Wer bei PISA 2025 die volle Punktzahl will, benötigt kein Physikbuch, sondern die richtige Gesinnung. Die OECD hat die Naturwissenschaft zum Schwerpunkt erklärt und das Fach gleich mit umgebaut: Aus Rechenaufgaben wurden Bekenntnisfragen, aus Formeln Glaubenssätze, aus Schülern Konfirmanden der Nachhaltigkeit. Beim Windpark zählt nur die eine erlaubte Zone, bei der CO2-Steuer nur die Begründung der Regierung. Die Gesinnung steht nicht mehr über der Aufgabe, sie steht im Lösungsschlüssel.

Umerziehung per PISA: Ideologisierung der Schule härter als in der DDR

Am 8. September 2026 kam die Quittung: Deutschland fällt in den Naturwissenschaften auf 486 Punkte und liegt in allen drei Fächern unter der allerersten Erhebung, beim Lesen mit 465 Punkten, in Mathematik mit 464. Die Schweiz hält mit 501 Punkten ihr Niveau. Über den Absturz wird geklagt. Darüber, was da eigentlich abgefragt wird, schweigt man.

Parole vorn, Physik hinten

Christian Rieck, Professor für Finanzwirtschaft und Wirtschaftstheorie in Frankfurt, hat DDR-Abschlussprüfungen der zehnten Klasse neben die PISA-Beispiele gelegt. Im Arbeiter- und Bauernstaat stand die Parole am Anfang, die Weiterentwicklung der Industrie, die bessere Versorgung der Bevölkerung. Danach kam nackte Physik: Leistung eines Pumpspeicherwerks in Kilowatt, Wassermasse für die Fernheizung, Bremsweg auf nasser Fahrbahn. Wer die Präambel überlas, verlor keinen einzigen Punkt. Offen politische Aufgaben über Volksarmee und Landesverteidigung gab es auch, doch selbst die Parteitagsprosa wurde nach 1984 laut Riecks Auswertung immer dünner. Die DDR schmückte ihre Physik mit Ideologie, gerechnet wurde trotzdem.

Noch 2003 liess PISA die Schüler prüfen, ob «Menschen sollten nicht die Rolle des Schöpfers übernehmen» ein wissenschaftlicher Grund gegen das Klonen sei. Richtige Antwort: Nein. Damals trennte der Test Wissen von Glauben. Genau diese Trennlinie hat die OECD inzwischen abgerissen.

Umerziehung per PISA: Ideologisierung der Schule härter als in der DDR

Zone C oder durchgefallen

Von sechs freigegebenen Aufgabenblöcken kreisen fünf um Umwelt, Klima und Nachhaltigkeit, einer um Blitz und Donner. Beim Windpark sollen die Jugendlichen jene Zone wählen, die den besten Kompromiss zwischen Kosten und Umweltschaden bietet. Punkte gibt es ausschliesslich für Zone C. In der ersten Frage zählt «kein CO2» als volle Antwort, obwohl die Bewertungsanleitung selbst in Klammern einräumt, dass bei Transport und Bau sehr wohl CO2 anfallen kann. Als Umweltschaden genügt der Satz, die Tiere würden leiden. Wer Zone C ankreuzt und dazu schreibt, man solle die Windräder gleich an Land bauen, bekommt einen Gnadenpunkt für das richtige Kreuz, aber keinen für das Denken.

Noch unverblümter die Aufgabe zur Energiequelle. Pikant: Als einzige Quelle, welche die Stadt rund um die Uhr versorgt, gilt dort ausgerechnet Gas. Die volle Punktzahl erhält nur, wer als Zweck einer CO2-Steuer beides ankreuzt: Geld für die Forschung an sauberer Energie und die Lenkung hin zu umweltschonenderen Quellen. Die Begründung der Regierung wird zur naturwissenschaftlichen Kompetenz erklärt. Bei der Wegwerfmode mit dem obligaten Kleiderberg im Bild holt den Punkt, wer jene Aussage findet, welche die Nachhaltigkeit von Biobaumwolle stützt. Nach dem Gegenbeleg fragt keiner. Wer erkennt, dass sparsamer Wasserverbrauch und gezielte Pestizide den Baumwollanbau schonender machen, landet auf Kompetenzstufe sechs.

