Die Universität verkauft sich als letzte Insel des freien Denkens. In Wahrheit ist sie seit hundert Jahren die Werkbank der Steuerung: Wer zahlt, bestimmt die Frage, der Professor liefert die Antwort und wer widerspricht, heisst heute Wissenschaftsleugner. Aus humanistischer Reflexion wurde sozialwissenschaftliche Verwaltung des Menschen.

Universität im Ausverkauf: Wer zahlt, fragt. Wer fragt, fliegt.

Das sauberste Labor für diesen Umbau stand nicht in Harvard, sondern in Stockholm. Dort lässt sich Schritt für Schritt nachlesen, wie eine Hochschule vom Ort des Nachdenkens zur Stellwerkszentrale umgebaut wurde, bezahlt in Dollar, beglaubigt in Kronen und bis heute nicht gekündigt.

Die Arbeiterfrage als Verwaltungsproblem

Anfang des 20. Jahrhunderts fragten die Industriellen nicht, was die streikenden Arbeiter wollten, sondern wie man sie handhabt. Für diese Frage wurde ein neuer Experte benötigt. Den Weg über den Staat versuchte zuerst der Sozialreformer G. H. von Koch. Am 21. Januar 1919 verlangte er im Reichstag Professuren für Sozialpolitik in Uppsala und Lund. Die Juristen in Lund winkten ab. Einer von ihnen nannte Sozialpolitik eher eine Richtschnur fürs Handeln, eine Kunst, als ein Wissen und warnte, die wissenschaftliche Objektivität gerate in Gefahr, wenn an der Universität Politik Einzug halte. Der Ausschuss der Zweiten Kammer befand, Sozialpolitik sei derzeit keine eigene Wissenschaft. Am 2. Juni 1919 schloss sich die Erste Kammer an. Geprüft wurde nur noch eine Professur für Nationalökonomie.

Im Reichstag abgelehnt, mit Spenden gebaut

Was Parlament und Universität abgelehnt hatten, entstand zwei Jahre später trotzdem, nur eben privat. Ihr Mann hiess Gösta Bagge: 1917 Doktorat über die Lohnfindung in Kollektivverhandlungen, 1921 ein neu geschaffener Lehrstuhl für Nationalökonomie und Sozialpolitik an der Stockholms högskola. Gleichzeitig leitete er das am 1. Januar 1921 eröffnete Socialinstitutet, angestossen von der Stadt Stockholm und vom Centralförbundet för socialt arbete, einer Denkfabrik für die «wissenschaftliche» Lösung der sozialen Frage, in der auch von Koch mitwirkte. Gegründet wurde das Institut mit Spendengeld und Gemeindebeiträgen, später flossen auch Mittel der Knut och Alice Wallenbergs stiftelse. Lehrstuhl und Institutsleitung waren von Anfang an gekoppelt: Wer die Professur hielt, führte das Institut und wer das Institut führte, bestimmte, was als Sozialpolitik gelehrt wurde.

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Der Klassenkampf war damit kein Streit um Macht mehr, sondern ein Fall für die Fachstelle. Die Absolventen landeten in den Gemeindeverwaltungen, obwohl keine feste Vorschrift diese Ausbildung verlangte. Anfangs aber fehlten Studenten und Geld. 1924 lief Bagges Schule laut einem Empfehlungsschreiben unter sehr schwierigen Umständen. Die Rettung kam nicht aus dem Reichstag, sondern aus New York.

Rockefeller kauft sich eine Disziplin

Im September 1924 sass Bagge im Büro des Laura Spelman Rockefeller Memorial und gewann dessen Direktor Beardsley Ruml für sein Projekt. Das Memorial und die Rockefeller Foundation stemmten in jenen Jahren rund 95 Prozent aller Stiftungsgelder, die in den USA für Sozialwissenschaften flossen. Erklärtes Ziel: Personal und Institute für die systematische Untersuchung konkreter sozialer Probleme. Zu Hause hatte Ruml bereits 1923 den Social Science Research Council mit aus der Taufe gehoben, das Vorbild jener Forschungsräte, die heute per Ausschreibung festlegen, welche Frage überhaupt Geld verdient.

280’000 Dollar für eine Professorenzucht

Zwischen 1926 und 1938 bewilligte die Stiftung der Stockholms högskola rund 280’000 Dollar, davon etwa 121’000 allein für Institutsgebäude und Bibliothek. 1925 hatte die Hochschule ganze zwei Professoren und einen Dozenten für Nationalökonomie. Der eine Professor neben Bagge war Gustav Cassel, der wohl berühmteste Ökonom der frühen 1920er-Jahre, Verfasser eines Währungsmemorandums für den Völkerbund und 1928 geladener Zeuge vor dem Bankenausschuss des US-Repräsentantenhauses. Ein glänzenderes Gütesiegel für ein Haus, das gerade gekauft wurde, gab es nicht. Bis 1960 gingen dann rund 40 schwedische Sozialwissenschaftler mit Rockefeller-Stipendium in die USA, 25 davon wurden Professoren in Schweden und acht landeten in Chefsesseln von Behörden und Organisationen. Gunnar Myrdal sass nach seinem Stipendienjahr im Ausschuss, der die Forschung des Rockefeller-Instituts lenkte. Ein Stiftungsdirektor jubelte, man habe auf ein «winning horse» gesetzt. Bagge wiederum legte 1931 den Plan für einen sozialwissenschaftlichen Forschungsrat mit Rockefeller-Anschubgeld vor, wurde 1935 Chef der Konservativen und 1939 Minister. Wer die echten Rockefeller-Akten liest, benötigt keine erfundenen.

