beim Eurovision Song Contest und trieb die Republik mit Kunstfigur und Elektrogitarre zur Weissglut. Heute steht er kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag, tritt nicht mehr auf und stellt seinen Zeitgenossen eine Diagnose, für die jeder Hausarzt eine Überweisung schreiben müsste: Diese Gesellschaft sei vollkommen krank und überzüchtet.

Man könnte das als Altersgrant eines Provokateurs abtun, dem der Applaus fehlt. Dumm nur, dass ihm die Statistiker recht geben und dass er seine Befunde nicht aus dem Feuilleton hat, sondern aus dem eigenen Leben, das er als Präparat gleich mitliefert. Ein Zeuge, der beim Unfall nicht nur zugeschaut hat, sondern im Wrack sass.

Sitzen bleiben als Karriereplan

Die Legende beginnt in einem Zug. Poier erzählt, er sei aus München zurück nach Graz unterwegs gewesen, als ihn ein Musikerkollege überredete, einfach sitzen zu bleiben und nach Wien weiterzufahren. Eine Alltagsentscheidung, ohne die alles anders gekommen wäre. Danach folgte keine Raketenkarriere, sondern die Ochsentour: Keine Versicherung, kein Kühlschrank, Russ kratzen nach Wohnungsbränden. Als Liedermacher mit schwermütigen Liedern blitzte er ab, das Publikum mochte die Sprüche zwischen den Nummern lieber als die Nummern selbst. Also flog die Band raus und der Kabarettist blieb. Sein Konzept für Interviews: Auf gescheite Fragen deppert antworten, auf depperte gescheit.

Die Pointe lieferte ihm später der ORF persönlich. 2003 holte Poier in Riga mit 101 Punkten Platz sechs. 2005 gewann er den Vorentscheid mit knapp 89’000 Handystimmen gegen knapp 48’000 für die Konkurrenz, worauf der Sender die Wertung nachträglich umbaute und die anderen schickte. Ausgesiebt wurde schon damals, nur eben nicht vom Publikum.

Der Preis: Kotzen, Drohungen, Abgründe

Mit dem Erfolg kam die Rechnung. Bis zu 200 Auftritte im Jahr, Autobahn, Garderobe, Bühne, Hotel, ernährt von Tankstellenkost. Vor den Auftritten habe er sich übergeben, irgendwann täglich, auch ohne Bühne. Als ihn 2014 nach seinem Ausfall gegen Conchita Wurst, das «künstlich hochgezüchtete Monster», sein Manager fallen liess, nannte er chronische Magenprobleme als Grund für die Pause.

Dazu kamen Drohungen in Serie. Nach einem Auftritt in Melk seien 2010 sechzehn Autos mit Säure übergossen worden, in St. Pölten habe ihn einer auf der Bühne angegriffen und kein Kollege habe ihn verteidigt. Mehrmals sei er abgetaucht, bis sich der Sturm legte.

Privat suchte sich der bekennende Bindungsphobiker nach eigener Darstellung genau die Frauen, mit denen es nicht gehen konnte: Heroin, Kokain, Alkohol, Panikattacken am offenen Fenster. Er habe retten wollen und am Ende selbst einen Retter gebraucht. Den Ausweg fand er in der Meditation, mit einem Lichterlebnis, gegen das alles danach fade wirkte. Der Mann, der die Gesellschaft für krank hält, hat ihre Symptome also nicht im Seminar studiert, sondern in der eigenen Küche.

Diagnose: Krank, nachweislich

Sein Befund über das Land klingt nach Stammtisch und hält erstaunlich gut. Im Fernsehen Wetter aus allen Himmelsrichtungen, dazwischen Promi-Schrott und Sendungen über Leute, die vom Amt leben. Als höchster Wert eine Designerhandtasche. Dazu jeder gegen jeden: Frauen gegen Männer, Jung gegen Alt, Arm gegen Reich, Links gegen Rechts. Wer Israel kritisiere, sei sofort Antisemit, wer die Zuwanderung kritisiere, sofort rechtsradikal, wer einen Witz über Frauen mache, sofort Sexist.

Die Zahlen stehen auf seiner Seite. In der Schweiz stieg der Anteil der Menschen mit mittlerer bis hoher psychischer Belastung von 15 auf 18 Prozent, bei jungen Frauen sind es 29. Die Einweisungen von Kindern und Jugendlichen in die Psychiatrie haben sich seit 2012 mehr als verdoppelt. In Österreich sieht die Hälfte eine starke Spaltung, 57 Prozent nennen die Medien als Brandstifter.

Nur erklären sich gleichzeitig 83 Prozent der Schweizer für glücklich. Und Poiers Gegenmodell Thailand ruht offiziell nicht auf Buddhismus, Familie und König, sondern auf Nation, Religion und König. Krank ist eine Gesellschaft offenbar dann, wenn sie sich gut fühlt, während es ihr schlecht geht. Den Patienten eine Etage höher kennt ohnehin jeder: Der Staat ist krank.

Haltung nach Fördertopf

Am bittersten wird Poier beim Kulturbetrieb. Dort werde ständig über Haltung geredet und erstaunlicherweise hätten die meisten Künstler genau jene Haltung, für die es Fördergeld gibt. Wer sich über die Mitläufer der Dreissigerjahre empöre, sei längst selbst einer. Kunst werde nur noch nach Moral vermessen, rückwirkend bis zu Kolumbus. Wer sich nichts mehr traue, liefere eben Gefälligkeit. In Deutschland müsse man teils schriftlich versprechen, gewisse Themen nicht anzufassen. Das ist Hörensagen, aber kein erfundenes: Berlin knüpfte 2024 Kulturgeld an eine Bekenntnisklausel und kassierte sie nach einem Monat wieder ein. Österreich schickte 2026 mit bis zu 600’000 Euro Bundesgeld einen Pavillon nach Venedig, in dem Besucherurin gefiltert ins Becken floss. Dass ihn Museen wegen seiner Meinung hinauswarfen, belegt Poier öffentlich nicht. Einen Förderantrag will er nie gestellt haben. Hofnarren mit Festanstellung kennt er trotzdem genug.

Lieber frei als glücklich

Bleibt sein Kern. Darf man einen Menschen ungefragt ein Leben lang chemisch beglückt im Bett liegen lassen? Nein, sagt Poier, weil Freiheit über dem Glück stehe. Robert Nozick nannte das 1974 die Erlebnismaschine. Draussen haben wir sie trotzdem gebaut, aus Bildschirm, Pillendose und Förderbescheid. Und die Freiheit wird verwaltet. Ein Kabarettist verstummt, weil er nicht sagen darf, was er sagen will. Ein Land zählt die Krise seiner Jugend in Spitalbetten. Ein Kulturbetrieb pinkelt für 600’000 Euro ins Becken und hält das für Mut. Wer in dieser Gesellschaft noch gesund ist, wurde bloss noch nicht untersucht!

Ist unsere Freiheit am ENDE? Alf Poier über den Preis, wenn man seine Meinung sagt
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