Glaubwürdig ist, wer im Chor singt

Vertrauen in die Wissenschaft entsteht laut dem OECD-Rahmenwerk durch den Konsens unter Wissenschaftlern. Daraus wird Beispielaufgabe sieben, Kontext «Gesundheitsgefahren»: Ein Facebook-Artikel nennt Impfstoffe gefährlich, die Schüler kreuzen an, was sie zweifeln lässt. Unter den Gründen steht, der Artikel widerspreche dem wissenschaftlichen Konsens. Impfskepsis ist damit vorab als Denkfehler verbucht. Galilei wäre an dieser Aufgabe gescheitert, die Klimaforschung, die ihre Zweifler bekämpft, hätte sie mit Bestnote bestanden.

Umerziehung per PISA: Ideologisierung der Schule härter als in der DDR

Die deutsche Fassung legt nach. Aus «Who should we believe?» wird laut Rieck «Wissenschaftler, Doppelpunkt, innen und ihre Arbeit», aus der Begutachtung durch Fachkollegen eine Überprüfung durch Wissenschaftler mit eingebautem Gendersignal. Das englische Original kommt ohne aus, weil es die Grammatik schlicht nicht hergibt. Schon 2003 scheiterten Schüler laut Rieck am Wort «Hemisphäre», weil man hierzulande Erdhalbkugel sagt. Prüfen will man Naturwissenschaft, messen tut man Wortschatz und Gesinnung. Das Rahmenwerk widmet dem «Handeln im Anthropozän» ein eigenes Kapitel und rechnet Schülern die Umweltbilanz des Fleischessens vor.

Fairerweise: Eine Biodiversitätsaufgabe belohnt, wer eine alarmistische Schlagzeile zurückweist, welche die Grafik nicht hergibt. Die Energieaufgabe verlangt, die Unzuverlässigkeit des Windes zu benennen. Rieck selbst hält Quellenbewertung im KI-Zeitalter für sinnvoll, schwerer oder leichter seien die Aufgaben kaum geworden. Sein Ideologieindex steigt trotzdem von der DDR über PISA 2000 bis 2025 steil an.

Lehrplan Gehorsam

Die Schweiz ist nicht Zaungast. Der Aargauer Lehrplan führt unter «Bildung für Nachhaltige Entwicklung» neben Umwelt auch «Geschlechter und Gleichstellung» sowie «Politik, Demokratie und Menschenrechte». Das Schulbuch «Seydlitz Geographie 2» von Westermann behauptete laut einer Stichprobe, 2018 habe in Deutschland so viel Wald gebrannt wie nie. Laut Waldbrandstatistik verbrannten 1992 mit 4908 Hektar mehr als doppelt so viel Wald wie 2018. Der Verlag sprach von didaktischer Reduktion. Reduziert wurde die Wahrheit.

Umerziehung per PISA: Ideologisierung der Schule härter als in der DDR

Selbst Rieck, der die Wende zu Kompetenzen verteidigt, nennt die Ideologie im Kern der Aufgabe eine «riesengrosse Katastrophe» und eine Abkehr vom Geist der Aufklärung. Wer neun Jahre so beschult wird, kann am Ende zwar die Gesinnung aufsagen, aber keinen zusammenhängenden Text lesen. Pink Floyd sangen schon 1979 gegen die Gedankenkontrolle im Klassenzimmer, heute liefert die OECD den Bewertungsschlüssel dazu. Wie schwer die eigentliche Physik geworden ist, verrät die Blitzaufgabe: Schallgeschwindigkeit gleich Strecke durch Zeit, eingestuft auf Kompetenzstufe sechs, der höchsten überhaupt. Dividieren gilt als Spitzenleistung, Gesinnung als Pflichtfach. Die DDR klebte ihre Parteitagsparole wenigstens vor die Aufgabe, damit man sie überlesen konnte. Die OECD versteckt sie in der Lösung. Wer in zwanzig Jahren fragt, warum keiner mehr ein Pumpspeicherwerk berechnen kann, bekommt die Antwort in Zone C!

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