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Totaler Krieg als Lehrplan

Die zweite Generation dachte gleich in Bevölkerungen. Torsten Husén baute ab 1942 für den Generalstab der Armee psychologische Tests auf, schrieb im selben Jahr das Buch «Psykologisk krigföring» und war die treibende Kraft hinter dem Staatsbericht von 1953 über die psychologische Verteidigung. Der Bericht nennt die Herkunft seines Leitbegriffs selbst: Den totalen Krieg habe Ludendorff 1935 mit seinem Buch «Der totale Krieg» lanciert. Folgerichtig verlangt das Papier eine totale Verteidigung, in der die ganze Gesellschaft in einem gemeinsamen Verteidigungswillen angespannt wird, geplant schon im Frieden. Dafür ruft es Sozialpsychologen, Soziologen, Politologen und Statistiker auf, dazu Historiker, Kulturanthropologen und Psychiater. Das ist kein Forschungsprogramm, das ist ein Stellenplan. Darin steht auch nüchtern, es gebe inzwischen Instrumente, mit denen man ganze Bevölkerungen rasch beeinflussen könne. Das war keine Warnung, sondern eine Bestandesaufnahme mit Betriebsanleitung. Seit 2015 plant Schweden wieder die totale Verteidigung samt staatlich gepflegtem «Verteidigungswillen». Wie man ein Volk kriegstüchtig redet, ist eben Lehrstoff.

Vom Kriegspsychologen zum Schulmeister der Welt

Danach wechselte der Kriegspsychologe ins Klassenzimmer. 1952 holte ihn der amerikanische Hochkommissar als Berater nach Deutschland. Am UNESCO-Institut in Hamburg trafen sich 1958 Bildungspsychologen und Statistiker, um Schulen weltweit messbar zu machen. Die erste Vergleichsstudie über zwölf Länder erschien 1962. Daraus wurde die IEA, die Husén bis 1978 präsidierte. Bezahlt wurde die Weltvermessung unter anderem vom US-Bildungsamt und von der Ford Foundation. 1969 zog ihr Hauptsitz von Hamburg nach Stockholm, 1971 schuf der Reichstag für Husén einen Lehrstuhl für internationale Pädagogik und im selben Jahr übernahm er den Vorsitz im Verwaltungsrat des UNESCO-Instituts für Bildungsplanung in Paris. Dazwischen sass er zweimal als Gast am Center for Advanced Study in Stanford. Den PISA-Test betreibt zwar die OECD, doch die IEA-Vermessung hat ihn nachweislich mitgeprägt. Was dabei herauskommt, wenn Prüfer die Gesinnung benoten, zeigt die Umerziehung per PISA.

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Die Politik bestellt, der Professor liefert

Wer glaubt, das sei Vergangenheit, lese den schwedischen Staatsbericht zur Hochschulsteuerung, den die Sonderermittlerin Pam Fredman im Februar 2019 ablieferte. Regierung und Reichstag geben die übergeordneten Ziele vor, die Hochschulen haben grosse Freiheit, wie diese Ziele erreicht werden. Das ist die Freiheit des Zulieferers. Im Juni 2024 erklärte die Klimaministerin im Reichstag, im Kampf gegen Klima-«Desinformation» spielten Bildungswesen und Forschung eine entscheidende Rolle. Ein Jahr später lieferte der Forschungsrat die Ausführung. Seine Ausschreibung neuer strategischer Forschungsgebiete, bestellt mit dem Forschungsgesetz unter dem Titel «Neugier und Nutzen», stellt für das Klimafeld vorab fest, der wissenschaftliche Konsens sei robust: Menschliche Aktivität sei die Ursache der Erwärmung. Ab 2027 gibt es dafür 22 Millionen Kronen. Die Frage ist beantwortet, bevor sie gestellt wird.

Wallenberg forscht, die UBS doziert

Die Mäzene heissen heute wieder Wallenberg. Ihr KI-Programm WASP war Ende 2019 auf 5,5 Milliarden Kronen bis 2029 angewachsen, 4,2 Milliarden davon aus der Familienstiftung, Industriekooperation inklusive. Die Begründung lieferte Peter Wallenberg Jr. gleich mit: Schweden müsse an der Front liegen. Und die Schweiz? Die UBS kaufte sich 2012 für 100 Millionen ein Zentrum an der Universität Zürich, bekam einen Sitz im Beirat der Volkswirtschaft und Exklusivität gegen Konkurrenzsponsoren. Die geheimen Vertragsstellen kamen erst ans Licht, als Journalisten sie erzwangen. Über tausend Wissenschaftler protestierten, die Uni kassierte trotzdem. So sieht die technokratische Zukunft aus, wenn sie Talar trägt.

1926 kostete ein ganzes schwedisches Denkgebäude 280’000 Dollar, 2012 kostete ein Zürcher Zentrum samt Hörsaal mit Bankennamen 100 Millionen. 1919 sagte der Reichstag Nein, 1921 sagte das Spendengeld Ja und seither wird der Reichstag nur noch informiert. Bagge vermass die Arbeiter, Husén die Schüler der Welt, die Stifter vermassen beide. Und wer heute im Seminar fragt, wer den Fragebogen bezahlt hat, fliegt schneller hinaus, als die Stiftung die nächste Tranche überweist!

Universität im Ausverkauf: Wer zahlt, fragt. Wer fragt, fliegt.

Transparenzhinweis: Illustrationen wurden digital erstellt und dienen der Veranschaulichung. Der Beitrag wurde redaktionell geprüft und verantwortet.

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