Es gibt eine Sorte Mensch, die ihre Heimat am innigsten dadurch liebt, dass sie täglich aufs Neue bestimmt, wer alles nicht dazugehört. Sie nennt das Stolz, Wurzeln, gesunden Instinkt. In Wahrheit ist es der älteste Trost der Gattung: Ein Schuldiger, der nicht man selbst ist, ein Fremder, an dem sich das eigene Versagen entsorgen lässt – und ein Sockel, niedrig genug, dass selbst der Kleinste sich gross darauf fühlt.
Der Sündenbock ist das älteste Haustier des Menschen
Der Mechanismus ist so alt wie die erste Dürre, die man einem Nachbarn anlastete. Geht die Ernte ein, war es der Fremde. Bricht die Seuche aus, war es der Fremde. Stagniert der Lohn, steigt die Miete, schrumpft die Zukunft – der Fremde, immer der Fremde. Es ist eine seelische Hygiene von brutaler Einfachheit: Solange das Elend ein Gesicht hat, das anders aussieht als das eigene, muss niemand je in den eigenen Spiegel schauen. Der Hass auf den anderen ist kein Ausbruch von Stärke. Er ist das Geständnis, dass man mit sich selbst nicht zurechtkommt, übersetzt in eine Sprache, die sich wie Mut anfühlt.
Die Parole, die das Gegenteil dessen beweist, was sie behauptet
Migration töte – das hört man auf Transparenten, in Kommentarspalten, am Stammtisch. Drei Silben, eine ganze Weltanschauung und vollständig falsch. Es existiert auf diesem Planeten keine einzige Gesellschaft, die je gediehen wäre, ohne von Zuwanderung zu profitieren. Keine. Wer Wohlstand mit ethnischer Reinheit verwechselt, betreibt nicht Heimatschutz, sondern Geschichtsfälschung und merkt es nicht einmal. Die ehrliche Parole hätte gelautet: Unkontrollierte Migration töte. Plötzlich wäre eine Debatte daraus geworden, über die sich mit Zahlen, Verstand und Verantwortung streiten liesse. Denn natürlich hat eine Infrastruktur Grenzen, ein Wohnungsmarkt, eine Sozialordnung. Diese Sorge auszusprechen, macht niemanden zum Unmenschen. Nur ist die ehrliche Variante anstrengend. Sie benötigt Differenzierung und Differenzierung ist der natürliche Feind des Hasses. Also bleibt es beim pauschalen Donnerwort, das jeden Zugewanderten, der korrekt lebt, arbeitet und einzahlt, im selben Atemzug entsorgt wie das Klischee, das man ohnehin von ihm im Kopf hat.
Die Lüge vom angeblich niederen Verstand
Zum Repertoire der Menschensortierer gehört der Klassiker, gewisse Gruppen seien intellektuell schlicht minderwertig. Schwarze hätten einen tieferen Intelligenzquotienten, raunt man, als handle es sich um ein Naturgesetz und nicht um die müde aufgewärmte Rassenkunde des neunzehnten Jahrhunderts. Dass etwa Kenia innerhalb weniger Jahre zweistellig an gemessenen IQ-Punkten zulegte, einzig weil sich Ernährung und Bildung verbesserten, will in diesen Kreisen niemand hören. Es würde die ganze schöne Theorie ruinieren. Intelligenz ist messbar, formbar, von Umständen abhängig – und taugt damit als Sortiermaschine für Menschen ungefähr so gut wie eine Briefwaage zum Wiegen von Charakter. Wer trotzdem darauf besteht, hat keine unbequeme Wahrheit entdeckt. Er hat nur seine eigene Bequemlichkeit zum Weltbild geadelt, weil ein angeborener Rang erträglicher ist als die Zumutung, dass der Mensch da drüben einfach weniger Glück hatte.
