Erst monatelang die Ruehrseligkeitsmaschine bedient, dann ab in die Fettpresse: Ein gestrandeter Buckelwal, den halb Norddeutschland zur tierischen Hauptdarstellerin verklärt hatte, endet als Biodiesel, Knochenmehl und gereinigtes Abwasser – verarbeitet von einer Fabrik, die solche Kadaver routiniert in drei Wertstoffströme zerlegt. Es gibt Geschichten, die sind so kitschig, dass sie sich am Ende selbst karikieren. Diese hier hat es geschafft.
Wochenlang dümpelte das Tier vor den Küsten herum, gestrandet, geschwächt, dem Sterben näher als jeder Rettung. Und statt die Natur ihren Lauf nehmen zu lassen, formierte sich eine private Initiative voll guten Willens, hievte das halbtote Geschöpf auf ein Frachtschiff und verfrachtete es Richtung offene See, wo man es voller Stolz wieder aussetzte. Mission erfüllt, Selfie gemacht, Spendenkonto gefüllt. Dass ein Biologe das Ganze offen als Tierquälerei bezeichnete, ging im allgemeinen Herzwärme-Rausch natürlich unter.
Die Rettung, die keine war
Man stelle sich vor: Ein todkrankes Tier wird auf einem Schiff durch halb Nordeuropa gekarrt, mit einem Sender versehen wie ein Paketstück und dann mitten ins Nirgendwo entlassen, damit die Beteiligten guten Gewissens schlafen können. Wenige Wochen später lag das Geschöpf tot am Strand einer abgelegenen Insel. Die Todesursache? Unbekannt. Aber hey, immerhin hat man es noch rechtzeitig befreit, bevor es woanders starb.
Der angebrachte Sender wurde am Kadaver wiedergefunden, die Daten inzwischen ausgelesen. Wann die Öffentlichkeit erfährt, was wirklich geschah, bleibt vage – die Behörden versprechen eine «möglichst zügige» Auswertung, jene Formulierung also, hinter der sich Verwaltungsapparate seit jeher verschanzen, wenn das Ergebnis unbequem zu werden droht.
Drei Tonnen Mitgefühl, fein säuberlich getrennt
Was nach dem Spektakel folgte, war von schöner Nüchternheit. Ein Bagger lud die zerteilten Reste in Container, ein Lastwagen brachte sie zur Verwertung. In der Fabrik geschieht dann, was Industrie eben tut: Alles wird sortiert. Das Wasser wird gereinigt und zurück ins Meer geleitet. Das Fett wandert in die Biodiesel-Produktion. Knochen, Sehnen und Haut werden zu einer Art Mehl vermahlen, das anschliessend in einem Zementwerk verbrannt wird.
So wird aus dem monatelang betrauerten Sympathieträger am Ende: Sprit, Brennmaterial und sauberes Abwasser. Ein paar Knochen dürfen ins Naturkundemuseum, als ausgestelltes Mahnmal dafür, wie gut gemeint und grottenschlecht ausgegangen so nahe beieinander liegen.
Das gute Gewissen als Geschäftsmodell
Die eigentliche Pointe steckt nicht in der Fabrik, sondern davor. Eine ganze Maschinerie aus Mitleid, Medienpräsenz und Spendenappellen hatte sich um dieses eine Tier gebildet, ein Symbol musste her, ein Name, eine Erzählung. Dass die «Rettung» die Sache womöglich beschleunigt hat, statt sie zu verhindern, wird sauber unter den Teppich gekehrt. Schliesslich zählt nicht das Ergebnis, sondern die Geste.
Am Ende bleibt ein Tier, das man erst krank durch die Meere schiffte, dann tot am Strand wiederfand und schliesslich in einer Fabrik in seine industriellen Einzelteile zerlegte. Man hat es gerettet – und nennt dies «Tierschutz»! Man hat es vermarktet – und nannte es Anteilnahme. Man hat es verbrannt – und kassiert dafür womöglich noch ein CO2-Zertifikat. Willkommen in einer Welt, in der selbst das Mitgefühl am Schluss noch verheizt wird…









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