Robin Hood raubt Reisende aus und heisst Volksheld. Der Sheriff treibt Steuern ein und heisst Tyrann. Dieselbe Hand greift in denselben Geldbeutel, nur das Kostüm wechselt. Dein Urteil steht, bevor du hinsiehst, wer gerade zugreift. Das Kino hat dir nie beigebracht, Gut von Böse zu unterscheiden. Es hat dir beigebracht, das Gute am Trikot zu erkennen. Wer das richtige Trikot trägt, darf dir alles antun, solange er dabei ein höheres Ziel murmelt. Der Trick ist uralt, gemessen und dokumentiert. Er wirkt im Kinosaal, im Supermarkt und an der Urne gleichermassen und er wirkt umso besser, je weniger du ihn bemerkst.
Das Stammhirn sortiert, bevor du denkst
Für Parteilichkeit benötigt es weder Geschichte noch Feindschaft. Der Sozialpsychologe Henri Tajfel zeigte 1970, dass die blosse Einteilung in Gruppen genügt, um Bevorzugung auszulösen. Kein Streit, keine Vorgeschichte, kein Grund. Das Etikett darf vollkommen sinnlos sein, Hauptsache, es trennt. Ein Etikett reicht und schon verteilt das Gehirn Sympathie nach Vereinsfarbe. Das ist kein Defekt, das ist Werkseinstellung aus jener Zeit, als der Fremde am Lagerfeuer tatsächlich die Keule mitbrachte. Heute bringt er bloss einen anderen Stimmzettel mit. Geschwungen wird die Keule trotzdem.
Die Unterhaltungsindustrie trainiert diesen Reflex wie ein Hundeführer. US-Medienforscher wiesen 2012 nach, dass das Moralurteil bei Antihelden deutlich weniger zählt als bei klassischen Heldenfiguren und jede frühere Geschichte dieser Art die Reaktion auf die nächste verschiebt. Übung macht den Komplizen. Nach zwanzig Staffeln, in denen der Sympathieträger foltert, lügt und mordet, applaudierst du, sobald er das Messer zückt.
Gekauft wird das Wappen, nicht die Brause
Neunzig Versuchspersonen probierten 2021 ein neues Getränk, angeblich Sponsor des eigenen Fussballclubs oder des Rivalen. Geschmack identisch, Körpersignale kaum verschieden. Kaufen wollten es nur jene, denen man das eigene Wappen auf die Dose geredet hatte. Der Inhalt war egal, die Fahne entschied. Pikant: Alle Probanden erklärten sich begeistert, während ihre Körpersignale Traurigkeit und Ärger anzeigten. Der Mund lobt, der Puls protestiert, die Brieftasche gehorcht dem Wappen.
In der Politik läuft dieselbe Brause unter wechselnden Etiketten. Dieselbe Massnahme heisst bei der eigenen Partei Verantwortung, beim Gegner Anschlag auf die Freiheit. Dieselbe Lüge heisst bei den eigenen Leuten Taktik, bei den anderen Wählerbetrug. Dieselbe Spende heisst hier Engagement, dort gekaufter Einfluss. Wer noch nach dem Inhalt fragt, hat das Spiel nicht begriffen.
Der edle Zweck als Freibrief
Albert Bandura hat untersucht, wie anständige Leute Schaden anrichten und trotzdem gut schlafen: Sie hängen der Tat einen höheren Zweck um. Am stärksten wirkten in seinen Messungen zwei Hebel: Die moralische Umdeutung der Tat und die Herabsetzung des Opfers. Sein Satz passt auf jedes Plakat der vergangenen Jahre: Es fällt leicht, anderen zu schaden, wenn man glaubt, mit unwürdigen Menschen Würdiges zu tun. Die grossen Verbrechen, hält er fest, begingen gewöhnliche, sonst rücksichtsvolle Menschen im Namen religiöser Prinzipien, gerechter Ideologien und nationaler Notwendigkeiten.
Der Sympathieträger muss für jede Schurkerei ein Motiv vorlegen, für seine Wohltaten nie. So lernst du von klein auf, dass Schaden bloss eine Begründung benötigt. Ab da bist du verkauft. Dann sperrt dich einer ein, zu deinem Schutz. Er drängt dich aus Job, Gaststube und Gespräch, für das Wohl aller. Wer widerspricht, wird zum Fremden, an dem die Mehrheit ihr Versagen entsorgt. Der Schurke, der dich ehrlich ausnimmt, ist harmlos. Tödlich wird erst der Held, der dir dasselbe antut und dafür Applaus verlangt. Robin Hood hat die Beraubten auch nie gefragt, ob der gute Zweck sie tröstet!









«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