Heimat ohne den Hass im Gepäck
Die unbequemste Erkenntnis für alle, die ihren Stolz aus Abgrenzung beziehen: Man kann ein Land lieben, ohne dafür auch nur einen einzigen Menschen herabzuwürdigen. Eine Nation, die etwas taugt, ist keine Blutsgemeinschaft, sondern eine Willensgemeinschaft – ein Bund von Leuten, die sich entschieden haben, zusammenzustehen, quer durch Sprachen, Konfessionen und Herkünfte. Wer das begreift, benötigt keine Feindbilder gegen Fremde, sondern höchstens ein Mindestmass an Selbstrespekt. Und ja, man darf gleichzeitig für eine vernünftige Begrenzung des Wachstums sein, für Augenmass, für klare Regeln. Zwischen dem nüchternen Satz «Dieses Land hat Grenzen» und dem giftigen Satz «Diese Menschen sind Schädlinge» liegt der gesamte Unterschied zwischen einem reifen Erwachsenen und einem degradierenden Wutbürger.
Der Hochmut, der sich für Tugend hält
Womit die Rechnung bei der anderen Sorte landet, jener, die sich für das pure Gegenteil hält und genau deshalb am tiefsten in derselben Grube sitzt. Wer jede Sorge über ungebremste Zuwanderung reflexhaft als Rassismus abstempelt, statt sie ernst zu nehmen, hat den Hass nicht bekämpft, sondern gepusht. Doch das ist nur die halbe Schuld. Die andere ist die Wollust, mit der es geschieht. Der Moralist, der den Migrationskritiker zum dumpfen Nazi erklärt, betreibt exakt das Geschäft, das er zu verabscheuen vorgibt: Er sucht sich einen Tiefstehenden, an dem er sich hochzieht. Der eine benötigt den Fremden, um sich rein zu fühlen, der andere den «Rassisten», um sich gut zu fühlen. Es ist derselbe Hebel, nur die Richtung der Verachtung dreht sich um. Beide bauen ihr Selbstbild auf einem Menschen auf, den sie unter sich benötigen. Und beide nennen es Haltung.
Wer sich erheben muss, verrät seine eigene Leere
Und damit zur unappetitlichen Wahrheit hinter beiden Lagern. Niemand, der mit sich selbst im Reinen ist, benötigt einen Tiefergestellten, um aufrecht zu stehen. Das Bedürfnis, sich über andere zu erheben – über Fremde, über Ungläubige, über die «dummen Rassisten», über wen auch immer – ist kein Zeichen von Stärke, Klarheit oder gar Charakter. Es ist das exakte Gegenteil, ein Pflaster über einer Wunde, die niemand sehen soll. Das Ego bläht sich genau in dem Mass auf, in dem das Selbstwertgefühl darunter zusammengeschrumpft ist. Wer wirklich etwas ist, muss es niemandem beweisen, indem er einen anderen kleinredet. Die Lautstärke der Herabwürdigung ist umgekehrt proportional zur Substanz dessen, der herabwürdigt. Wer ständig jemanden unter sich benötigt, sagt damit nur einen einzigen Satz über sich selbst: Allein, auf eigenen Beinen, ohne einen Niedrigeren als Sockel, finde ich in mir selbst nichts, worauf ich stehen kann.
Der eigentliche Massstab
Am Ende zählt nicht, wer das lauteste Banner schwenkt, die makelloseste Abstammungsurkunde vorzeigt oder das reinste Gewissen für sich reklamiert. Es zählt einzig, ob ein Mensch diesem Land und diesen Menschen etwas gibt, statt sich nur an der Verachtung für andere aufzurichten. Und hier wird es finster, denn dieser Massstab schont niemanden.
Die Verachtung für den anderen war noch nie ein Zeichen von Stärke, sondern stets die Bankrotterklärung dessen, der allein nicht aufrechtstehen kann. Jede Generation hält ihre Sündenböcke für die einzig wahren und steht am Ende doch vor demselben Spiegel, in dem das Monster zurückblickt, das sie überall sonst gesucht hat. Die einen erheben sich über den Fremden, die anderen über den, der den Fremden fürchtet – und beide stehen auf demselben billigen Sockel aus fremder Erniedrigung. Wahre Grösse benötigt kein Feindbild, keinen Tiefergestellten und kein Megafon, sondern nur die unmoderne Frage, ob man ein anständiger Mensch geblieben ist – und an dieser Frage scheitert am zuverlässigsten, wer sein dünnes Selbstwertgefühl aus der Erniedrigung anderer zieht!









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